Reformierte Kirche in Ungarn

«Wir müssen über unsere öffentliche Rolle nachdenken»

Ein Skandal um Kindesmissbrauch erschüttert seit Wochen Politik und Gesellschaft in Ungarn. Dabei sind auch die Reformierten in den Fokus der Kritik geraten. Die Verflechtung von Kirche und Staat sei ein Problem, sagt der Ökumenebeauftragte der Reformierten Kirche in Ungarn Balázs Ódor.

Demonstrierende halten am 15. März in Budapest ein Plakat mit dem Bild des nackten Viktor Orbán in die Höhe. Der Schriftzug lautet: «Der König ist nackt». (Bild: Ferenc Isza / Keystone)

Ungarn erlebt derzeit die grössten Proteste gegen die Regierung von Viktor Orbán seit Jahren. In Budapest gingen in den vergangenen Wochen zehntausende Menschen auf die Strasse, um den Rücktritt des Ministerpräsidenten zu fordern. Auslöser war ein Missbrauchsskandal in einem staatlichen Kinderheim. Über Jahre hatte sich der Leiter des Heims an Kindern vergangen. Gedeckt wurde er vom stellvertretenden Heimleiter. Beide Täter waren zunächst verurteilt worden.

Anfang Februar wurde jedoch publik, dass der stellvertretende Heimleiter von Präsidentin Katalin Novák bereits im vergangenen Jahr begnadigt worden war. Darüber entbrannte der Volkszorn. Der Druck war so gross, dass Novák und mit ihr die Justizministerin Judit Varga zurücktreten mussten.

In den Skandal verwickelt ist auch die Reformierte Kirche. Deren Synodepräsident Zoltan Balog hatte der Präsidentin zur Begnadigung geraten, wie Medien aufdeckten. Auch Balog, ehemals Minister unter Orbán, trat daraufhin von seinem Amt als oberster Reformierter zurück, behielt indes das Bischofsamt in seiner Diözese (ref.ch berichtete).

Zur Person

Balázs Ódor (50) ist Pfarrer der Reformierten Kirche in Ungarn, seit 2009 leitet er die Abteilung für Ökumene und Aussenbeziehungen. Zuvor war er unter anderen Landesjugendpfarrer und lehrte Systematische Theologie an einer Theologischen Hochschule. Ódor war Mitglied in Leitungsgremien mehrerer ökumenischer Organisationen. Die Beziehung mit der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) und die strategische Zusammenarbeit mit dem Hilfswerk Heks bei der Roma- und Flüchtlingsintegration sind wichtige Elemente seiner Arbeit.

Die Reformierte Kirche ist mit rund einer Million Mitgliedern die zweitgrösste Religionsgemeinschaft in Ungarn. Mehr als 30 anerkannte Religionsgemeinschaften gibt es im Land, die finanziell weitgehend von Staatszuschüssen abhängig sind. Anders als in westlichen Ländern gibt es in Ungarn keine Kirchensteuern.

Die Religionsgemeinschaften befänden sich in einem Clinch zwischen Abhängigkeit und christlichem Auftrag, erklärt Balázs Ódor, Ökumenebeauftragter der Reformierten Kirche, gegenüber ref.ch. Von den jüngsten Entwicklungen erhofft er sich, dass sie innerhalb der Kirche eine Debatte über deren öffentliche Rolle auslösen.

Herr Ódor, die Reformierte Kirche in Ungarn ist international in die Schlagzeilen geraten, nachdem Synodepräsident Zoltan Balog im Zuge eines Missbrauchsskandal sein Amt niedergelegt hat. Was war seine Rolle?
Balog war nicht direkt in den Missbrauch verstrickt. Aber er räumte auf Druck der Medien ein, dass er als Berater der Staatspräsidentin ans Herz gelegt hatte, den stellvertretenden Heimleiter zu begnadigen. Er behauptete, er sei von dessen Unschuld überzeugt gewesen. Bei seinem Rücktritt gestand Balog ein, dass dieser Rat ein schwerer politischer Fehler war. Er habe dem Ansehen seiner Kirche geschadet.

Ist die reformierte Kirche kritisiert worden?
Die öffentliche Kritik richtete sich in erster Linie gegen die Regierung von Ministerpräsident Viktor Orbán, aber auch unsere Kirche geriet in den Fokus. Viele Menschen waren bestürzt, dass Balog in seiner Erklärung die Missbrauchsopfer mit keinem Wort gewürdigt hat.

«Für uns als Kirchen stellt sich die Frage, ob ein Politiker entscheiden darf, was christlich heisst.»
Balázs Ódor

Wie geht man innerhalb der Kirche mit dem Skandal um?
In einem Rundschreiben an unsere internationalen Partner hat sich unser Interims-Präsident dazu verpflichtet, mehr zu tun, um vulnerable Personen in kirchlichen Einrichtungen zu schützen. Wir wollen gemeinsam mit diesen Partnern unsere Kinderschutzpolitik stärken. Er hat zudem der Opfer von sexuellem Missbrauch gedacht und zum Gebet eingeladen. Daneben müssen wir darüber nachdenken, was unsere öffentliche Rolle ist und wie weit die Verflechtung von Kirche und Staat unserem Auftrag schadet. Diese Themen wollen wir an der kommenden Synode vom 24. April diskutieren.

Ministerpräsident Viktor Orbán ist selbst bekennender Protestant und macht sich für christliche Werte stark. Wie gross ist die Gefahr, dass die Kirchen in Ungarn instrumentalisiert werden?
Jede Identitätspolitik, die sich auf das Christentum beruft, hat das Interesse, Kirchen als Partner zu haben und für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. Das ist auch in Ungarn so. Für uns als Kirchen stellt sich die Frage, ob ein Politiker entscheiden darf, was christlich heisst. Und da besteht natürlich die Gefahr, dass wir der Ideologie und der Macht verfallen. Das ist eine grosse Herausforderung für uns.

«Die Bedingungen für kirchliche Flüchtlingsarbeit sind weiterhin schwierig.»
Balázs Ódor

Wird das innerhalb der Kirche diskutiert?
Schon vor dem Rücktritt von Zoltan Balog gab es Stimmen in unserer Kirche, die ihn dazu aufriefen, über seine politischen Aktivitäten als Bischof nachzudenken. In der Synode haben wir zudem schon vor zehn Jahren ein Leitbild entwickelt, das besagt, dass wir in einer sich verändernden gesellschaftliche Situation glaubwürdig das Evangelium verkünden wollen. Die Verflechtung von Kirche und Politik wurde in unserer Kirche aber nicht immer gleich intensiv diskutiert. Die Synode hat nun die Verantwortung, sich in dieser Frage klar zu positionieren.

Ein heikles Thema ist auch die Migrationspolitik. Viktor Orbán ist für seine restriktive Haltung bekannt. Ist in diesem Umfeld kirchliche Flüchtlingshilfe noch möglich?
Die Bedingungen für kirchliche Flüchtlingsarbeit sind weiterhin schwierig. Seit Ausbruch der Flüchtlingskrise vor zehn Jahren ist die Stimmung in Ungarn in dieser Frage aufgeheizt. Von der Regierung wurden verschiedentlich Mittel für die Flüchtlingshilfe gekürzt. Es war auch nicht immer klar, auf welcher Seite unsere Kirchenleitungen politisch standen. Trotzdem ist es uns gelungen, unsere Flüchtlingshilfe aufrechtzuerhalten. Das war fast ausschliesslich durch die Hilfe unserer internationalen Partner wie Heks möglich. 2015 hat unsere Kirchenleitung entschieden, in der Zusammenarbeit mit Heks einen Schwerpunkt auf die Flüchtlingsintegration zu legen. Das war ein wichtiger politischer Entscheid.