Missbrauch in der Kirche

«Eine Studie kann späte Gerechtigkeit schaffen»

Die Historikerinnen Monika Dommann und Marietta Meier haben sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche erforscht. Eine entsprechende Studie sei auch für die Reformierten sinnvoll, sagen sie, und warnen zugleich vor einer Feigenblatt-Forschung.

Sie leiteten das Piloprojekt zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche: Monika Dommann (links) und Marietta Meier. (Bild: Ela Çelik / Tamedia)

Frau Dommann, nach den Studien der katholischen Kirche in der Schweiz und der Evangelischen Kirche in Deutschland wird auch bei den Reformierten der Ruf nach einer Aufarbeitung von möglichen Fällen sexualisierter Gewalt laut. Wie könnte eine solche Studie aussehen?
Dommann: Es gäbe verschiedene Ansätze. Mir scheint die Frage aber verfrüht. Bevor über den Forschungsansatz gesprochen werden kann, sollte klar sein, was man mit einer Studie erreichen will. Ich habe den Eindruck, dass das innerhalb der reformierten Kirche noch nicht hinreichend geklärt ist.

Die reformierten Kirchen müssten sich zunächst also einig werden, welche Ziele sie verfolgen?
Dommann: Genau. Die reformierte Kirche sollte herausfinden, was sie konkret will. Für uns Wissenschaftlerinnen ist wichtig, das Erkenntnisinteresse der Auftraggeberin zu kennen. Erst auf dieser Grundlage können wir Empfehlungen abgeben, wie eine Studie aussehen könnte. Einfach eine Studie in Auftrag zu geben, weil man das Gefühl hat, das mache sich gut, scheint mir wenig sinnvoll.

Meier: Zudem gibt es zum Thema des sexuellen Missbrauchs in religiösen Gemeinschaften bereits Forschungsarbeiten. Als Auftraggeber einer Studie ist es sinnvoll, diese Untersuchungen im Vorfeld anzuschauen. Eignet sich eine juristische, eine sozialwissenschaftliche oder eine historische Studie, wie wir sie machen, am besten? Die jeweiligen Vor- und Nachteile müssen abgewogen werden. Für die Forschung ist aber noch ein anderer Punkt zentral.

« Es ist wichtig, etwas über die Strukturen zu erfahren, die Missbrauch ermöglichen oder sogar begünstigen. »
Marietta Meier, Historikerin

Welcher?
Meier: Wichtig ist, dass die Forschenden einen uneingeschränkten Zugang zu den Akten erhalten. Auch das braucht eine gute Absprache innerhalb der Kirche, damit nicht geblockt wird, wenn ein Gesuch um Akteneinsicht eintrifft.

Dommann: Dazu gehört auch, dass den Beteiligten erklärt wird, warum die Wissenschaftlerinnen Zugang zu allen gewünschten Akten erhalten müssen. Was für uns nicht in Frage käme, ist, mit geschwärzten Akten zu arbeiten.

Aufgrund des föderalistischen Systems der Reformierten scheint die Aktenlage besonders komplex zu sein. Ein zentrales Archiv gibt es nicht. Ist das ein Problem?
Meier: Es ist in der Geschichtswissenschaft nicht unüblich, dass die Aktenlage komplex ist. Wie es bei der reformierten Kirche aussieht, kann ich nicht sagen. Es war aber schon bei der römisch-katholischen Kirche nicht einfach, auch dort gibt es Archive auf verschiedenen Ebenen, von den Diözesen bis zu den Heimen und Ordensgemeinschaften. Solche Dinge herauszufinden, wäre der erste Schritt einer Forschung.

Sie sagten, die Reformierte müssten das Ziel einer Studie selbst festlegen. Haben Sie eine persönliche Empfehlung?
Dommann: Ich bin der Meinung, die reformierte Kirche sollte die Gelegenheit nutzen, mehr über die Hintergründe von Missbrauch in ihren Reihen zu erfahren. Dafür reicht es nicht, lediglich herauszufinden, wie viele Fälle es waren und wo die Übergriffe passiert sind. Damit ist noch nicht viel erklärt.

Meier: Ich sehe das auch so. Schliesslich geht es auch um Prävention. Daher ist es wichtig, etwas über die Strukturen zu erfahren, die Missbrauch ermöglichen oder sogar begünstigen. Und die Strukturen zu kennen, die eine Aufdeckung solcher Fälle verhindern. Ansonsten bleibt es eine Feigenblatt-Forschung.

« Es ist durchaus möglich, dass die Strukturen der Reformierten ganz eigene Räume für Missbrauch schaffen. »
Monika Dommann, Histoikerin

Die Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland hat viele Erkenntnisse über die Hintergründe von Missbrauch zutage gefördert. Braucht es noch eine Schweizer Studie?
Dommann: Ich würde davor warnen, Ergebnisse aus anderen Ländern oder Religionsgemeinschaften einfach auf die reformierte Kirche zu übertragen. Es ist durchaus möglich, dass die Strukturen der Reformierten ganz eigene Räume für Missbrauch schaffen, die es in anderen Religionsgemeinschaften nicht gibt.

Meier: Ich finde solche Vergleiche heikel. Auch in der katholischen Kirche der Schweiz hat man gehofft, dass die Zahlen nicht so dramatisch ausfallen würden wie in anderen Ländern. Eine neue Studie kann Überraschendes ans Licht bringen. Ein Beispiel ist die Annahme, der Zölibat sei allein verantwortlich für sexualisierte Gewalt in der katholischen Kirche. Das ist nun durch die Studie der Evangelischen Kirche in Frage gestellt worden.

Einen anderen Weg geht man in der Evangelischen Kirche in Österreich. Sie setzt auf die Zusammenarbeit mit einer Opferschutzorganisation. Wäre das eine Alternative?
Domman: Meiner Meinung nach braucht es beides, eine unabhängige Meldestelle und eine Studie. Um das Phänomen Missbrauch wirklich zu verstehen, braucht es eine vertiefte Forschung.

Sie sind Historikerinnen. Welche Vorteile hätte eine historische Aufarbeitung im Vergleich etwa mit einer empirischen Sozialforschung?
Dommann: Ein Vorteil ist, dass die Geschichtswissenschaft viel Erfahrung hat mit solchen Studien, zum Beispiel aus der Forschung über Missbrauch in Heimen, Adoptionen oder im Zusammenhang mit Medikamentenversuchen. Zudem gibt sie Verstorbenen, die nicht mehr reden können, eine Stimme. Für diese Betroffenen kann eine historische Studie späte Gerechtigkeit schaffen.