Stadtzürcher Reformierte sollen ein Parlament erhalten

Im Gespräch: Der Stadtverbandspräsident Andreas Hurter zur ambitionierten Reform und warum es dabei keine Tabus geben darf. Die Fragen stellte Oliver Demont.

Andreas Hurter mag den jährlich von den Medien vorgetragenen Mitgliederschwund der reformierten Kirchen nicht als «gegeben» hinnehmen. (Bild: ref.ch)

Herr Hurter, die reformierte Kirche in der Stadt Zürich startet mit einem in diesem Ausmass wohl noch nie dagewesenen Reformprozess – zumindest in ihrer jüngeren Geschichte. In einer Rede sagten Sie einmal sinngemäss, dass es für Sie ausser Zweifel stehe, dass sich die reformierte Kirche bewegen werde. Warum sind Sie sich so sicher?

Es ist eine Tatsache, dass wir immer weniger Mitglieder haben und somit die Steuereinnahmen sinken. In den 60er-Jahren waren es 270’000 Menschen, die in der Stadt Zürich der reformierten Kirche angehörten, heute zählen wir noch rund 90’000, Tendenz weiterhin sinkend. Sie sehen: Wir sind schlicht und einfach gezwungen, unsere Strukturen auf die neuen Verhältnisse anzupassen. Unsere Organisation entspricht noch heute derjenigen vor fünfzig Jahren, als wir noch 250’000 Mitglieder hatten.

 

Angenommen die Reform scheitert, was dann?

Dann würden wir weiterhin jährlich Millionenverluste einfahren, bis das Eigenkapital aufgebraucht ist. Am Ende stünde der Verlust unserer Handlungsfähigkeit. Aber das will ja niemand. Die Botschaft des Stimmvolks am 28. September, als es sich klar für eine einzige Kirchgemeinde in der Stadt ausgesprochen hat, ist klar: Packt das an und stellt unsere Kirche wieder auf tragfähige Strukturen.

 

Dann ist also das Geld der einzige Treiber, dass die Reformierten in der Stadt Zürich ihre Struktur reformieren?

Es ist unbestritten, dass das Geld den Anstoss zur Reform gab. Es ist aber nicht der einzige Grund. Bereits vor rund zehn Jahren kam ein Prozess in Gang, der sich mit der Frage beschäftigte, wie die reformierte Kirche ihren Auftrag zeitgemäss wahrnehmen kann. Es braucht darum auch heute zuerst eine inhaltliche Diskussion, was wir denn als reformierte Kirche leisten wollen. Und dann kommt rasch auch die finanzielle Frage ins Spiel: Was können wir überhaupt noch leisten mit dem Geld, das uns künftig noch zur Verfügung steht?

 

Was muss die Kirche Ihrer Meinung nach in Zukunft leisten?

Ich werde mich hüten, Ihnen da eine persönlich gefärbte Antwort zu geben. Ich komme auf diese Frage aber gerne im nächsten Herbst zurück, wenn wir so weit sind, um erste Ergebnisse präsentieren zu können.

 

Haben Sie eine persönliche Vision, wie die Reformierte Kirche in der Stadt Zürich in zehn Jahren aussehen könnte?

Ich habe eine generelle Vision: Wir müssen schauen, dass die Kirche spür- und sichtbar vor Ort wirken kann. Das bedingt aus meiner Sicht einen schlanken und effiziente Verwaltungund möglichst viele Mittel für die Kirche vor Ort.

 

Am 28. September stimmten bis auf zwei Kirchgemeinden alle einer Kirchgemeindefusion in der Stadt Zürich zu. Das war ja ein wenig wie bei der Ecopop-Initiative: Mit solch einem klaren Resultat rechnete kaum jemand. Was war Ihr erster Gedanken, als das Resultat bekannt war?

Mir gingen zwei Gedanken durch den Kopf: Erstens ist es hervorragend, dass wir solch einen glasklaren Volksauftrag haben, den man in der Umsetzung nicht anders deuten kann. Zweitens hatten wir im Schnitt eine Stimmbeteiligung von 33 Prozent. Das ist für solch eine Vorlage eine beachtenswerte Beteiligung. Die Menschen haben sich also mit dem Thema befasst. Dies sicher auch dank den beiden Komitees, die viel dazu beitragen haben, dass vor der Abstimmung eine Diskussion in der Öffentlichkeit stattgefunden hat.

 

Wann soll der Reformprozess abgeschlossen sein?

Ab dem 1. Januar 2019 wollen wir in den neuen Strukturen arbeiten. Das sind wir auch den Stimmberechtigten schuldig.

 

Vier Jahre also, das ist ziemlich viel Zeit.

Im Gegenteil. Wir haben enorm viel Arbeit vor uns, da sind die vier Jahre geradezu ambitioniert. Und schauen Sie, wie lange ein Fusionsprozess von politischen Gemeinden dauert. Zehn Jahre oder noch länger sind da keine Seltenheit. Im Vergleich dazu sind wird regelrecht auf der Überholspur unterwegs.

 

Können Sie den Fahrplan des Prozesses kurz skizzieren?

In einer ersten Phase, die rund eineinhalb Jahre dauert, müssen wir die Kirchenordnung so anpassen, dass eine Umstrukturierung überhaupt möglich wird. Da sind einige Gremien involviert: Kirchenrat, Rechtsdienst, Synode, Regierungsrat und am Schluss auch noch der Kantonsrat. Trotzdem sind wir zuversichtlich, im Herbst 2016 die neue Kirchenordnung in den Händen zu halten. Diese ist nämlich zwingend nötig für die zweite Phase, in der die Reform konkret vorbereitet wird. Beispielsweise um die Möglichkeit zu schaffen, ein reformiertes Stadtparlament einzurichten.

 

Es wird also ein reformiertes Stadtparlament geben?

Das wissen wir noch nicht. Aber wir haben dies im Vorstand diskutiert und wollen am 28. Januar 2015 der Zentralkirchenpflege den Antrag stellen, der Option eines Stadtparlaments eine hohe Priorität einzuräumen.

 

Was erhoffen Sie sich von einem Stadtparlament?

Mit dem Stadtparlament würden wir eine basisdemokratisch legitimierte Organisation schaffen. Das finde ich klug. Ein Parlament würde dann die wesentlichen Entscheide treffen und auch das Budget beschliessen. Das heisst aber nicht, dass es keine Volksabstimmungen mehr geben wird.

 

Gibt es überhaupt eine Alternative zu einem Parlament?

Ich sehe im Moment keine. Eine grosse Kirchgemeindeversammlung mit 90’000 Mitgliedern kann keine Alternative sein. Natürlich kommen nie alle. Aber selbst wenn 10’000 Menschen kommen würden, wäre das bereits eine unglaubliche organisatorische Herausforderung.

 

Wie schauen Sie, dass Sie alle Beteiligten mit ins Boot nehmen können und am Ende des Prozesses eine Punktlandung hinlegen?

Der Prozess muss tatsächlich breit verstanden und getragen werden. Wir müssen eine Idee haben, wo unsere Kirche 2030 stehen soll. Es ist ganz wichtig, dass wir trotz den vielen Fragen den Kopf über Wasser behalten und die Zielorientierung nicht aus den Augen verlieren.

 

Sie sind nebst ihrer Tätigkeit als Ingenieur ETH auch Organisations- und Strategieentwickler. Worin unterscheidet sich die reformierte Kirche von anderen Organisationen in solch einem Reformprozess?

Bei einer Firma gibt es eine Geschäftsleitung und die sagt: So machen wir das. Sie ist Kraft ihres Amtes legitimiert, eine Richtung vorzugeben. Anders in der Kirche. Zwar haben wir seit dem 28. September einen Volksauftrag für diesen Reformprozess, aber es gibt nicht ein oberstes Organ in der Stadt Zürich, das bestimmt. Vielmehr verteilt sich die Entscheidungsgewalt an der Spitze auf die 34 autonomen Kirchgemeindepflegen und in die Zentralkirchenpflege. Darum wird es auch wieder das Volk sein, das mit einer Volksabstimmung die neue Kirchenordnung der Kirchgemeinde Stadt Zürich annehmen oder ablehnen wird.

 

Mit welchem Kosten rechnen Sie für diesen ganzen Reformprozess?

Das ist sicherlich ein Millionenbetrag.

 

Mehrere Millionen?

Eine Million wird für die nächsten vier Jahre nicht reichen. Wir müssen viele Begegnungen ermöglichen, Experten für einzelne Abschnitte zuziehen, beispielsweise bei den Rechtsgrundlagen für die neue Kirchenordnung. Dann sind die vielen Liegenschaften in eine neue Eigentümerschaft zusammenzuführen und das Immobilienmanagement aufzubauen. Auch müssen wir uns über die Infrastruktur Gedanken machen, von den Telefonleitungen bis zu den Büros.Sie dürfen nicht vergessen: Wir sind ein Betrieb mit knapp 1000 Mitarbeitenden, solche einschneidenden Massnahmen kosten Geld. Das Gute daran ist aber: Arbeiten wir in der neuen Struktur, werden wir auch jährlich Geld einsparen.

 

Beispielsweise?

Heute schliesst jede Kirchgemeinde mit Anbietern eigene Verträge für Telekommunikationsdienstleitungen ab. Künftig können wir mit einem oder wenigen Anbietern Verträge für eine Kirchgemeinde abschliessen und können am Ende vermutlich erst noch bessere Leistungen aushandeln. Diese Synergieeffekte werden sich in der Rechnung positiv auswirken. Und auch bei den Liegenschaften werden wir, neu organisiert, Kosten einsparen und die Erträge optimieren.

 

Gibt es eigentlich ein Tabu im Reformprozess?

Sagen wir es so: Es gibt eine Notwendigkeit in diesem Prozess, dass Themen auf den Tisch kommen. Welche das genau sind, wird sich allerdings erst im Prozess zeigen, den wir offen und ohne Absichten angehen werden. Offen beinhaltet aber auch, dass es keine Tabus geben darf.

 

Wird die reformierte Kirchgemeinde in der Stadt Zürich per 1. Januar 2019 weniger Mitarbeitende als heute aufweisen?

Wir werden mit weniger Geld auskommen müssen und somit auch mit etwas weniger Personal. Das Ziel wird aber sein, über Fluktuationen und Pensionierungen in den nächsten vier Jahren den Abbau zu erreichen.

 

Böse Zungen könnten behaupten, dass dieser Reformprozess einer Liquidation der Kirche auf Raten gleichkommt. Was antworten Sie diesen?

Ach wissen Sie, wir sollten aufhören, den Mitgliederschwund, den uns die Medien fast wie ein Mantra jährlich verkünden, zu sehr als gegeben hinzunehmen. Klar, wir haben schmerzlich viele Mitglieder verloren. Aber wir wissen auch, dass mit der neuen Bauzonen-Ordnung der Stadt Zürich Wohnraum für 70’000 Menschen geschaffen wird. Machen wir uns Gedanken darüber, wie wir für diese Menschen eine attraktive Kirche sein können. Auch wenn es nicht das erklärte Ziel der reformierten Kirche sein kann, um jeden Preis zu wachsen.

 

Wachstum würden Sie aber auch nehmen.

Selbstverständlich. Aber wir werden nur wachsen, wenn wir als Reformierte Kirche attraktiv und nahe bei den Menschen in der Stadt sind. Es ist wie bei einer Backstube: Werden feine Guetzli gebacken, die auch auf der Strasse lecker duften, haben die Menschen ohnehin den Drang und auch die Lust, reinzukommen und sie zu geniessen.