Resilienz

«Wir müssen die Solidarität wieder stärken»

Die Corona-Situation in der Schweiz ist erneut angespannt. Wie gelingt es, durchzuhalten und die Nerven nicht zu verlieren? Die Ostschweizer Seelsorgerin Kathrin Bolt weiss Rat.

Auch alleine kann ein Spaziergang erfrischen: Ein Mann spaziert durch Zürich. (Bild: Keystone/ Alessandro Della Bella)

«Uns geht es gut», sagt Kathrin Bolt, sie klingt entspannt am Telefon. Dabei ist das im Moment keine Selbstverständlichkeit, denn Bolts achtjährige Tochter ist vergangene Woche an Corona erkrankt. Die Quarantäne, in welche sich die Familie trotz Impfung vorsorglich begeben hat, sieht Bolt auch als Chance. Ballettunterricht, Musikstunde und die Pfadi habe sie abgesagt und dabei gemerkt, wie viel Programm die Kinder hätten. «Nun haben wir den Raum, nichts zu tun.» Dabei macht Bolt keinen Hehl daraus, dass eine Quarantäne belastend sein kann.

Die reformierte Pfarrerin in der St. Galler Kirchgemeinde Straubenzell schlägt von ihrem Alltag aus Parallelen zu grossen theologischen Fragen. Als Menschen unterwegs zu sein, und dabei mit Erfüllung, aber immer wieder auch mit Rückschlägen konfrontiert zu sein, sehe sie als Lebensaufgabe an.

Auch sie selbst sei müder, ungeduldiger und wütender als zu Beginn der Pandemie vor bald zwei Jahren. Es sei in Ordnung, sich Erschöpfung einzugestehen. Und schliesslich seien der November und der Dezember auch in anderen Jahren besonders fragile Zeiten.

Humor beibehalten

«Wir haben es aber selbst in der Hand, wie wir mit der Situation umgehen», betont Bolt. Sie rät, häufig an die frische Luft zu gehen und zum Beispiel draussen zu Mittag zu essen. «Verstecken Sie sich nicht hinter verschlossener Türe, sondern suchen Sie das Licht». Wichtig sei weiter, genügend lange zu schlafen, um ausreichend Energie für den Alltag zu haben. Bewegung, etwa Joggen oder Tanzen, könne helfen, Wut abzubauen und sich körperlich davon zu lösen.

Sie selbst stützen Treffen mit guten Freundinnen. Zudem versuche sie, sich bewusst Zeit für Gebete zu nehmen und in diesen Frust und Sorgen abzulegen. Auch helfe es ihr, den Humor zu behalten, ohne eine Situation zu verspotten.

Kreativität fördern

Bolt beobachtet Veränderungen seit Beginn der Coronakrise. Im März 2020 habe die Kirchgemeinde die Gesangsbücher jeweils zwei Tage ausgelüftet vor dem nächsten Gebrauch, und sie selbst habe sich fast nicht mehr getraut, durch ein Lebensmittelgeschäft zu laufen. «Ich habe damals eine grosse kollektive Angst gespürt, aber auch viel Solidarität».

Zur Person

Kathrin Bolt arbeitet als reformierte Pfarrerin für die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Straubenzell in St. Gallen. Gemeinsam mit Regula Hermann und Uwe Habenicht bildet sie das dreiköpfige Pfarrteam. Bolt lebt mit ihrem Partner und zwei Töchtern in St. Gallen.

Diese gelte es nun wieder zu stärken, denn sie habe abgenommen. Die Einsamkeit sei grösser geworden, meint Bolt. Die Ökumene habe gelitten, der Fokus in der Pandemie gehe zu einem selbst. Dabei sei ihre Haltung im Glauben jene, dass neben dem Individuum das grössere Ganze wichtig sei.

Gerade jetzt sei sie als Seelsorgerin sehr gefragt, erzählt Bolt. «Zu Beginn der Coronakrise haben wir viele Mitglieder angerufen und uns nach deren Befinden erkundigt. Wir waren als Kirchgemeinde sehr kreativ. Darauf sollten wir wieder vermehrt setzen.»

Die Pfarrerin erinnert daran, die Zuversicht nicht zu verlieren. «Wir dürfen Hoffnung haben», sagt Bolt. Es gelte, nicht in der Situation zu erstarren. «Es wird nicht für immer so bleiben, selbst wenn wir nicht wissen, wohin der Weg führt».