Sprengkandidatur sorgt bei Fraktionen für Erstaunen
Am Montag, den 3. Mai, erreichte die Synodalen der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn ein Schreiben mit Sprengkraft. Darin wurde Synodepräsident Christian Cappis als Kandidat für den Synodalrat vorgeschlagen (ref.ch berichtete). Das Pikante daran: Cappis tritt somit gegen die offizielle Kandidatin der Unabhängigen Fraktion an, die SP-Grossrätin Ursula Marti. Die Unabhängige Fraktion ist jene, der Cappis selbst noch bis vor Kurzem angehört hat und aus der er aufgrund seiner Kandidatur ausgetreten ist.
Somit buhlen mit Cappis, Marti und der offiziellen Kandidatin der Fraktion Gruppe Offene Synode (GOS), Renate Grunder, drei Kandidatinnen und Kandidaten um zwei Sitze im Synodalrat. Es kommt also zur Kampfwahl.
Bei den Unabhängigen ist man über die Kandidatur von Cappis mehr als erstaunt. «Ich bin sehr enttäuscht», sagt Fraktionspräsidentin Marlis Camenisch. Es sei von Anfang an klar gewesen, dass man nur eine Kandidatur ins Rennen schicken will. «Und da hat unsere Fraktion sich ganz klar für Ursula Marti entschieden», sagt Camenisch. Besonders stossend sei, dass Cappis von vier Mitgliedern der eigenen Fraktion vorgeschlagen wird. «Das stiftet zusätzlich Verwirrung. Ich wurde schon von Synodemitgliedern gefragt, wer nun unsere offizielle Kandidatur ist.»
Camenisch glaubt, dass Cappis sich mit seiner Kandidatur keinen Gefallen getan hat. Natürlich sei es sein Recht, zu kandidieren. Auch wenn er selbst betone, dass er damit nicht auf den Sitz der GOS ziele, bleibe dennoch das Risiko bestehen, dass genau dieser nun gefährdet sei. «Wir jedenfalls möchten, dass die GOS ihren Sitz bekommt», sagt Camenisch. Die Fraktion sei zudem von ihrer offiziellen Kandidatin Ursula Marti überzeugt. «Sie ist für uns die richtige Persönlichkeit im Hinblick auf die zukünftigen Herausforderungen. Die politische Erfahrung ist zusätzlich eine vorteilhafte, willkommene Kompetenz.»
Fraktionen besprechen vorgehen
Elvira Weber, Fraktionspräsidentin der Kirchlichen Mitte, bezeichnet die Kandidatur von Christian Cappis als «sehr problematisch». Nach Absprache mit den Synodalen sei klar, dass ihre Fraktion Christian Cappis nicht zu einem Hearing einladen werde. Hingegen sei mit den beiden offiziellen Kandidatinnen ein Gespräch an der Fraktionssitzung geplant. Klar sei aber auch bei ihnen: «Der Sitz der GOS ist für uns unbestritten.»
Überrascht ist Marie-Louise Hoyer, Fraktionschefin der Jurassischen Fraktion. «Es verkompliziert die Sache», sagt sie. Wie ihre Fraktion zur Kandidatur stehe, müssten sie an einer Sitzung besprechen. Ähnlich tönt es bei der Positiven Fraktion. «Wir sind von zwei Kandidaturen ausgegangen. Wir müssen das weitere Vorgehen nun diskutieren», sagt Fraktionspräsidentin Lydia Schranz.
Auch die GOS könne sich noch nicht zu den einzelnen Kandidaturen äussern, da die dritte Kandidatur eben erst bekannt geworden sei. So sagt Fraktionspräsidentin Heidi Federici Danz: «Wir werden die Situation an unserer Fraktionssitzung diese Woche besprechen.» Erfreulich sei, dass sowohl die Unterstützerinnen und Unterstützer von Ursula Marti als auch jene von Christian Cappis betonten, dass der Sitz der GOS unbestritten sei. «Wie die Wahl zuletzt ausgeht, wissen wir aber nicht», sagt Federici Danz.
Einerticket der GOS ist kein Thema mehr
Für «wenig geschickt» hält Christoph Jakob, Fraktionspräsident der Liberalen, den Schachzug Cappis'. «Er hätte als Synodepräsident früher kommunizieren müssen, dass er gerne kandidieren möchte.» Nun werde man alle Kandidaten zu einem Hearing einladen. Auch Renate Grunder, Kandidatin der GOS, die gemäss Jakob einen «guten Leistungsausweis» hat. Für ihn sei der Sitz der GOS unbestritten, sagt Jakob. Das erstaunt, da die GOS erneut mit einem Einerticket zur Wahl antritt. Also genau das macht, was die Liberalen an der letzten Synode als «undemokratisch» bezeichnet hatten. Damals hatten sie mit einem Ordnungsantrag dafür gesorgt, dass die Wahl verschoben wurde. «Wir waren von der damaligen Kandidatin nicht überzeugt», sagt Jakob heute. Das sei nun mit Renate Grunder anders.
Das Schreiben, das Cappis zur Wahl vorschlägt, hat also bei den Fraktionen für Aufruhr gesorgt. Einer der Unterzeichner ist Bruno Wolfgang Bader, Mitglied der Unabhängigen. «Ich und andere der Fraktion halten Christian Cappis einfach für den geeigneteren Kandidaten», sagt Bader. «Er steht für die Basis, fürs Kirchenvolk.» Dass das Vorgehen für Unruhe sorgt, sei ihm klar. «Doch es ist demokratisch legitim, auf diese Weise einen Kandidaten ins Spiel zu bringen.» Das Risiko, dass er damit auch den Sitz der GOS gefährdet, hält Bader für klein. «Wir können uns nicht vorstellen, dass Frau Grunder nicht gewählt wird.»
Es wird also spannend an der Sommersynode vom 25. und 26. Mai. Erst dann wird sich zeigen, wer die beiden Sitze von Judith Pörksen Roder und Claudia Hubacher erobert.