Auf allen Kirchenbänken zuhause
Wie feiert ein Theologe, der ein bewegtes Leben hatte, seinen 90. Geburtstag? Im Fall von Fulbert Steffensky nicht nur mit Kaffee und Kuchen. Seine Tochter, die in Bolivien lebt, überraschte ihn mit einem Besuch. Mit ihr, seiner Frau und seinen sieben Enkelkindern besuchte er das Kloster, in dem er 13 Jahre lang als Benediktinermönch lebte – und das er schliesslich ohne Erlaubnis für immer verliess.
Wie den Besuch im Kloster nutzt Steffensky auch ein Interview mit dem Kirchenboten als Gelegenheit, um auf sein bisheriges Leben zurückzublicken. Als junger Mann habe er die religiöse Welt als selbstverständlich erlebt, sagt er im Gespräch. Im Glauben fand er Sicherheit, Selbstverständlichkeit und Gemeinsamkeit. All das sei mit der Zeit verloren gegangen. Heute seien die Menschen selbst verantwortlich für ihren Glauben, doch der sei zu schwer zu tragen für den Einzelnen.
«Konfessionen spielen keine Rolle»
Gleichzeitig begrüsst er die Veränderung der Kirche. Sie sei vorsichtiger, fragender, offener und wacher geworden. «Wir haben früher nicht gesucht, weil alles schon gefunden war und alles vorgegeben und vorgedacht war», sagt Steffensky. Er sei noch nie so gerne in der Kirche gewesen wie heute.
Zu welcher Kirche sich der 90-Jährige zugehörig fühlt, lässt sich schwer sagen. In Luzern gehe er gerne in die evangelisch-reformierte Matthäuskirche. Er nennt sie seine «Mutterkirche». Bei den Kapuzinern trifft man ihn allerdings auch an. «Konfessionen spielen für mich keine Rolle», sagt der Theologe, der bei Katholiken wie Reformierten hohes Ansehen geniesst. Er finde es «lächerlich», dass Menschen gezwungen seien, in Konfessionen zu denken. Steffensky schiebt nach, in seinem Alter könne er sich eine solche Aussage leisten.
Dazu passt sein Bekenntnis, dass er sich nie vom Katholizismus abgewendet habe, aber inzwischen Protestant sei und Calvin und Luther liebe: Er führt ein Leben zwischen den Stühlen. «Das ist ein sehr guter Platz», sagt er, «aber man ist auch nie ganz zu Hause.»
Abschied nehmen vom Sport
Fulbert Steffensky zählt zu den bekanntesten theologischen Autoren im deutschsprachigen Raum. Mit 21 Jahren trat er in das Benediktinerkloster Maria Laach in der Eifel ein. Mit 35 Jahren verliess er es ohne kirchliche Erlaubnis, trat zum evangelischen Glauben über und heiratete die protestantische Theologin Dorothee Sölle. Gemeinsam begründeten sie das Politische Nachtgebet. Steffensky lehrte Erziehungswissenschaft in Köln und von 1975 bis zu seiner Emeritierung 1989 Religionspädagogik in Hamburg. Seine Frau Dorothee Sölle starb 2003. Steffensky lebt mit seiner zweiten Frau, der katholischen Theologin Li Hangartner, in Luzern. (dst)
Nach seinem 90. Geburtstag bereitet sich der Theologe nun auf das hohe Alter vor. Er müsse Stück für Stück auf seine sportlichen Aktivitäten verzichten, die er liebevoll seine «alten Künste» nennt: Wandern in den Luzerner Bergen, Schwimmen im Vierwaldstättersee und Radfahren.
Und was ist mit dem Tod? «Das ist Gottes Sache», sagt Steffensky lapidar. Doch bevor es so weit ist, will der Religionspädagoge seinen Enkelkindern ein Stück der christlichen Tradition vermitteln – ohne den Anspruch, dass sie diese «unter allen Umständen lieben müssen.»
Anmerkung der Redaktion: Der Artikel ist vor der Publikation der Missbrauchsstudie zur katholischen Kirche entstanden und enthält daher keine Stellungnahme zu dem Thema.