So bloggen Reformierte in der Schweiz

In Deutschland sind die erfolgreichsten Religions-Blogs des Jahres 2017 gekürt worden. Auch in der Schweiz wird über religiöse Themen gebloggt – und auch die Kirche selbst ins Visier genommen.

Auch in der Schweiz wird über religiöse Themen gebloggt.
Der «Diesseits»-Blog der Reformierten Kirche Kanton Zürich will kein kirchliches Werbefenster sein. (Bild: Pixnio.com)

In seinem neusten Eintrag auf dem Diesseits-Blog der Reformierten Kirche Kanton Zürich fährt Autor Stephan Jütte dem «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel an den Karren. «Mein Gott, Köppel!» lautet der Titel, «Roger Köppel – ein Taliban in Karl Barths Namen?» der Untertitel zum Artikel. Im Text wirft Jütte Köppel unter anderem vor, ein Zitat von Karl Barth «provokativ, aber ziemlich schludrig» gedeutet zu haben.

51 Leser fanden der Artikel «wichtig», 25 «fundiert», 21 drückten den «Inspirierend»-Button. Fünf Leserinnen fanden ihn «langweilig», sechs «schlecht».

Keine institutionelle Plattform

Gestartet ist der Diesseits-Blog im September 2016. Der Theologe Stephan Jütte, Bereichsleiter der Hoch- und Mittelschulen der Reformierten Landeskirche Zürich, gehört zu den Autoren und ist Mitgründer des Blogs. Mit seinen Beiträgen schaltete er sich in die #MeToo-Debatte ein, äusserte sich pointiert zum Thema «Ego-Projekt Kind». Laut Jütte wollte man eine Plattform lancieren, auf der Artikel zu gesellschaftlichen, ethischen und theologischen Themen publiziert werden können. «Wir wollte keine Institutions-Kommunikationsplattform der Reformierten Kirche Zürich sein», sagt Jütte.

Seiner Meinung nach sei das bis heute gelungen. Der Diesseits-Blog sei kein Werbefenster der Kirche und die Beiträge würden auch nicht vom Kirchenrat abgenickt: «Die Autorinnen und Autoren nehmen sich die Freiheit heraus, auch innerkirchliche Themen aufzugreifen und die Kirche selbst zu kritisieren.» Wie beispielsweise beim Thema #ChurchToo, bei dem Frauen von Übergriffen in ihren Gemeinden berichteten.

Schmutzige Wäsche draussen waschen

Nicht immer komme diese Kritik an. Die eigene schmutzige Wäsche müsste doch lieber im Keller gewaschen werden, höre Jütte aus kirchlichen Kreisen ab und zu. Aber Jütte möchte die öffentliche Debatte. Nur das bringe die Kirche weiter. «Jeder kann einen Artikel publizieren. Zu jedem Thema.» Gerade diese Offenheit sei ein sehr reformiertes Merkmal. Zensuriert oder abgelehnt werde ein Beitrag nur dann, wenn er gegen das Strafrecht verstosse oder auf eine Person ziele.

Mittlerweile schreiben gut 20 Autorinnen und Autoren für den Diesseits-Blog. Darunter sind bekannte Politiker wie FDP-Ständerat Ruedi Noser und der Zürcher Sicherheitsdirektor Mario Fehr, oder Kirchenpersönlichkeiten wie Res Peter, Pfarrer des Zürcher Neumünsters, oder «Wort zum Sonntag»-Moderatorin Catherine McMillan. Nicht alle publizieren regelmässig. «Das ist okay, wir wollten den Autoren auch bei der Publikationsfrequenz nichts vorschreiben», sagt Jütte.

Autoren aus anderen Kirchen gewünscht

Jütte selbst gehört zu den fleissigsten Schreibern. Wichtig sei ihm, dass seine Haltung zu einem Thema spürbar werde. «Auch die anderen Autoren sollen auf dem Blog etwas von sich preisgeben. Reine Sachartikel sind langweilig», sagt Jütte.

Die Leserinnen wollen die Menschen hinter dem Text spüren. So habe zum Beispiel der Artikel von Sara Stöcklin über Homophobie in den Freikirchen im vergangenen Jahr zu den erfolgreichsten des Blogs gezählt.

Jütte ist mit seinem Blog zufrieden, sieht aber noch Potential. «Ich würde mich freuen, wenn Autoren aus anderen Kantonalkirchen vermehrt für den Blog schreiben würden.» Schliesslich würden viele Themen in der Kirche nicht an der Kantonsgrenze haltmachen.

Geschichten aus dem Alltag

Auch die Reformierte Landeskirche Aargau hat einen Blog namens «ungeniert reformiert». Der erste Beitrag erschien dort im Januar 2014. Seitdem schreiben Mitarbeitende der reformierten Kirchgemeinden und der Landeskirche über Begegnungen in der Kirche, erzählen kleine Geschichten des Alltags und «denken über den christlichen Glauben nach und darüber, was mit dieser 500 Jahre alten Gemeinschaft heute passiert», wie Frank Worbs, Leiter Kommunikation der Landeskirche Aargau, sagt.

«Die meisten Menschen haben seltsame Vorstellungen von der Kirche und vom Bodenpersonal Gottes. Der Blog soll dieses Bild verändern, die Kirche distanzierten Menschen etwas näher bringen, um sie ihnen menschlicher, näher, emotionaler zu zeigen», sagt Worbs.

Neue Autorinnen gesucht

Anfangs hätten die 12 Autorinnen und Autoren noch mindestens zwei Beiträge pro Woche publiziert. Bis Anfang 2017 sei es noch im Schnitt ein Beitrag pro Woche gewesen. Mittlerweile werden auf «ungeniert reformiert» nur noch sporadisch Blogeinträge publiziert. «Mehrere Autorinnen und Autoren haben aus verschiedenen Gründen aufgehört: Sie haben beispielsweise gemerkt, dass dieses Medium nicht zu ihnen passt, haben sich beruflich oder persönlich verändert oder litten an einer Schreibblockade», sagt Worbs.

Man wolle den Blog aber wieder etwas beleben und neue Autoren suchen. Das sei im Reformationsjahr, in dem viele anderweitig beschäftigt sind, gar nicht so einfach. Laut Worbs sei der Blog zu Spitzenzeiten 46’700 mal pro Jahr angeklickt worden. Einer der meistgelesenen Artikel sei mit gut 3’000 Aufrufen der Artikel «Was Pfarrer in den Wahnsinn treibt» gewesen. Die meisten Aufrufe kämen durch Verlinkung von Beiträgen auf Facebook, über Suchmaschinen wie Google und von kirchlichen Internetseiten.

Neben den Autoren des «Diesseits»- und des Aargauer-Blogs gibt es noch weitere Reformierte, die ihre Gedanken auf einer eigenen Blog-Seite festhalten. So bloggt beispielsweise der evangelisch-reformierte Theologe Tobias Zehnder auf der Seite «tobiaszehnder.com» oder Carla Maurer, Pfarrerin der Swiss Church in London, unter «swissvicarlondon.blogspot.ch».