Wie man mit Blogs Kirchenklischees an den Kragen geht

Die Aargauer Reformierten setzen als erste reformierte Kirche konsequent auf Blogs: 14 Angestellte der Landeskirche bloggen seit 2014 unter dem Titel «ungeniert reformiert». Sie korrigieren das Klischee einer altbackenen Kirche.

Screenshot der Blogs.
«Was Pfarrer in den Wahnsinn treibt»: Aus einem Blog der Aargauer Kirche. (Bild: Screenshot www.blog.ref-ag.ch)

«Chasch nüd grad mit em Orgasmus afange», lautet der Titel eines Blog-Eintrags der Aargauer Pfarrerin Corinne Dobler. Sie erklärte damit, warum es die Vorfreude im Advent braucht – wie im Liebesleben könne man nicht mit dem Höhepunkt «Weihnachten» beginnen. Nur schon der Titel zeigt: Zensur gibt es bei «ungeniert reformiert» keine, und der Ton ist frisch und unkonventionell.

Bald 100 Beiträge sind unterdessen erschienen, und die Themenvielfalt ist gross und unterhaltsam. Man liest zum Beispiel von der anrührenden Menschlichkeit in den Altersheimen oder leidet mit, wenn ein Pfarrer eine Abdankung halten muss, bei der die Angehörigen partout kein Wort über den Verstorbenen hören möchten. Oder man schmunzelt über die lapidaren Fragen, die ein Jungpfarrer immer beantworten muss («ist Ihr Vater, der Herr Pfarrer, auch zu Hause?»).

Gegen Klischees und überholte Bilder

«Viele Kirchenmitglieder und Medienschaffende haben vor allem Klischees und überholte Bilder von der Kirche im Kopf», sagt Frank Worbs, Leiter Kommunikation der Aargauer Kirche. Man habe die Blogs eingerichtet, damit die Leser ein anderes, niederschwelliges Bild vom Leben der Kirchgemeinde gewinnen können. Die Blogs sollen die ganze Bandbreite kirchlicher Wirklichkeit abbilden, und auch alle Berufsgattungen sollen vorkommen. «Tatsächlich sind es aber mehrheitlich die Pfarrer, die schreiben. Sie haben am meisten Übung und am leichtesten Zugang zu solchen Formen», so Worbs.

Vor den Aargauern haben bereits die Zürcher Reformierten mit Blogs experimentiert. Von 2013 bis 2014 bloggten vier Autoren auf der Homepage des reformierten Hochschulforums unter dem Titel «re4me». Einer war der Theologe Stefan Grotefeld, der sich aber nicht ganz so begeistert äussert: «Die Resonanz war bescheiden. Wir hätten mehr Energie investieren und viel häufiger bloggen müssen. Ausserdem war unser Profil nicht klar genug.» Dieser Blog verschwand dann wieder in den Tiefen des Internets.

Lob der Online-Expertin

Das wird «ungeniert reformiert» wohl nicht passieren. Auch die Zürcher Online-PR-Expertin Marie-Christine Schindler ist von den Aargauer Blogs angetan. Sie hat unter anderem den Blog der katholischen Kirche im Kanton Zürich begleitet und mitaufgebaut, der seit 2013 im Einsatz ist. «Mir gefällt die breite Themenwahl von <ungeniert reformiert>. Mutig und transparent ist auch, die Anzahl Leser pro Artikel anzuzeigen», sagt Schindler.

Schön sei zudem, dass man einen Beitrag von «berührend» über «lustig» bis «nachdenklich» markieren und nach Kirchgemeinden filtern könne. So habe jede Gemeinde einen eigenen Blog unter dem Dach des Kantonalblogs. Weniger gefällt ihr die Textlastigkeit.

Kommentiert wird auf Facebook

Werden die Blogs auch gelesen? «2014 hatten wir über 20‘000 Seitenaufrufe, im Durchschnitt hatten die Blogs pro Monat zwischen 1500 und 4000 Aufrufe», so Worbs. «Für den Start sind wir sehr zufrieden mit den Zahlen, die unsere Erwartungen übertroffen haben.» Aufholen könne man noch bei der Zahl der Kommentare, die sich zwischen null und dreizehn pro Beitrag bewegt. Worbs erhalte zudem wenig bis gar keine Reaktionen auf die Blogs. «Viele Leser reagieren aber persönlich auf Facebook bei den Autoren.»

Übrigens: Auch der Aargauer Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg bloggt einmal im Monat auf «ungeniert reformiert»: Im letzten Beitrag rief er Kirchgemeinden auf, syrische Flüchtlinge aufzunehmen. Und einmal beschrieb er amüsant, wie er einen Tag als Müllmann unterwegs war. Am meisten gelesen wird aber, wen wunderts, die eingangs erwähnte Pfarrerin Corinne Dobler.

 

Hier gehts zum Blog der Aargauer Kirche.

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

 

Matthias Böhni/ref.ch