«Jeder Stein des Berner Münsters steht unter Beobachtung»

Als Hüttenmeister sorgt Peter Völkle dafür, dass das Berner Münster nicht auseinanderfällt. Wie das gelingt, erzählt der gelernte Steinmetz im Interview.

Die Witterung setzt den Sandsteinen des Berner Münsters besonders zu. (Bild: Keystone/Peter Klaunzer)

Herr Völkle, vor einem halben Jahr brannte die Notre-Dame in Paris. Was ging Ihnen beim Anblick der brennenden Kathedrale durch den Kopf?
Der Brand hat mich extrem ergriffen. Ich musste an meine Kollegen in Paris denken. So ein Feuer ist einfach eine grosse Katastrophe. Als Hüttenmeister kann man nur zuschauen, wie das Gebäude, dem man sich mit viel Liebe widmet, in Flammen aufgeht. Die Hilflosigkeit muss enorm sein.

Vergangene Woche traf sich in Basel der Verein der europäischen Dombau- und Hüttenmeister, in dem Sie im Vorstand sind. Mit dabei war auch der Architekt Philippe Villeneuve aus Paris, der den Wiederaufbau der Notre-Dame leitet. Was ist der momentane Stand der Arbeiten?
Noch immer sind Sicherungsarbeiten im Gange, dafür werden Stützkonstruktionen aus Holz errichtet. Ein Notdach wurde errichtet und soll verhindern, dass es in die Kirche regnet. Mich hat beeindruckt, wie sorgfältig Villeneuve und seine Leute dabei vorgehen. Der öffentliche Druck, die Kirche rasch möglichst wieder aufzubauen, ist gross. Trotzdem nehmen sich Villeneuve und sein Team die nötige Zeit, um überlegt zu handeln.

Wie wird eigentlich das Berner Münster vor solchen Bränden geschützt?
Dafür sorgen eine Vielzahl von Massnahmen. Verantwortlich für die Sicherheit ist die Münster-Architektin Annette Loeffel. Sie achtet darauf, dass – wenn irgendwie möglich – kaum mehr brennbares Material zum Einsatz kommt. Weiter verfügt das Berner Münster über eine gute Brandmeldeanlage und es erfolgen regelmässige Begehungen mit der Feuerwehr und mit Fachpersonen der Gebäudeversicherung.

Am Treffen in Basel wurde auch diskutiert, inwiefern bei der Pflege und dem Erhalt in die Gebäudesubstanz eingegriffen werden darf. Was ist Ihre Meinung dazu?
Ich finde es schön, ein Gebäude möglichst authentisch zu erhalten. Denn machen wir uns nichts vor: Jeder Weiterbau bedeutet ein Eingriff in die historische Substanz. Manchmal lassen sich Eingriffe aber nicht vermeiden. Dann aber sollen diese bitte so ausgeführt werden, dass sie spätere Generationen wieder ohne Schaden rückgängig machen können.

Das Berner Münster trotzt seit rund 600 Jahren Wind und Wetter. Was setzt dem Bau am meisten zu?
Bis in die 90er-Jahre machten die schwefelhaltigen Abgase den Steinen zu schaffen. Im Regenwasser gelöst, drangen sie in die Oberfläche ein und führten zu Steinschäden. Heute ist es ganz klar die Witterung. Die Sandsteine – übrigens von bester Qualität – dürfen keinesfalls für längere Zeit Nässe ausgesetzt sein, dafür benötigt es eine einwandfreie Entwässerung des Münsters. Weiter beobachte ich mit meinem Team jeden einzelnen Stein. Orten wir einen Schaden, gilt es rasch zu handeln. Dann füllen wir mit Mörtel Löcher auf oder stabilisieren die Steine, in dem wir sie mit Konservierungsmittel auf Siliziumbasis behandeln.

Das Münster wird jedes Jahr von Tausenden besucht. Kaum einer kennt Berns Wahrzeichen so gut wie Sie. Gibt es etwas, das Sie begeistert, aber von den Touristen gerne übersehen wird?
Begeistert bin ich vom Innenraum, aber den kann man nicht übersehen. Besonders der Chor mit den originalen Glasfenstern und dem wundervollen Gewölbe überwältigt mich immer wieder von Neuem. Aber zu Ihrer Frage: Achten Sie sich beim nächsten Besuch auf das Gewölbe mit seinen 86 Heiligenfiguren, dem sogenannten Himmlischen Hof. Es wird gerne übersehen, aber ist für mich ein künstlerisches Highlight.

Peter Völkle ist Steinmetz und Steinbildhauermeister. Seit 2006 kümmert er sich als Betriebsleiter der Münsterbauhütte um den Erhalt des Berner Münsters.