Schweiz gedenkt der Corona-Todesopfer
Der Aufruf von Bundespräsident Guy Parmelin zu einer Gedenkminute hat ein breites Echo ausgelöst. In grösseren und kleineren Orten sowie in allen Landesteilen wurden am Freitagmittag teilweise bis zu einer Viertelstunde die Kirchenglocken geläutet.
Einen Moment der Andacht gab es auch im Bundeshaus. «Um 11.59 Uhr in der Bundesratssitzung: Die Regierung legte eine Schweigeminute ein und gedachte der Verstorbenen und Betroffenen der Corona-Pandemie. Danke den Kirchen, das Geläut spendete Trost», schrieb Bundesratssprecher André Simonazzi auf Twitter.
Auf und rund um den Bundesplatz in Bern hielt rund ein Dutzend Menschen am Mittag kurz inne. Zwei Polizisten kontrollierten just in diesem Moment eine Frau mit einem Transparent, die die «Verleumdungspolitik der SVP» gegenüber Gesundheitsminister Alain Berset kritisierte. Nach 12 Uhr war in der Berner Stadtmitte von überall das Geläut der Landeskirchen zu hören.
Glockengeläute in Schweizer Städten
Auch in Zürich läuteten die Glocken. Im Grossmünster zündete Pfarrer Christoph Sigrist für die Opfer der Corona-Pandemie eine Kerze an. In Basel läutete die Glocke der Kirche St. Anton am Kannenfeldplatz bis 12.10 Uhr. Ein älterer Passant hielt für etwa zwei Minuten an, eine Frau verbrachte die Gedenkminuten auf ihrem Balkon und wischte sich Tränen aus den Augen.
Über die Stadt Luzern hinweg erschallte ab Punkt 12 Uhr das mehrstimmige Geläut der Glocken verschiedener Kirchen. Derweil nahm der übliche Mittagsverkehr seinen Lauf. Nach einer Viertelstunde verstummten die letzten Glocken. Auch in Thun läuteten am Freitagmittag die Glocken. Doch kaum jemand in der Innenstadt mochte an diesem regnerischen Tag lange innehalten.
Solidaritätsbekundungen per Twitter
Der Aufruf Parmelins löste auch auf Twitter unter dem Hashtag CoronaCHsilence eine Welle der Solidarität aus. Mehrere Schweizer Botschaften im Ausland hielten für einen Moment der Trauer und Solidarität inne. Auch die Belegschaft der US-Botschaft in Bern schloss sich der Schweigeminute an.
Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), schrieb im Vorfeld auf Twitter, sie wolle während des Geläuts für alle, die trauern und von der Pandemie besonders betroffen sind, beten. «Denn das Gebet schafft Verbundenheit, Aufmerksamkeit und nährt den Glauben.»
Auslöser der Schweigeminute und des Glockengeläuts war der Jahrestag des ersten Corona-Opfers in der Schweiz. Eine 74-jährige Frau aus dem Kanton Waadt starb am 5. März im Universitätsspital Lausanne (Chuv) an den Folgen einer Ansteckung mit dem Coronavirus. Seither ist die Zahl der Todesopfer stetig angestiegen und beträgt gemäss den offiziellen Zahlen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) inzwischen über 9300.
Schweiz zahlt hohen Preis
Im Hinblick auf den Jahrestag hatte Bundespräsident Parmelin zu Beginn der Woche vorgeschlagen, am Freitagmittag die Glocken läuten zu lassen und eine Gedenkminute abzuhalten. «Halten wir inne in Gedanken an die Opfer der Pandemie. Gedenken wir der Menschen, die weiterhin für ihre Gesundheit und ihre Arbeit kämpfen», sagte Parmelin in einer am Freitagmorgen auf Twitter verbreiteten Videobotschaft. Anerkennung verdiene auch das Pflegepersonal.
Seit dem ersten Todesfall in der Schweiz vor einem Jahr habe die Pandemie die Welt erschüttert. Auch die Schweiz habe einen hohen Preis bezahlt. «Viele Erkrankte leiden an Spätfolgen und Tausende haben ihre Arbeit und zuweilen auch die Hoffnung verloren», sagte der Bundespräsident.
Auf die Organisation einer Gedenkzeremonie hat der Bundesrat in Absprache mit den Präsidenten von National- und Ständerat verzichtet. Begründet wird dieser Entscheid mit der aktuellen epidemiologischen Lage. Dieser Argumentation hatte sich diese Woche auch die EKS angeschlossen. (sda/mos)