«Die Katastrophe ist bisher ausgeblieben»

Fast 900’000 Rohingya aus Myanmar leben derzeit in Flüchtlingscamps in Bangladesch. Trotz der enorm hohen Besiedlungsdichte kam es bisher zu keinem grossen Corona-Ausbruch. Sebastian Zug, Programmverantwortlicher beim evangelischen Hilfswerk Heks, erklärt, welche Massnahmen ergriffen wurden und was er vom umstrittenen Umsiedlungsprogramm der Regierung hält.

An den Eingängen der Camps errichtete Heks Stationen zum Fiebermessen und Händewaschen – eine der Massnahmen gegen das Coronavirus. (Bild: zVg)

Herr Zug, wie ist derzeit die Situation in den Flüchtlingscamps in Bangladesch?
Die Rohingya leben seit 2017 in diesen Camps. Sie kamen alle innerhalb weniger Wochen an, die Infrastruktur musste also wahnsinnig schnell aufgebaut werden. Das meiste davon wurde zwar mittlerweile ersetzt; die ursprüngliche Wasserversorgung etwa ist nicht mehr verwendbar, weil das Grundwasser kontaminiert ist. Gleichzeitig ist aber auch die heutige Infrastruktur lediglich temporär. Bangladesch hat kein Interesse, die Rohingya permanent anzusiedeln. Die Symbolik, dass sie ihre Heimat in Myanmar haben und irgendwann dorthin zurückgehen, soll erhalten bleiben.

Wie äussert sich das?
Es gab beispielsweise grosse Diskussionen, ob NGOs Ziegelsteine verteilen dürfen, um jeweils eine Ecke der Behausungen – dort wo Feuer gemacht wird – zu sichern und um eine nur 7 Zentimeter hohe Mauer zu errichten, damit die Behausungen während des Monsuns trocken bleiben. Das wurde abgelehnt. Früher durften NGOs ausserdem Zement verwenden, um die Böden damit zu befestigen. Das dürfen wir heute nicht mehr. Die meisten Behausungen bestehen darum nach wie vor aus Bambusstangen und Plastikplanen.

Zur Person

Sebastian Zug ist Heks-Programverantwortlicher für Humanitäre Hilfe für Bangladesch und Libanon. Er hat selbst drei Jahre in Bangladesch für verschiedene Organisationen gearbeitet.

Momentan sieht es nicht danach aus, als ob Rückführungen in näherer Zukunft möglich wären. Was macht das mit den Menschen?
Ich war leider das letzte Mal zu Beginn der Corona-Pandemie in den Camps, deshalb kann ich diese Frage nur mit einiger Distanz beantworten. Was ich weiss, ist, dass die Rohingya arbeiten und sich ein Einkommen erwirtschaften wollen. Sie haben allerdings keine Erlaubnis, dies ausserhalb der Camps zu tun – zum Schutz des einheimischen Arbeitsmarktes. Das führt zu einer gewissen Resignation. Allerdings muss man dazu sagen, dass es den Rohingya in Myanmar auch nicht besser ging. Sie waren ebenfalls ausgeschlossen von Bildungsangeboten und waren in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Aus Sicht der Regierung – sowohl von Bangladesch wie auch von Myanmar – sind Rohingya keine vollwertigen Bürger.

Wie hat Corona die Lage der Rohingya verändert?
Sie müssen sich vorstellen, dass die Menschen in diesen Camps unglaublich nahe aufeinander leben. Die Besiedlungsdichte liegt bei bis zu 70'000 Menschen pro Quadratkilometer. Zum Vergleich: Die Berner Altstadt hat eine Bevölkerungsdichte von 5600 Menschen pro Quadratkilometer. Ich war immer überzeugt, dass es zur Katastrophe kommen würde, wenn das Virus in den Camps ausbrechen würde. Diese ist aber ausgeblieben: Wir zählen bisher lediglich 381 Fälle. Das sind 43 pro 100'000.

Wie erklären Sie sich das?
Es wäre natürlich reizvoll, die niedrigen Zahlen allein auf die Interventionen der NGOs, der Vereinten Nationen und der Regierung zurückzuführen. Ich glaube allerdings, das wäre zu einfach. Es gab ganz zu Beginn Gerüchte unter den Flüchtlingen, dass an Covid-19 erkrankte Rohingya deportiert oder umgebracht würden, weshalb die Akzeptanz der Tests zunächst nicht sehr hoch war. Gegen eine hohe Zahl unentdeckter Fälle spricht jedoch, dass der Anteil positiver Tests mit 1,4% sehr gering ist. Dass die Menschen in den Camps nicht in geschlossenen Räumen leben, sondern in zeltartigen Baracken, durch die der Wind zieht, könnte die Gefahr einer Ansteckung reduziert haben. Aber auch das sind nur unzureichende Erklärungsansätze. Fakt ist: Wir kennen den Grund für die tiefen Zahlen nicht und hoffen sehr auf weitere Untersuchungen dazu. Da die Zahlen aber schnell steigen können, ist es wichtig, dass präventive Massnahmen fortgeführt werden. 

Mittlerweile zeigt sich überall auf der Welt, dass die Pandemie nicht nur Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung hat, sondern auch auf die wirtschaftliche Situation. Wie ist das im Distrikt Cox’s Bazar, wo die Rohingya leben?
Diesbezüglich gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen Rohingya und Bangladeschi: Die Flüchtlinge erhalten alle zwei Wochen Nahrungsmittelhilfe durch das Welternährungsprogramm. Die einheimische Bevölkerung bekommt keine solche Unterstützung. Das führte dazu, dass sich seit Beginn der Pandemie die Indikatoren zur Ernährungssicherheit unter den Bangladeschi sehr viel stärker verschlechtert haben als unter den Rohingya, auch wenn sie sozusagen von einem höheren Niveau aus gestartet sind. Der Grund dafür ist, dass der Arbeitsmarkt durch Corona eingebrochen ist, die Menschen also weniger Geld zur Verfügung haben. Aus diesem Grund führt Heks auch Projekte in der sogenannten host community durch, also unter den Bangladeschi.

«Als die Rohingya kamen, sind die Löhne eingebrochen, weil die Flüchtlinge für weniger Geld arbeiten – auch wenn sie offiziell gar nicht arbeiten dürften. Das birgt Frustrationspotenzial.»

Warum ist das wichtig?
Einerseits um Konflikte zu minimieren. Am Anfang gab es eine sehr grosse Bereitschaft, den Flüchtlingen zu helfen. Die Regierung hat sich als Wohltäterin dargestellt und lokale Bauern haben die ersten Rohingya mit Nahrungsmitteln versorgt. Diese Stimmung ist mittlerweile umgeschwungen. Ein grosser Konfliktherd ist die Konkurrenzsituation: Ein Bangladeschi bekommt 500 Taka, wenn er als Tagelöhner auf einem Reisfeld arbeitet, das sind umgerechnet etwa 5 Franken. Als die Rohingya kamen, sind die Löhne eingebrochen, weil die Flüchtlinge ebenso für 200 Taka arbeiten – auch wenn sie offiziell gar nicht arbeiten dürften. Das birgt Frustrationspotenzial. Andererseits besteht schlicht eine grosse Not unter den Bangladeschi.

Wie meinen Sie das?
Cox’s Bazar gehört zu den am schwächsten entwickelten Regionen Bangladeschs. Es ist also nicht so, dass wir mit den Projekten in der host community Menschen unterstützen würden, die es eigentlich gar nicht nötig hätten. Was ich ausserdem nicht verschweigen möchte: Die Regierung verlangt mittlerweile, dass NGOs einen Viertel ihrer Gelder in die einheimische Bevölkerung investieren, ansonsten bekämen wir keine Genehmigung mehr. Diese Regelung macht Sinn.

Die Covid-19-Hilfe des Heks

Im Rahmen einer Pressekonferenz informierte das Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz (Heks) am 23. Februar über seine Covid-19-Hilfe im In- und Ausland. Demnach wird in rund 30 Projekten weltweit auf die Pandemie reagiert. Im Ausland profitieren 200’000 Menschen direkt von den Massnahmen. Die grössten Interventionen finden in Bangladesch statt, weitere Schwerpunkte sind Haiti, Venezuela oder Osteuropa. Im Inland zählt Heks 10’000 Begünstigte, wobei vor allem auf Menschen wie Sans Papiers, ältere Migrantinnen oder Obdachlose fokussiert wird.

Unter dem Motto #Herdensolidarität hat Heks ausserdem eine Kampagne für mehr Solidarität in der Corona-Zeit lanciert. Dazu verwendet das Hilfswerk die Icons mit den Empfehlungen des Bundes und bearbeitet sie weiter. Aus der Empfehlung «Abstand halten» wird dann etwa die Frage, wie das mit dem Abstandhalten funktionieren soll, wenn man sonst schon niemanden hat im Leben.

Weitere Informationen zur Kampagne und den Covid-19-Hilfen gibt es auf der Homepage des Heks. (vbu)

Was sind die wichtigsten Massnahmen, die Heks seit Beginn der Pandemie in Cox’s Bazar ergriffen hat?
Es sind im Wesentlichen vier Komponenten. Die erste ist ein Radioprogramm, über das zum Beispiel die Corona-Massnahmen der Regierung oder Hygieneempfehlungen vermittelt werden. Eine zweite wichtige Komponente sind die Hygienemassnahmen selbst. Unter den Bangladeschi haben wir entsprechendes Material verteilt und das korrekte Händewaschen demonstriert. In den Camps wiederum haben wir an den Eingängen Stationen zum Fiebermessen und Händewaschen aufgebaut, um Personen mit Symptomen schnell erkennen zu können. Ausserdem wurde das Gesundheitspersonal geschult. Das dritte Element ist ein Projekt, das wir schon seit Längerem zusammen mit der Internationalen Organisation für Migration durchführen und in dem es um Reparaturen von Behausungen geht. Im Rahmen dieser Kooperation haben wir relativ früh in der Pandemie entschieden, zusätzliches Material an Haushalte mit älteren Menschen abzugeben.

Warum das?
Die Idee dahinter war, dass sich ältere Flüchtlinge innerhalb der engen Platzverhältnisse wenigstens ein bisschen isolieren können. Insgesamt haben wir 3700 Pakete mit zusätzlichen Planen, Moskitonetzen, Lampen und Masken verteilt. Die vierte Komponente zielte auf die Einkommenssicherung der ärmsten Mitglieder der host community. In der härtesten Phase des Lockdowns haben wir Nahrungsmittelhilfen bereitgestellt und rund 900 Familien mit Bargeld unterstützt. Mittlerweile verfolgen wir den Ansatz «cash for work». Die Leute bekommen also nicht einfach Geld, sondern arbeiten dafür. Dies mit dem Ziel, mindestens 30 Prozent Frauen zu integrieren und Familien, in denen es Schwangere gibt.

In jüngster Zeit ist immer wieder von Umsiedlungen der Rohingya nach Bashan Char, eine Insel vor der Küste Bangladeschs, zu hören. Was halten Sie von dieser Massnahme der Regierung?
Eine klare Beurteilung ist schwierig. Auf der einen Seite muss man durchaus anerkennen, dass es Sinn macht, Flüchtlinge aus diesen Camps rauszuholen und die Bevölkerungsdichte zu reduzieren. Auf Bashan Char gibt es Platz für rund 100'000 Menschen und Häuser, die deutlich stabiler sind als die Behausungen in den Camps. Objektiv ist es also vermutlich besser, dort zu leben als in Cox’s Bazar. Auf der anderen Seite gilt die Insel insbesondere wegen Zyklonen nicht als sicherer Ort. Die Regierung lässt zudem weder die Vereinten Nationen noch sonstige Organisationen dorthin, um die Lage unabhängig zu beurteilen. Auch dass die Insel mehrere Bootsstunden vom nächsten Hafen entfernt ist, hinterlässt bei mir persönlich kein gutes Gefühl.

«Die Situation in Myanmar mit dem Putsch vor einigen Wochen deutet in keine positive Richtung. Der befehlshabende General ist der gleiche, der damals für die Gräueltaten an den Rohingya verantwortlich war.»

Gibt es Anzeichen, dass die Rohingya zur Umsiedlung gezwungen werden?
Die ersten 300 Rohingya auf der Insel sind aufgegriffene Bootsflüchtlinge, die gegen ihren Willen auf die Insel gebracht wurden. Ich glaube jedoch nicht, dass es aktuell übermässigen Zwang gibt – das würde einen viel zu grossen internationalen Protest auslösen, was der Regierung Bangladeschs bewusst sein dürfte. Ich nehme es eher so wahr, dass Bangladesch alles versucht, um die Insel in einem möglichst guten Licht erscheinen zu lassen. Wir haben ausserdem von den Rohingya selbst gehört, dass es finanzielle Anreize für eine Umsiedlung gab und dass wohl gezielt Leute angesprochen wurden, die bereits Familie auf der Insel haben. Dazu gibt es aber bisher keine Bestätigung. Im Moment leben auf Bashan Char rund 10'000 Menschen. In den Camps in Cox’s Bazar dürften es um die 890'000 sein.

Welche langfristige Perspektive sehen Sie für die geflüchteten Rohingya?
Sagen wir es so: Ich gehe nicht davon aus, dass wir unsere Aktivitäten in Bezug auf die Rohingya in den nächsten Jahren einstellen. Die Situation in Myanmar mit dem Putsch vor einigen Wochen deutet in keine positive Richtung. Auch wenn die Aussichten der Rohingya schon vorher nicht gut waren, gab es unter Aung San Suu Kyi zumindest die leise Hoffnung, dass Rückführungen irgendwann möglich würden. Nun ist wieder das Militär an der Macht, und der befehlshabende General ist der gleiche, der 2017 für die Gräueltaten an den Rohingya verantwortlich war. Das legt den Verdacht nahe, dass es sich bei seinen Signalen, über Rückführungen verhandeln zu wollen, lediglich um Lippenbekenntnisse handelt.