Nach Schüssen auf Jesus-Bild

Kirchliche Kreise sind irritiert

Der Wirbel um die Schiessübungen von GLP-Politikerin Sanija Ameti dauert an. Auch aufseiten der Kirchen herrscht Fassungslosigkeit.

Spiritualität definiert jeder Mensch für sich: ein Fenster in der reformierten Kirche in Neuenburg (Symbolbild: Valentin Flauraud/ Keystone)

Sanija Ametis Post sei ein «gewalttätiger Akt gegen ein religiöses Symbol», sagte Nicolas Mori, Sprecher der reformierten Kirche Kanton Zürich, zur «NZZ». Es sei schwer nachzuvollziehen, wie jemand so unsensibel sein könne.

«Unabhängig von den öffentlichen Folgen fragt man sich, ob es da keine innere Hemmschwelle gibt, auf irgendeine Mutter und ihr Kind zu schiessen», wird Mori weiter zitiert. Eigentlich sei die reformierte Kirche nicht besonders empfindlich, wenn es beispielsweise um Karikaturen über religiöse Inhalte gehe. Schliesslich lebe man in einer säkularisierten Gesellschaft.

«Man kann Ameti nicht verteidigen. Die Aktion war schwachsinnig», schreibt Stephan Jütte, Leiter Kommunikation der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), in einem Blogeintrag. Damit fördere Ameti eine Kultur der Ausgrenzung des Religiösen, sie habe den Bogen überspannt. Und Jütte meint: «Diese Aktion ist keinesfalls islamisch, sondern in westlichem Sinn religionsignorant.»

Wer sich nun aufregt und seine religiösen Gefühle verletzt sieht, agiert nach Jüttes Meinung scheinheilig: «In Wirklichkeit haben die meisten längst den eigenen Zugang zu christlich-religiösen Traditionen verloren und spüren angesichts solcher Vorfälle bestenfalls noch einen Phantomschmerz.»

Bischöfe missbilligen die Handlung

Die Schweizer Bischofskonferenz verurteilt den Vorfall. «Selbst wenn man von der religiösen Darstellung der Muttergottes – die dieses Bild sehr deutlich zeigt – absieht, zeugt die Verwendung dieses Bildes von Gewalt und Respektlosigkeit gegenüber der menschlichen Person», schreibt sie.

Die Schweizer Bischöfe seien dankbar für das Schreiben von Sanija Ameti an den Bischof von Chur, in dem sie die katholische Gemeinschaft um Vergebung bittet. Trotzdem wollen sie ihre «tiefe Missbilligung öffentlich zum Ausdruck bringen». Sie betonen, Bildung und Erziehung müssten «aktiv zum Respekt der menschlichen Person und ihrer religiösen Überzeugungen beitragen».

«Hass auf Sanija Ameti ist die falsche Antwort», sagt hingegen der Schweizerische Katholische Frauenbund (SKF). Denn Menschen würden Fehler machen. «Als Christinnen und Christen sind wir dazu aufgerufen, zu vergeben, anstatt Hass zu schüren», wird SKF-Präsidentin Simone Curau-Aepli in einer Mitteilung zitiert. Boulevardeske Medienberichte und die Diskussionskultur auf Social Media Plattformen würden die gesellschaftliche Spaltung befeuern.

Der Frauenbund spricht ausserdem einen Aspekt an, der tiefer geht: «Dinge, die bisher höchstens hinter vorgehaltener Hand gesagt wurden, sind plötzlich salonfähig. Der Hass, der sich an Sanija Ameti entlädt, offenbart auch ein grundsätzliches gesellschaftliches Problem.» Diese Entwicklung sei gefährlich.

Shitstorm, Rücktritt, Kündigung

Auf ihrem Instagram-Account hatte Sanija Ameti, Zürcher GLP-Gemeinderätin und Co-Präsidentin der Operation Libero, Fotos gepostet. Eines zeigt sie mit einer Luftpistole im Anschlag, ein anderes zeigt ein Maria-und-Jesus-Bild mit zahlreichen Einschusslöchern (ref.ch berichtete).

Der «Blick» berichtete darüber und daraufhin entwickelte sich im Internet ein Shitstorm gegen die 32-Jährige. Sie hat den Post entfernt und sich auf Twitter entschuldigt. Am Dienstag verzeichnete der Eintrag über 310'000 Views und knapp 3200 Kommentare. Jemand schrieb: «Sie haben bewiesen, dass Sie Millionen Christen hassen. Kehren Sie in Ihre Heimat zurück.» Ein anderer: «Im Islam wurden Menschen schon für deutlich weniger enthauptet.»

Die Operation Libero erklärte in einem Statement: «Auch wir bedauern zutiefst, dass Menschen in ihrem Glauben verletzt wurden. Operation Libero setzt sich seit ihrer Gründung für Religionsfreiheit ein, steht für eine offene Gesellschaft und kämpft gegen Hetze und Hass.» Dass die Aktion falsch und unangebracht gewesen sei, stehe ausser Frage.

Zahlreiche Politiker fordern ihren Rücktritt, die Junge SVP Schweiz hat Strafanzeige eingereicht und die Kantonspolizei Zürich untersucht den Vorfall. Ameti wird aus der Leitung der GLP Kanton Zürich austreten, die nationale GLP strengt ein Ausschlussverfahren an. Ihre Stelle als Consultant bei der Kommunikationsagentur Farner wird die studierte Juristin aufgeben. Wegen Morddrohungen steht sie unter Polizeischutz. (dst)