Viele Fragen bleiben offen

Seit Wochen wird in der reformierten Welt über die Rücktritte von Gottfried Locher und Sabine Brändlin aus dem Rat der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz spekuliert. Die Synode sollte am Montag Licht ins Dunkel bringen. Gelungen ist ihr das nur teilweise.

Mitglieder der GPK, des Rates und des Synodebüros debattieren das weitere Vorgehen an der Synode vom 15. Juni. (Bild: zVg / Christoph Knoch)

Drei Dinge sind am Ende dieses 15. Juni klar: Dem Rat der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) liegt erstens eine Beschwerde gegen den kürzlich zurückgetretenen Präsidenten Gottfried Locher wegen Grenzverletzungen vor; bei der Beschwerdeführerin handelt es sich um eine ehemalige Mitarbeiterin der EKS. Bekannt ist zweitens, dass Locher und die ebenfalls aus dem Rat zurückgetretene Sabine Brändlin eine private Beziehung hatten; dies bestätigten sowohl die Geschäftsprüfungskommission (GPK) als auch Ratsmitglied Ulrich Knoepfel in einer persönlichen Erklärung während der Synode. Und drittens wurde entschieden, dass eine nicht-ständige Kommission die Vorfälle weiter untersuchen soll; eine vom Rat mit der Aufklärung beauftragte Anwaltskanzlei untersteht dieser Kommission und soll ihr Bericht erstatten.

Darüber hinaus kam bei der Synode der EKS, die heute während mehrerer Stunden im Berner Kursaal tagte, wenig Konkretes auf den Tisch. Das lag auch daran, dass die Versammlung immer wieder durch Verfahrensfragen aufgehalten wurde – und dabei mitunter ein chaotisches Bild abgab. So musste die Sitzung am Vormittag mehrmals unterbrochen werden, damit sich Rat, Synodebüro und GPK miteinander absprechen konnten.

Im Raum stand etwa die Frage, wer die Verantwortung tragen müsse, sollte der Bericht der GPK persönlichkeitsverletzende Details enthalten. Die GPK hatte zwar zuvor zugesichert, dass dies nicht der Fall sei, aber dennoch einen Ausschluss der Öffentlichkeit beantragt, um die Integrität der betroffenen Personen zu wahren. Dem Antrag folgten 47 Delegierte, 26 stimmten dagegen und zwei enthielten sich. Da ein Ausschluss der Öffentlichkeit eine Zweidrittel-Mehrheit benötigt hätte, scheiterte der Vorstoss der GPK. Den Bericht erhielten die Delegierten trotzdem erst mit zeitlicher Verzögerung.

Präsident wurde nicht suspendiert

Im weiteren Verlauf schilderte der Rat die Chronologie der Ereignisse aus seiner Sicht. Demnach habe die ehemalige EKS-Mitarbeiterin zunächst mit Esther Gaillard, Vizepräsidentin des Rates, Kontakt aufgenommen und Anfang Januar ein erstes Gespräch mit dem zuständigen Ratsmitglied Sabine Brändlin geführt. Am 27. März habe die betroffene Frau dann eine offizielle Beschwerde bei Gaillard eingereicht, welche diese am 9. April in den Rat getragen habe. Der Rat habe die Beschwerde in mehreren Sitzungen bearbeitet. Dabei sei Locher das rechtliche Gehör gewährt worden. Von einer Suspendierung des Präsidenten wurde jedoch abgesehen.

Dafür musste der Rat Kritik einstecken. So sagte etwa der Aargauer Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg, dass es für eine Suspendierung nicht die Kooperation des Präsidenten gebraucht hätte. Er wies auch darauf hin, dass sämtliche Fachstellen, die sich mit der Thematik sexueller Übergriffe beschäftigen, von einer einvernehmlichen Lösung oder gar einer Konfrontation zwischen den Beteiligten abraten würden; eine solche war aber offenbar zumindest zeitweise ins Auge gefasst worden. Weber-Berg hielt zudem fest, dass es bei den Vorwürfen gegen Gottfried Locher um weit mehr gehe als um «einen sexistischen Spruch».

GPK schreibt von Überforderung

Die GPK stellte in ihrem Bericht derweil eine Überforderung des Rates bei der Bearbeitung der Beschwerde fest, schrieb von einem «zerbrochenen Vertrauensverhältnis» zwischen den Vizepräsidenten Esther Gaillard und Daniel Reuter sowie von einem «belasteten Zusammenwirken» von Rat und Geschäftsstelle. Darüber hinaus warf sie die Frage auf, welche Auswirkungen die Beziehung von Locher und Brändlin auf die Wahlen des Rates im Jahr 2018 gehabt hätten.

Der Rat widersprach der Darstellung der GPK in weiten Teilen. Wie sorgfältig die Beteiligten tatsächlich gearbeitet haben, welche Vorwürfe stimmen und wer wann worüber Bescheid wusste, wird wohl erst die anstehende Untersuchung zeigen. Für den zurückgetretenen Präsidenten gilt weiterhin die Unschuldsvermutung.