Kirchenaustritte
«Die Pubertät ist die falsche Zeit für die Konfirmation»
Herr Schmid, nicht einmal jeder Zweite ist noch Mitglied der katholischen oder der reformierten Kirche. Beunruhigt Sie das?
Konrad Schmid: Nicht sonderlich. Solche Statistiken beruhen immer auf Prozentangaben. Aber schauen Sie einmal auf die absoluten Zahlen. Im Kanton Zürich sind wir jetzt bei knapp 400'000 Reformierten, das sind noch immer mehr als in der Blütezeit des Protestantismus im 19. Jahrhundert. Ich finde diese Zahl nach wie vor beeindruckend. Keine andere Organisation bindet so viele Menschen, nicht einmal das Militär. Dass der Mitgliederrückgang anhalten wird, hängt auch damit zusammen, dass die Bevölkerung vor allem durch Migration wächst – es kommen aber kaum Reformierte in die Schweiz.
Konrad Schmid (60) ist Professor für alttestamentliche Wissenschaft und frühjüdische Religionsgeschichte sowie Vorsteher des Theologischen Seminars der Universität Zürich. Sein Vater war Theologe und Rektor der Universität Zürich, sein Grossvater Pfarrer und Kirchenpolitiker. (eba)
Also zurücklehnen und den Abwärtstrend geschehen lassen?
Nein. Es gibt zwar unter Pfarrpersonen die Ansicht, dass der Mitgliederschwund eine Art Gesundschrumpfungs-Prozess der Kirche ist. Ich bin anderer Meinung. Würde die Kirche zu einem Kreis der Bekehrten, würde sie mich persönlich nicht mehr interessieren. Die Kirche lebt von Menschen, die sich beteiligen. Je mehr es sind, desto attraktiver ist sie. Es braucht die Volkskirche, denn Religion geht jeden und jede etwas an.
Was meinen Sie damit?
Mit zwei grundlegenden Fragen muss sich jeder und jede im Verlauf des Lebens beschäftigen: mit der Zufälligkeit und der Endlichkeit unserer Existenz. Alle werden sterben. Und niemand kann sich aussuchen, ob er im dritten Jahrhundert in Afrika oder im 20. Jahrhundert in der Schweiz zur Welt kommt. Die Frage ist also nicht, ob wir in Zukunft noch Religion haben werden, sondern ob wir noch gepflegte Religion haben werden. Die Kirche macht hier professionelle Gesprächsangebote und öffnet kritisch-konstruktive Reflexionsräume.
Was müssen die Kirchen tun, damit sie nicht in die Nische abdriften?
Eine grosse Chance sind die Kasualien, also die Begleitung von Wendepunkten im Leben: Geburt, Erwachsenwerden, Hochzeit, Tod. Hier liegt das absolute Kerngeschäft der Kirchen. Sie nehmen Rücksicht auf die Lebenszyklen der Menschen. Wenn also Menschen immer älter werden, wächst auch das Bedürfnis nach Sinnstiftung.
Ist Kirche nur noch für die Alten?
Nein. Und wenn auch: Ich verstehe nicht, was schlecht daran sein sollte. Alte Menschen haben Lebenserfahrung, sind bereit für Freiwilligenarbeit und offen für grundsätzliche Fragen: Was bedeutet es, zu Gast zu sein auf dieser Welt? Was ist ein gelungenes Leben?
Trotzdem: Wie könnten Kirchen auch Junge ansprechen?
Für die Konfirmation ist 15 das denkbar ungünstigste Alter. Besser wäre vor- oder nachher.
Warum?
Die Pubertät ist die falsche Zeit. Wir wissen seit über fünfzig Jahren aus Studien, dass sich in diesem Alter eine säkulare Weltanschauung entwickelt. Mit 15 Jahren befindet sich die Kurve der Religiosität an ihrem Tiefpunkt. Vorher ist sie hoch und auch danach steigt sie wieder an.
Also möglichst viele mit 12 konfirmieren lassen, ehe sie es sich anders überlegen?
Oder eben später, mit 18. Dann basiert die Entscheidung stärker auf dem eigenen Urteil. Aber mir ist auch klar, dass Kirchen die traditionelle Schwelle mit 15 vom Übergang in die Berufslehre und ins Erwachsenenleben begleiten möchten.
Ihr Grossvater schrieb in den Fünfzigerjahren eine Kirchenkunde, die Sie vor einigen Jahren neu herausgegeben haben. Was ist Aufgabe der Kirche? Was nicht?
Kirche bietet einen Raum an, wo kompetent grundsätzliche Fragen des Menschseins angesprochen und bedacht werden: Wer sind wir, woher kommen wir, wohin gehen wir? Es ist kein Luxus, dass in jedem Dorf eine Kirche steht und dass dort jemand ist, der für diese Fragen trainiert ist. Wichtig ist der offene, nicht direktive Austausch. Also Freiheit, nicht Zwang.
Soll sich Kirche politisch äussern?
Wenn es um den absoluten Kern des Evangeliums geht wie die Fürsorge von Armen, dann ja. Das könnte dann der Fall sein, wenn versucht wird, auf politischem Weg eine Zweiklassengesellschaft zu formen.
Und wie soll sie sich zu Vorlagen wie der Konzernverantwortungsinitiative 2.0 verhalten?
Viele sehen dort die Grenze überschritten und fordern eine klare Zustimmung. Ich finde nicht, dass die Kirche sich zu dieser Vorlage eindeutig äussern muss. Vielmehr soll sie ihren volkskirchlichen Charakter bewahren, für alle da sein.
Zum Schluss: Was, wenn die Kirchenbänke trotz allen Anstrengungen bald leer sind?
Die reformierte Kirche hat eine gewisse Tendenz zur Selbst-Säkularisierung. Viele Werte des Christentums sind über die Jahrhunderte im Staat aufgegangen. Denken Sie nur an Corona: Da waren sich sofort alle einig, erst die Alten und Kranken zu impfen – und nicht etwa die Wirtschaftselite oder den Bundesrat. So gesehen scheint mir der Mitgliederrückgang der Kirche für sich genommen keine Katastrophe zu sein. Vielmehr zeugt er auf lange Sicht von ihrem Erfolg.