Fachkräftemangel in der reformierten Kirche

«Die Feiern können theatralisch oder politisch sein»

Die reformierte St. Galler Kantonalkirche experimentiert mit neuen Gottesdienstformen. Diese sollen vielfältiger sein und mehr Menschen ansprechen. Sie brauchen aber Zeit, um sich zu etablieren, wie Pfarrer und Initiant Uwe Habenicht sagt.
Eine «Sharing Community» soll mehr Möglichkeiten zur Interaktion bieten als ein klassischer Gottesdienst. (Bild: zVg)

Herr Habenicht, Sie setzen auf «Sharing Community»-Gottesdienste. Was verstehen Sie darunter? 
Es ist eine offene Feier, die einlädt zur aktiven Mitgestaltung. Sie kommt ohne Predigt aus. Bisher haben wir fünf dieser Feiern durchgeführt, drei davon in St. Gallen, eine in der Karthause Ittingen und eine in Felsberg (GR). Wir denken Kirche neu und sehen das Modell als Probelauf und Experimentierfeld. 

Wer leitet diese Zusammenkünfte?
Es sind keine professionellen Voll-Theologinnen, sondern Freiwillige, die innerhalb eines Tandems eine bestimmte Aufgabe übernehmen. Die Bandbreite an Interessierten ist enorm. Es sind Menschen dabei, die kirchlich engagiert sind, aber auch solche, die bisher etwas ganz anderes gemacht haben. Sie absolvieren sechs Ausbildungstage. Die ersten Erfahrungen sind toll: Leute schreiben aus dem Stand heraus liturgische Texte und Gebete, die so schön sind, dass ich sie in meine Gottesdienste integriere. 

Mit einem «Gottesdienst» hat das aber nicht mehr viel zu tun.
Die klassischen Kernelemente des Gottesdienstes, eine Pfarrerin, die Predigt, fehlen. Aber es ist eine liturgische Feier: Sie findet in der Regel in einer Kirche statt und dreht sich um biblische Themen oder Texte. Die reformatorische Tradition denkt in diese Richtung: Priestertum aller Gläubigen heisst, jeder einzelne Mensch ist in der Lage, auf unsere Traditionen zu antworten und damit umzugehen. Dieses Element wollen wir aufnehmen und stärken. «Sharing Community» soll einen Begegnungsraum öffnen. 

Wie meinen Sie das? 
Der gewöhnliche Gottesdienst verläuft nach einem klaren Skript. In der Regel dauert er 60 Minuten. Das ist aber eine sehr passive Grundform. Als Kantonalkirchen haben wir die Eigenproduktivität unserer Mitglieder zu wenig gefördert. Eine «Sharing Community» ist offen und bietet Freiraum für Spontanität. Sie kann sehr intensiv und länger oder kürzer ausfallen. Das Ziel ist, dass Menschen miteinander kommunizieren. Man darf auch schweigend mitfeiern, denn wer zuhört, gehört dazu. Die «Sharing Communities» müssen sich nicht abgrenzen, sie sollen vielfältige Feiern sein. Achtsamkeit, Dialog oder Meditation kann ein Bestandteil sein. Die Feiern können theatralisch oder politisch sein, draussen stattfinden, interaktiv sein. Es ist ein Dach für vieles und soll so auch mehr Menschen ansprechen als ein klassischer Gottesdienst.

Zur Person

Uwe Habenicht ist evangelischer Theologe und Buchautor. Er arbeitet seit 2017 als reformierter Pfarrer in der Kirchgemeinde Straubenzell in der Stadt St. Gallen. Zudem ist er bei der reformierten St. Galler Kantonalkirche für die Arbeitsstelle «Gottesdienste und Liturgie» tätig. Die Idee für «Sharing Community»-Modelle ist in St. Gallen 2024 entstanden, seit Mai 2024 werden die ersten dieser Feiern angeboten.

Die Kirchgemeinde Straubenzell hat immer wieder ungewöhnliche Aktionen durchgeführt: Vor drei Jahren zersägte Pfarrerin Kathrin Bolt eine Kanzel, aus der Jugendliche einen Tisch bauten. Uwe Habenicht lancierte während der Pandemie die Idee einer «Corona-Bibel»: Gegen 1000 Personen schrieben jeweils eines oder mehrere Kapitel der Bibel ab, die Texte wurden kommentiert und illustriert. 3811 Seiten sammelten sich an, das Original wird in der Stiftsbibliothek aufbewahrt. (jow)

Welche Probleme kann «Sharing Community» lösen, und welche Risiken gibt es? 
Wir haben einen Pfarrmangel. Die «Sharing Community» soll neue Standards schaffen. Sie müssen aber eingeübt werden. Neue Wege zu gehen, braucht Geduld und Zeit. Der Soziologe Hartmut Rosa spricht von «sozialer Energie». Begegnungen können unglaublich erfüllend sein, so dass wir uns mit neuer Energie aufladen. In Gottesdiensten gelingt das nicht immer, weil es wenig Interaktion gibt. Wir müssen den Mut haben, darin zu investieren. Ob Menschen bereit sind, sich aktiv zu beteiligen, wird sich zeigen. 

Ersetzt das den klassischen Gottesdienst? 
In unseren Leitlinien halten wir fest, dass es ein Ersatz sein kann, es ist aber auch zusätzlich oder im Wechsel zum Gottesdienst möglich. Die Kirchgemeinden sollen das autonom entscheiden. Es kann auch eine Zwischenlösung sein, wenn eine Gemeinde grad keine Pfarrperson hat. Das muss von Fall zu Fall entschieden werden. Das Modell der «Sharing Community» ist nicht in drei Tagen am Schreibtisch entstanden. In meiner Kirchgemeinde Straubenzell experimentieren wir seit Jahren mit predigtfreien Gottesdiensten. Das hat mich ermutigt, neue Formen zu denken.

Wie waren die Rückmeldungen der ersten Teilnehmer? 
Jene, die wussten, worauf sie sich einliessen, waren positiv überrascht. Die Gemeindemitglieder, die zufällig hineingeraten waren, waren erstaunt über die Form. Sie waren damit beschäftigt, mitzubekommen, was sich tut. Ich bin eingebunden in das Geschehen und muss bereit sein, Teil einer Gemeinschaft zu werden, die immer neu entsteht. 

Redaktioneller Hinweis: Sie wollen selbst an einer «Sharing Community» teilnehmen? Hier finden Sie die nächsten Daten.

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