Papstwahl

Ein US-Amerikaner regiert den Vatikan

Premiere in Rom: Mit Robert Francis Prevost ist erstmals ein US-Amerikaner zum Papst gewählt worden. Er gibt sich den Namen Leo XIV und gilt als gemässigter Reformer.
Der neu gewählte Papst Leo XIV. hat den Ruf eines pragmatischen Vermittlers. (Bild: Alessandro di Meo / Keystone)

Menschennah und nun an der Spitze der katholischen Kirche: Robert Francis Prevost ist der 267. Pontifex. Der 69-jährige Erzbischof aus Chicago hat sich für den Papstnamen Leo XIV. entschieden. Er wird als erster US-Amerikaner die 1,4 Milliarden Mitglieder der Weltkirche leiten.

Kurz nach seiner Wahl hat sich Papst Leo XIV. in Rom erstmals vor den Gläubigen aus aller Welt gezeigt. «Der Friede sei mit euch allen», rief er den Menschen zu. Er sendete mit seinen ersten Worten einen Friedensgruss in die ganze Welt. «Ein unbewaffneter Frieden, bescheiden, aber durchgehend», sagte er. Der neue Papst erinnerte auch an seinen am Ostermontag verstorbenen Amtsvorgänger. Viele hätten noch die geschwächte, aber dennoch starke Stimme von Papst Franziskus im Ohr, der Rom und der ganzen Welt an Ostern seinen Segen gespendet habe. «Danke, Papst Franziskus!», sagte er. Er wolle diesen Segen weiterführen, sagte Prevost.

Die Menschen applaudierten und jubelten, als der Kardinalprotodiakon Dominique Mamberti die Wahl von Kardinal Robert Francis Prevost bekanntgab. Wenige Minuten später trat Prevost erstmals als Leo XIV. vor die Menschenmenge, um den Segen «Urbi et
Orbi» von der Mittelloggia des Petersdoms zu spenden. Bei seinem Auftritt winkte und lächelte er.

Seine Wahl gilt als Kompromiss – und zugleich als Signal der Einheit. Prevost vereint amerikanische Herkunft, lateinamerikanische Prägung und römische Führungserfahrung. Damit wurde er zum Konsenskandidaten eines Kardinalskollegiums, das kulturelle wie kirchenpolitische Gegensätze zu überwinden hatte.

Vom Mathematiker zum Papst

Geboren 1955 in Chicago als Sohn von Eltern mit französisch-spanisch-italienischen Wurzeln, studierte Prevost zunächst Mathematik, bevor er 1977 dem Augustinerorden beitrat. 1982 wurde er in Rom zum Priester geweiht. Später promovierte er dort in Kirchenrecht.

Ab Mitte der 1980er Jahre war Prevost als Missionar in Peru tätig. Dort gründete er Pfarreien, leitete ein Priesterseminar und war in der Bischofsausbildung aktiv. 2015 ernannte ihn Papst Franziskus zum Bischof von Chiclayo, einer Diözese im Norden des Landes. Während der politischen Krisen setzte er sich für Stabilität ein.

Glückwünsche aus der Schweiz

Zu den ersten Gratulantinnen aus der reformierten Kirchenlandschaft der Schweiz zählte Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS). Papst Leo XIV. bringe mit seinem geistlichen Weg als Augustiner, seinem langjährigen Dienst in Lateinamerika und seiner reichen Erfahrung in der weltweiten Kirche eine beeindruckende Weite mit, schrieb Famos in einer Stellungnahme, die ref.ch vorliegt.

Sein bischöflicher Wahlspruch «nos multi in illo uno unum» – «In dem Einen sind wir vielen eins» – sei eine tiefe theologische Vision, die auch die reformierte Tradition teilen könne: Einheit als Quelle für Versöhnung und gemeinsame Verantwortung in einer zerrissenen Welt.

«Ich hoffe, dass Papst Leo XIV. den weltweiten synodalen Weg mit Offenheit und Mut weitergeht und die Stimmen der Gläubigen aus allen Kontinenten ernst nimmt. Gerade heute braucht es Kirchen, die Brücken bauen – und ein Pontifikat, das sich glaubwürdig für die Würde aller Menschen einsetzt», schrieb Famos.

Für die EKS sei es ein starkes Zeichen, wenn die ökumenischen Beziehungen vertieft würden. «In diesem Sinne freuen wir uns auf einen respektvollen, offenen und geistlich inspirierten Dialog mit Papst Leo XIV.»

2023 folgte der Aufstieg zum Leiter des mächtigen Dikasteriums für die Bischöfe – jener Vatikanbehörde, die weltweit Bischöfe auswählt. Im selben Jahr folgte der Kardinalshut. Trotz dieser Schlüsselrolle soll Prevost zurückhaltend geblieben sein, er suchte nicht das mediale Scheinwerferlicht. In kirchlichen Kreisen gelte er als pragmatisch und gemässigt, schreibt unter anderem die Zeitung «La Repubblica».

US-Papst ohne nationale Agenda

Prevost steht für Kontinuität im Sinne von Franziskus. Er gilt als einer, der zuhört, vermittelt und Wandel will, ohne zu polarisieren. Als erster US-Amerikaner auf dem Stuhl Petri kommt er zwar aus einem Land, in dem laut Erhebungen über 20 Prozent der US-Bevölkerung katholisch sind. Dynamischer wächst der Katholizismus heute vor allem in Afrika und Asien und nicht im Westen.

Seine lange Erfahrung in Lateinamerika prägt Prevost. In Peru, wo rund zwei Drittel der 34 Millionen Einwohner katholisch sind, ist die Kirche tief im sozialen und kulturellen Leben verankert, gestützt durch die Verfassung und ein bilaterales Abkommen mit dem Vatikan.

Diplomat im Schatten der Vergangenheit

In kirchlichen Kreisen gilt der neue Papst als pragmatischer Diplomat. Als der sogenannte Synodale Weg zur Zukunft der Kirche 2023 in Rom auf Kritik stiess, vermittelte Prevost gemeinsam mit Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin zwischen den deutschen Bischöfen und dem Vatikan.

Doch seine Laufbahn ist nicht frei von Belastungen: Ihm wird vorgeworfen, in seiner Zeit in Chicago und später als Bischof in Chiclayo Missbrauchsfälle nicht konsequent verfolgt zu haben. Prevost bestreitet die Vorwürfe, die Diözese wies die Anschuldigungen zurück.

Franziskus’ Erbe in grüner Handschrift

In vielerlei Hinsicht zeigte Prevost Nähe zum verstorbenen Pontifex – was ihm konservativere Stimmen vorwerfen. Er gilt als gemässigter Reformer, ohne dabei Glaubenssätze aufzugeben. Besonders deutlich zeigt sich seine Haltung in Umweltfragen: Prevost hat sich wie Franziskus wiederholt für entschiedenes Handeln gegen den Klimawandel ausgesprochen.

Auch gilt er als überzeugter Befürworter der Synode: Immer wieder hat er betont, dass die Kirche transparenter und offener für die Stimmen der Gläubigen sein müsse. Hierzu gehöre auch die Rolle der Laien zu stärken und den Stil kirchlicher Leitung zu verändern - etwa durch mehr Hinhören und weniger Hierarchie.

Gleichzeitig lehnt er manche Reformen ab, zum Beispiel die Weihung von Frauen für kirchliche Ämter. Bei der Weltsynode 2023 warnte er vor einer «Klerikalisierung von Frauen». Das sei keine Lösung, sondern womöglich ein neuer Problemherd. Frauen hätten bereits vielfältige zentrale Rollen in der Kirche.

Ein Papst im globalen Spannungsfeld

Der neue Papst steht zwischen Nord und Süd, zwischen Rom und Peripherie. Prevosts Biografie – von Chicago über Peru bis in die vatikanische Führungsriege – macht ihn zu einem Vermittler zwischen Kulturen und Generationen. Die Welt wartet nun mit Spannung darauf, wie der erste US-Amerikaner auf dem Papstthron die katholische Kirche führen wird. (sda/ dpa/ no)

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