Pfarrerin schreibt «Trauer-Knigge»

«Nach drei Monaten sollen Trauernde wieder funktionieren – das finde ich schwierig»

Die Theologin Anja Niederhauser hat einen Ratgeber geschrieben, der Trauernden und ihren Begleitern Orientierung geben will. Sie plädiert für mehr Mut zur Trauer.

Zwei Frauen an einem Grab auf dem Friedhof Sihlfeld. (Bild: Matthias Stolt / Keystone)

Frau Niederhauser, in Ihrem Buch geben Sie Tipps, wie wir uns in einem Trauerfall verhalten können. Haben wir verlernt zu trauern?
Nein, aber unsere Gesellschaft hat verlernt, mit der Trauer umzugehen. Oft weiss das Umfeld von Trauernden nicht, wie es sich Betroffenen gegenüber verhalten soll. Wie drückt man sein Beileid aus? Soll man Blumen schenken oder darf es auch ein Barbetrag sein? In unserem Buch wollen wir keine starren Regeln aufstellen. Es geht vielmehr um einen Rahmen, der aufzeigt, welche Möglichkeiten es gibt.

Richtet sich das Buch also vor allem an das Umfeld von Trauernden?
Nicht nur. Wir wollen auch den Trauernden selbst Mut machen, zu ihrer Trauer zu stehen. Wir haben dem Buch eine kleine Trauerschleife beigelegt. Damit wollen wir ausdrücken, dass man Trauer sichtbar machen darf. Man muss sich für sie nicht schämen. Trauer ist keine Krankheit und auch nicht selbstverschuldet.

Warum fehlt vielen Menschen der Mut, zu ihrer Trauer zu stehen?
In unserer Gesellschaft gibt es bestimmte Erwartungen, wie man trauern soll. Zum Beispiel, dass Betroffene am Anfang möglichst traurig sind. Nach drei oder vier Monaten soll es dann aber auch wieder gut sein. Dann sollen die Leute wieder funktionieren. Diese Haltung finde ich schwierig.

Inwiefern?
Weil der Trauerprozess sehr individuell ist. Es gibt Leute, die zwei Wochen nach einem Todesfall in den Ausgang tanzen gehen, einfach weil sie merken, dass es ihnen gut tut. Das wird dann schnell verurteilt. In unserem Buch wollen wir zeigen, dass Menschen unterschiedlich mit Trauer umgehen und dass kein Weg richtig oder falsch ist.

«Oft kommen in der Trauer bestimmte persönliche Themen wieder hoch. Deshalb sollte man wissen, was einem gut tut, wenn es einem schlecht geht.»
Anja Niederhauser, Trauerbegleiterin

Die Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross hat einmal fünf Phasen der Trauer definiert. Verläuft Trauer nicht bei allen Menschen ungefähr gleich?
Das Modell von Kübler-Ross ist in Studien bestätigt worden. Es ist aber nicht so, dass alle Menschen diese Phasen linear durchlaufen. Auch die Intensität kann unterschiedlich sein. Als Trauerbegleiterin hatte ich schon Klientinnen, die befürchteten, mit ihnen stimme etwas nicht, weil sie die Phase der Wut nicht durchlebt haben. Das ist aber völlig normal. Wie wir Trauer erleben und wie wir damit umgehen, hängt stark von unserer Persönlichkeit ab.

Zur Person

Anja Niederhauser hat Theologie und Psychologie studiert. Als reformierte Pfarrerin hat sie unter anderem in der Palliative Care, der Spitalseelsorge und der Psychiatrie gearbeitet. Seit 2020 führt Niederhauser als selbständige Trauerbegleiterin eine eigene Praxis. Den «Trauer-Knigge» verfasste sie gemeinsam mit Zita Langenstein, die als Leiterin Weiterbildung bei GastroSuisse tätig ist und zuvor eine Butlerschule absolvierte. (no)

Gibt es dennoch allgemeine Tipps, die Trauernden helfen können?
Im Buch haben wir einige Tipps zusammengetragen. Aus meiner Erfahrung weiss ich, dass es hilfreich sein kann, Tagebuch zu führen. Aufzuschreiben, wie es einem geht oder was man erlebt hat, bringt Struktur in die eigenen Gedanken. Wichtig ist auch, sich mit Menschen auszutauschen, mit denen man sich gut versteht. Ich empfehle Betroffenen zudem, viel rauszugehen und sich zu bewegen.

Was raten Sie Menschen, die aus ihrer Trauer nicht herausfinden?
Trauern ist ganz natürlich und kann länger oder kürzer dauern. Wenn aber jedes Interesse und jede Freude und auch der Antrieb im Leben verloren gehen, kann das ein Hinweis auf eine Depression sein. Für die Betroffenen ist das oft nicht einfach zu erkennen. Ist man unsicher, empfiehlt es sich, professionelle Hilfe zu holen.

Ist das Buch auch für Menschen, die sich auf den Verlust eines Angehörigen vorbereiten möchten?
Wir sprechen auch viele organisatorische, administrative und medizinische Fragen an. Zum Beispiel, welche Bestattungsformen es gibt, wie man ein Leidmahl organisiert, oder worauf man bei der Patientenverfügung achten muss. Natürlich hilft es, wenn man sich um diese Dinge frühzeitig kümmert. Schwieriger zu beantworten ist, ob man sich auf die Trauer selbst vorbereiten kann. Wichtig ist sicher, sich selbst möglichst gut kennenzulernen. Oft kommen in der Trauer bestimmte persönliche Themen wieder hoch. Deshalb sollte man wissen, was einem gut tut, wenn es einem schlecht geht.

Sie sprechen auch Themen wie Glauben und Spiritualität an. Fällt es gläubigen Menschen leichter, mit Trauer umzugehen?
Wenn jemand fest in seinem Glauben verankert ist, kann das einen Halt geben und die Akzeptanz erleichtern. Es ist aber auch möglich, dass es auf die andere Seite kippt und die Trauernde sich fragt, warum das ausgerechnet ihr als gläubigem Menschen passiert ist. Das kann so weit gehen, dass bestimmte Glaubensinhalte in Frage gestellt werden.

Einige Kapitel im Buch überraschen. Zum Beispiel geben Sie Ratschläge, worauf zu achten ist, wenn man ein Medium herbeiziehen will.
Ich persönlich würde wahrscheinlich nicht zu einem Medium gehen. Wenn ich mit Klienten darüber spreche, erschüttert das aber nicht mein theologisches Fundament und ich würde eine solche Anfrage auch nicht werten. Ich weiss, dass ein Medium therapeutisch und tröstend wirken kann. So eruiere ich mit den Klientinnen eher, worum es bei einem Mediumbesuch geht, was die Erwartungen daran sind und dann in einem nächsten Gespräch, was der Besuch auslöste.

«Ich habe erlebt, dass Arbeitnehmende, deren Partner verstorben ist, nach einem halben Tag wieder zur Arbeit mussten.»
Anja Niederhauser, Trauerbegleiterin

Sie haben eingangs erwähnt, dass die Gesellschaft nicht mehr mit Trauer umgehen kann. Was muss sich ändern?
Es wäre hilfreich, wenn Trauernde mehr Zeit hätten. Heute bekommen Arbeitnehmende im Trauerfall in der Regel drei Tage frei. Das reicht natürlich nicht aus, um angemessen zu trauern. Besonders in leistungsorientierten Branchen gibt es wenig Verständnis. Ich habe erlebt, dass Arbeitnehmende, deren Partner verstorben ist, nach einem halben Tag wieder zur Arbeit mussten.

In Ihrer Arbeit befassen Sie sich mit dem Schmerz und der Trauer anderer Menschen. Wie grenzen Sie sich davon ab?
Ich jogge und schwimme viel, das ist mein Ausgleich. Mir ist aber auch immer bewusst, dass es nicht meine Geschichte ist, wenn ich mit Trauernden arbeite. Dazu kommt, dass mir diese Gespräche oft viel Kraft geben. Es ist schön, mit jemandem über so persönliche Dinge zu sprechen.

Zita Langenstein, Anja Niederhauser: «Der Trauer-Knigge. Für Trauernde und ihre Begleiter:innen». Weber Verlag, Thun 2023. 288 Seiten, 26.90 Franken.