Oswald Grübel strapaziert die Theologen-Denke

Im Kloster Kappel diskutierte der ehemalige Konzernchef der Credit Suisse und UBS, Oswald Grübel, mit der Theologin Claudia Kohli Reichenbach und drei Dutzend Jugendlichen über Geld und Glück. Grübel tat dies mit der ihm eigenen, teils unverfrorenen Art. Sein Auftritt war ehrlich – und deshalb so gut.

Kam nicht oft zu Wort: die Theologin Claudia Kohli Reichenbach im Gespräch mit Oswald Grübel. Bild: RP/Demont

Rund vierzig Jugendliche sitzen im Aufenthaltsraum im Kloster Kappel. Einer spielt Gitarre, andere debattieren über das gesunde Mass an Egoismus, ganz vorne schreibt einer Postkarten an seine Freunde. Dann tritt Oswald Grübel in den Raum. Er trägt Timberlands mit beigen Hosen, das Haar hat er mit Gel nach hinten gekämmt. Vorne, auf dem Podest, setzt er sich in die Mitte. Die nächsten neunzig Minuten wird er im Campus Kappel (siehe Textende) mit der Theologin Claudia Kohli Reichenbach der Frage nachgehen, inwiefern Geld glücklich macht. Ein schwieriges Unterfangen, das am Ende trotzdem gelingt – wenn auch knapp. Dass die Campus-Kappel-Veranstalter Oswald Grübel eingeladen haben und dieser auch den Weg ins Kloster finden wollte, ist beachtenswert.

Kluge und eigenständige Gedanken

Gleich zu Beginn will der Moderator von Grübel wissen, was er denn vom Bibelzitat «Wer hat, dem wird gegeben, auf dass er die Fülle habe. Wer aber nicht hat, dem wird auch das, was er hat, genommen» halte. Grübel verschafft sich mit einer Gegenfrage Zeit. Dann antwortet er: «Ich weiss nicht, ob ich das Zitat richtig verstehe, da müsste ich mal länger darüber nachdenken. Aber da ist sicher ein tieferer Sinn dahinter.» Dann verweist er auf die Beachtung des historischen Kontexts der Bibel. Rasch wird klar: Es kann nicht das erste Mal sein, dass sich Grübel in seinem Leben mit solchen Fragen beschäftigt. Aber auch wenn er im Gespräch immer wieder mit klugen und eigenständigen Gedanken auftrumpft, noch viel mehr sucht er die Provokation. So fragt er in die Runde: «Diejenigen, die nichts haben, muss man fragen: Weshalb haben sie nichts? Und müssen wir automatisch mit jedem, der nichts hat, Mitleid haben?»

Grübels Schwäche

Auch dem Caritas-Bericht zur Armut in der Schweiz kann er nichts abgewinnen: «Ich bitte Sie, wir machen uns mit diesem im Ausland lächerlich. Die Schweiz hat keine Armen.» Auf Kohli Reichenbachs Einwand, dass der Begriff Armut relativ und in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext zu betrachten sei, antwortet Grübel: «Dann sagen die Leute in Afrika, wir kommen gerne rüber zu euch, wir wollen gerne eure Armen sein.» Die am Podium teilnehmende Theologin Claudia Kohli Reichenbach, die in Bern in einer kommunitären Gemeinschaft lebt, kommt kaum zu Wort. Das hat nicht nur mit dem Moderator zu tun. Vielmehr offenbart ihr unfreiwilliges Schweigen eine Schwäche von Grübel. Wohl gewohnt, dass ihm zugehört wird, schwindet seine Neugier am Gegenüber rasch. Ansichten, die diametral zu den seinen stehen, kommentiert er meist lakonisch. Das kommunitäre Leben der Theologin? Grübel: «Da ist schon eine gewisse Art von Egoismus dahinter. Man will eben abgeschirmt sein. Man fühlt sich dann sicher, aber mit dem Rest der Ungläubigen will man nix zu tun haben.» Eigentlich eine interessante Sichtweise auf die Beweggründe, warum Menschen wie Kohli Reichenbach ein Leben in einer Kommune wählen. Auf die ebenso interessante und angenehm ideologiefreie Antwort der Theologin mag Grübel dann aber nicht eingehen.

Eltern im Krieg verloren

Grübel sucht den Zugang zur Frage, ob Geld glücklich macht, an den Anfängen seines eigenen Lebens. 1943 im Osten von Deutschland geboren, habe er Mutter und Vater im Krieg verloren und sei dann als Einzelkind bei seiner Grossmutter in Thüringen aufgewachsen. Was er nicht erzählt, aber bei Wikipedia geschrieben steht: Noch in seiner Kindheit verlässt er die Grossmutter und flüchtet aus der DDR in die Bundesrepublik. Dort kommt er im Alter von nur neun Jahren bei Verwandten in Frankfurt am Main unter. Seine Analyse dieser Zeit: «Wir haben nach dem Krieg nichts gehabt und haben bei Null – meine Grossmutter würde sogar sagen Unternull – angefangen, wieder etwas aufzubauen. Wir taten dies, um das Leben angenehmer zu machen.» Seine Grossmutter habe ihm die klassischen Tugenden beigebracht, erinnert er sich: «Wer im Leben vorwärtskommen will, muss hart arbeiten. Man muss für sich selbst gucken.» Der innere Antrieb eines Menschen sei es, glaubt Grübel, etwas aufzubauen, seine Situation zu verbessern. Fast siebzig Jahre nach Kriegsende hat Oswald Grübels laut dem Wirtschaftsmagazin Bilanz ein Vermögen von 150 Millionen Franken aufgebaut.

Grübel mag die Vereinfachung und fordert zugleich Differenzierung

Der gelernte Bankkaufmann Grübel erläutert die ökonomischen Zusammenhänge nicht am Beispiel von Modellen aus den Universitäten, sondern mit dem Wissen aus den Machtzentralen zweier globaler Finanzdienstleister. Das ist mehr als spannend, wenn auch stellenweise deprimierend. Beispielsweise, wenn er für die nächsten Jahre in ruhigen Worten ein Börsen-Desaster ankündigt, an dem die Banken aber nicht die Schuld tragen würden.

Grübel wählt bei vielen Themen oft die Vereinfachung, um dann bei Dingen, die ihn beschäftigen, Differenziertheit in der Beurteilung einzufordern. So appelliert er eindringlich an die jungen Teilnehmenden, mehrere Nachrichtenseiten aufzusuchen, um den Wahrheitsgehalt einer News zu überprüfen. Grübels liebste Aufreger-Themen sind, in dieser Reihenfolge: Der Staat (der sich überall einmischt), die Medien (die Unwahrheiten verbreiten) und die Politiker (wollen wieder gewählt werden, ein Problem der Demokratie).

Ironie und Sarkasmus

Als der Moderator in der Hälfte des Gesprächs bei Grübel einen Hang zum Pessimismus ortet, reagiert dieser sichtlich genervt. Das wiederum tut der Stimmung im Raum keinen Abbruch. Weiss doch in der Zwischenzeit jeder, dass Grübel auch ungemein lustig ist. Ironie und Sarkasmus sind bei ihm durchwegs im Einsatz – auch in Bezug auf seine eigene Person. Hinzu kommt, dass er sich nicht scheut, Dinge beim Namen zu nennen. Unfähige Manager mit Millionengehältern nennt er schon mal «Idioten». Natürlich nicht, weil sie Millionen verdienen, sondern wegen ihrer Unfähigkeit.

Gegen Ende fragt eine Studentin, ob er denn stolz auf sein Lebenswerk sei. Grübel antwortet zögerlich: «Ein bisschen, ja. Nur aus einem Grund: Weil ich glaube, dass ich doch ein paar Leuten geholfen habe.» Pause, dann sagt er entschieden: «Ich bin stolz, dass ich bei jedem Angestellten, den ich persönlich auf die Strasse gestellt habe, es so getan habe, dass dieser auch danach mit mir sprechen wollte.» Vielen von denen, die er aus verschiedenen Gründen entlassen musste, habe er geholfen, eine neue Stelle zu finden, sagt Grübel, und viele würden ihn auch heute noch anrufen und ihn um Rat fragen. «So muss es ein Chef machen», sagt Grübel. Nach diesen Worten herrscht im Aufenthaltsraum im Kloster Kappel für einen Moment andächtige Zustimmung. Grübel sorgt dafür, dass dieser Moment nicht zu lange dauern wird.


Der Campus Kappel

Bereits zum zweiten Mal organisierten die reformierten Kirchen der Deutschschweiz und die Theologischen Fakultäten Basel, Bern und Zürich im Kloster Kappel eine Woche für Jugendliche, die sich für das Studium in Theologie interessieren. Dabei werden auch prominente Gäste eingeladen, um aus unterschiedlichen Perspektiven den grossen Menschheitsfragen nachzugehen. In der diesjährigen Ausgabe waren unter anderen die Rapperin Steff La Cheffe, der FCZ-Präsident Ancillo Canepa und der ehemalige Konzernchef der UBS und Credit Suisse, Oswald Grübel, zu Gast.

Der Campus Kappel im Internet


Dieser Text erschien am 25. Juli 2014 in einer leicht gekürzten Fassung in der Reformierten Presse.