Gedanken zu Ostern

Die Angst ablegen

Angesichts des Krieges im Nahen Osten sind wir versucht zu sagen, alle Hoffnung sei vergebens. Dabei gibt es Wege aus der Verzweiflung, schreibt der reformierte Pfarrer Martin Koelbing in einem Gastbeitrag zu Ostern.
Karfreitag und Ostern sind für Martin Koelbing nicht nur zwei Feiertage, sondern ein Schlüssel zum Leben. (Bild: Gaëtan Bally)

Der frühmittelalterliche Kirchenlehrer Augustinus hatte recht, wenn er sagte: ein Mensch, der sich daran macht, über das Geheimnis von Tod und Auferstehung nachzudenken, gleiche einem Kind, das sich anschickt, mit seinem Becher das Meer auszuschöpfen. 

Ich nehme das Gleichnis auf und sage: das will ich am Ostermorgen sein, das Kind am Meer der Ewigkeit. Ich habe meinen kleinen Becher Leben in der Hand. Ich verstehe nicht viel vom Leben, noch viel weniger vom Sterben, und am wenigsten von unsrer rätselhaften Welt.

Ostern lässt es mir aber wie Schuppen von den Augen fallen, dass das Leben im Werden, und nicht im Sterben ist. Dass die tiefsten Krisen, die wir durchstehen und durchleiden, nicht nur Abschied und Ende, sondern auch Anfang und das Tor zu neuem Leben sind.

Gescheitert, und dennoch ein Masstab

In der Plötzlichkeit eines Herzklopfens kommt eine solche Gewissheit. Es ist ein unfassbares Geheimnis, wenn ein Mensch spüren und sagen kann: «Ich weiss, er ist da.» Diese tiefste Erfahrung ist nicht ableitbar, aber ist in den meisten Fällen begleitet durch inneren Druck und starken Schmerz. Durch Presswehen kommen wir Menschen immer neu zur Welt. Für mich sind Karfreitag und Ostern nicht nur zwei Feiertage, sondern ein Schlüssel zum Leben. 

Angesichts des Krieges, der sich im Nahen Osten wie ein Flächenbrand ausweitet und von dem wir nie wissen, ob daraus ein Flashover, ein Weltenbrand wird, sind wir versucht, zu sagen: «Es ist Matthäi am Letzten». Und wir meinen damit, was Bert Brecht in seinem Gedicht «Den Nachgeborenen» anno 1920 festhielt. Er schrieb: «Ich gestehe es: ich habe keine Hoffnung. Die Blinden reden von einem Ausweg. Ich sehe. Wenn die Irrtümer verbraucht sind, sitzt als letzter Gesellschafter uns das Nichts gegenüber. »

Der Ausdruck ‘Matthäi am Letzten‘ hat für mich aber noch eine andere, ursprünglichere Bedeutung. Er erinnert mich an das letzte Kapitel des Matthäus-Evangeliums, und darin an den Mann, der, an menschlichen Masstäben gemessen, am Leben total gescheitert und dennoch zum Masstab der Welt geworden ist.

Lebendigkeit finden

Ostern steht gegen allen Augenschein. Es ist ein Widerspruch gegen die Verzweiflung. Es ist ein Versprechen, dass am Ende diese Welt nicht nur ein windiger Planet am Rande des Universums, sondern ein Haus Gottes ist. Unsere Zeit nicht nur ein Mahnmal der Vergänglichkeit, sondern ein Vorschein der Ewigkeit. Unser Weg nicht nur ein Irrweg, sondern ein Heimweg.

So lässt mich Gott jeden Tag aufstehen zu neuem Leben. Aufstehen aus meinen Enttäuschungen. Aufstehen aus meiner Verzweiflung. Aufstehen aus einer schweren Krankheit. Aufstehen aus all dem, was sich wie Schutt über meine Seele legt. Aufstehen mitsamt allen Bruchstücken meines Lebens und daran glauben, dass auch Bruchstücke Teilstücke sind, kleine Mosaiksteine in einem grösseren Ganzen.

An Ostern finde ich etwas wie Festigkeit, Lebendigkeit. Ich lerne, immer weniger mit Gewalt zu tun und immer mehr mit Freundlichkeit und Geduld. Immer weniger zu hassen und abzulehnen. Mich immer mehr mitzufreuen. Am Ende immer weniger zu fordern und immer weniger zu verweigern.

Von nichts zu wünschen, dass es vorbei ist. Das Leben kommt nicht später. Es ist jetzt. Aber auch von nichts wünschen, dass es zurückkommt. Es ist gewesen.

Die Kraft der Liebe

Ostern lehrt mich, auf die Uhr zu achten, die in mir läuft. Sie weiss, wann meine Aufgaben erfüllt sind. Mich immer weniger wichtig zu nehmen.

Dank Ostern nehme ich alles, was kommt, auf wie einen Gast. Ich beherberge es, bis es weitergeht. Und ich versuche, alle Angst vor der Macht abzulegen. Christus war wehrlos zwischen den Mächtigen. Auch die mächtigsten Menschen werden zu Fussnoten der Geschichte. Sie gehen unter. Christus aber ist noch immer da.

Ostern gibt meinem Leben nicht nur eine Zukunft, sondern auch einen inneren Sinn. Es gibt mir den Auftrag, die subversive Hoffnung in diese Welt hineinzuschmuggeln, dass die Liebe eine bessere und ausdauerndere Kraft ist als alle Macht der Mächtigen. Diesen Dienst der Liebe können wir einander und der Welt jeden Tag neu geben. Alle Tage. Bis an das Ende der Welt.

Martin Koelbing ist ehemaliger Beauftragter für Kirchliche Angelegenheiten des Kantons Bern, Gemeindeparlamentarier in Muri und reformierter Pfarrer in Thun.

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