Ukrainerinnen in Dialog einbezogen
Es waren berührende Worte, die auf dem Plenum des Weltkirchenrates am Freitagmorgen in Karlsruhe zu hören waren. Kirchenvertreter und junge Menschen aus der Ukraine berichteten über das Leid, das der russische Angriffskrieg über die Bevölkerung gebracht hat. Das ukrainische Volk sei müde, aber es werde nicht ablassen, gegen das Unrecht zu kämpfen, sagte Erzbischof Yevstratiy von Tschernihiw von der eigenständigen Orthodoxen Kirche der Ukraine.
Yevstratiy verurteilte den russischen Angriffskrieg scharf, er sei Teil einer jahrhundertlangen Unterdrückung des ukrainischen Volkes. Ziel der brutalen Aggression Putins sei letztlich die «Deukrainisierung der Ukraine», betonte der Erzbischof, der auch an Kritik an dem russischen Patriarchen Kyrill nicht sparte. «Niemand hat das Recht, einen Angriffskrieg zu segnen oder Kriegsverbrechen und einen Genozid zu rechtfertigen».
Azza Karam: «Krieg ist keine Option»
Von der gegenwärtigen Lage in der Ukraine berichtete die junge Journalistin Illina Ivana. Das Land sei moralisch und finanziell erschöpft, insbesondere alte Menschen und Flüchtlinge bräuchten dringend Hilfe. Die Ukraine sei weiter auf die materielle und moralische Unterstützung angewiesen. «Die Welt darf nicht schweigend zusehen, sondern muss aktiv Stellung beziehen», sagte Ivana.
Thema in der Veranstaltung, die vor vollbesetzten Plätzen stattfand, war auch immer wieder die Rolle der Kirchen für den Frieden. In einer emotionalen Rede betonte die Generalsekretärin der interreligiösen Organisation «Religions for Peace» Azza Karam die besondere Verantwortung der Kirchenvertreter in Kriegen und Konflikten. «Sie als Glaubensführer können zeigen, dass Krieg keine Option ist», wandte sich Karam direkt an das Publikum und erhielt dafür lautstark Applaus.
Heinz Fäh fehlten russische Stimmen
Beeindruckt von ihrer Rede zeigt sich auch Heinz Fäh, Leiter der Delegation der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) in Karlsruhe. «Das war eine starke Botschaft einer Muslima, die deutlich gemacht hat, wie wichtig die Stimme der Kirchen in einem Krieg wie in der Ukraine ist», sagte Fäh auf Anfrage von ref.ch.
Fäh begrüsst, dass in dem Plenum insbesondere auch Stimmen aus der Ukraine zu hören waren. «Mir wurde einmal mehr klar, was für eine enorme Belastung der Krieg für die Ukrainerinnen und Ukrainer ist. Und es bestärkt mich in meiner Meinung, dass auch wir im Westen in unserer Solidarität nicht nachlassen dürfen». Bedauerlich findet Fäh allerdings, dass keine russische Stimme zu Wort kam. «Insofern hat ein echter Dialog, wie ihn der Weltkirchenrat eigentlich führen wollte, nicht stattgefunden, zumindest nicht auf dieser öffentlichen Ebene.»
Michel Müller: «Russen haben sich selbst aus dem Dialog ausgeklinkt»
Etwas anders sieht das der Zürcher Kirchenratspräsident Michel Müller, der ebenfalls unter den Zuschauern im Plenum war. Der Leiter der russischen Delegation in Karlsruhe, Metropolit Antonij, hatte im Vorfeld eine Rede des deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier als «Einmischung» in die Angelegenheiten des Weltkirchenrates kritisiert. «Damit hat sich die russische Delegation selbst aus dem Dialog ausgeklinkt», sagt Müller. In seiner Rede hatte Steinmeier gefordert, dass der Weltkirchenrat die russische Delegation mit der Wahrheit über den Krieg konfrontieren müsse.
Für Müller machte das Plenum noch einmal klar, dass es sich bei der russischen Aggression um einen brutalen Angriffskrieg handelt und die Hilfe der Kirchen weiter nötig ist. Hingegen vermisst Müller weiterhin klare Worte des Weltkirchenrates selbst. «In der Versammlung gab es mitfühlende Worte von Generalsekretär Ioan Sauca, aber nach wie vor keine klare Stellungnahme. Diese sind wie in der Rede von Steinmeier bisher nur von aussen gekommen.»
Mit statt über die Ukrainer reden
Etwas mehr Positionierung vom Weltkirchenrat hätte sich auch Lilian Bachmann, Synodalratspräsidentin der Reformierten Kirche Kanton Luzern, gewünscht, wie sie auf Anfrage sagt. Gleichwohl sei die Veranstaltung ein starkes Zeichen für den Frieden gewesen. «Wichtig fand ich vor allem, dass die Ukrainerinnen und Ukrainer mitreden konnten und nicht einfach über sie gesprochen wurde. Das war für beide Seiten eine Ermutigung», sagt Bachmann.
Die Vollversammlung des Ökumenische Rates der Kirchen dauert noch bis zum 8. September. An dem Treffen in Karlsruhe nehmen rund 4000 Christinnen und Christen aus rund 350 Kirchen aus der ganzen Welt teil.