Krieg in der Ukraine

«Der Weltkirchenrat muss jetzt Haltung zeigen»

Der Zürcher Kirchenratspräsident Michel Müller will, dass der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) eine Suspendierung der russisch-orthodoxen Kirche prüft. Im Weltkirchenrat gibt man sich indes zurückhaltend.

Der Moskauer Patriarch Kyrill steht weiter fest an der Seite Putins. Immer mehr Stimmen fordern deshalb den Ausschluss der russisch-orthodoxen Kirche aus dem ÖRK. (Bild: Keystone / Menelaos Myrillas)

Der Moskauer Patriarch Kyrill sorgt mit seinen Aussagen über den Krieg in der Ukraine weiter für Empörung. Zuletzt liess das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche verlauten, Russland verteidige in der Ukraine lediglich seine Grenzen. In den Kirchen hat Kyrills Haltung weltweit Proteste ausgelöst.

Auch der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) hat Kyrills Kurs scharf verurteilt. Dem Dachverband gehören laut eigenen Angaben rund 350 Kirchen aus mehr als 120 Ländern an, darunter die russisch-orthodoxe Kirche. Genau daran stören sich nun immer mehr Kirchenvertreter. Sie verlangen den Ausschluss der russisch-orthodoxen Kirche aus dem Weltkirchenrat.

Müller: «Zum Dialog aufrufen reicht nicht»

Auch in der Synode der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) wird im Juni eine entsprechende Motion behandelt (ref.ch berichtete). Eingereicht hat sie der Zürcher Kirchenratspräsident Michel Müller. Darin wird die EKS dazu aufgefordert, sich beim ÖRK für die Suspendierung der russisch-orthodoxen Kirche einzusetzen. Mitunterzeichnet haben die Motion sechs weitere Mitglieder der Zürcher Delegation in der EKS-Synode.

Michel Müller spricht auf Anfrage von ref.ch von einer «Bekenntnissituation für das Christentum». Kyrill rechtfertige mit seinen Aussagen einen brutalen Angriffskrieg, der zu Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen geführt habe. Der ÖRK müsse daher mehr tun, als zum Dialog aufzurufen. «Die Haltung der russisch-orthodoxen Kirche hat mit dem Christentum nicht das Geringste zu tun. Es ist jetzt die Aufgabe des Weltkirchenrats, sich klar zum eigenen Glauben zu bekennen», sagt Müller.

Konkret fordert der Kirchenratspräsident, dass der ÖRK einen Ausschluss der russisch-orthodoxen Kirche zumindest prüft. Ihm sei die Vorstellung «unerträglich», dass weiterhin von einer Gemeinschaft mit einer Kirche gesprochen werde, die Kriegsverbrechen segne. «Es ist Zeit, dass der russisch-orthodoxen Kirche unmissverständlich mitgeteilt wird: Wir haben ein Problem mit eurer Haltung», sagt Müller.

Langwieriges Ausschlussverfahren

Der Weltkirchenrat scheint sich mit einer Suspendierung der russisch-orthodoxen Kirche indes schwer zu tun. Auf Anfrage von ref.ch verweist die Kommunikationsstelle des ÖRK lediglich auf ein Interview mit Interims-Generalsekretär Ioan Sauca auf der eigenen Webseite. Darin betont Sauca, dass der Entscheid über einen möglichen Ausschluss einer ÖRK-Mitgliedskirche dem Zentralausschuss obliege. Ein solcher werde aber erst nach mehreren Gesprächen sowie «gründlicher Abwägung» getroffen. Zudem betont der Generalsekretär, dass sich der Weltkirchenrat primär als «Plattform der Begegnung und des Dialogs» verstehe. Der ÖRK-Zentralausschuss kommt vom 15. bis 18. Juni 2022 zusammen.

Kirchenratspräsident Michel Müller stellt derweil klar, dass er vom Weltkirchenrat Taten erwartet. Schliesslich sei auch die EKS Mitglied im ÖRK. Sollte dieser kein klares Zeichen setzen, ziehe er weitere Schritte in Erwägung. «Ich werde mir dann ernsthaft überlegen, in der Synode die finanzielle Unterstützung des ÖRK zu thematisieren», sagt Müller.

Vom 31. August bis zum 8. September 2022 trifft sich die Vollversammlung des ÖRK in Karlsruhe. Laut Medienberichten wird auch eine Delegation der russisch-orthodoxen Kirche erwartet. Patriarch Kyrill wird an dem Treffen nicht teilnehmen.