Gottesdienst
«Auch wir Schweizer Reformierten können etwas lernen»
Frau McMillan, die reformierten Kirchen in Deutschland haben eine neue Liturgie herausgegeben. Wie kam es, dass Sie als Schweizer Theologin daran beteiligt waren?
Man suchte für die Arbeitsgruppe eine Person, die sich mit ökumenischen Gottesdiensten auskennt. Dabei ging es nicht primär um katholisch-evangelische Feiern, sondern um Feiern mit Gemeinden aus verschiedenen Ländern. Ich bin englischsprachig und komme aus der schottischen und presbyterianischen Kirche der USA. Zudem habe ich als Reformationsbotschafterin solche Feiern geleitet.
Warum brauchte es eine neue Reformierte Liturgie?
Die aktuelle ist fast 30 Jahre alt. Die Bedürfnisse der Menschen und die Anforderungen an einen Gottesdienst haben sich stark gewandelt. Wir leben in einer pluralen Gesellschaft und sind sensibler geworden im Umgang mit Sprache. Zum Beispiel sprechen wir heute nicht mehr von «Ausländern», und Gott wird nicht mehr automatisch als «Herr» bezeichnet. Dazu kommen neue gesellschaftliche Realitäten wie die «Ehe für alle».
Haben sich auch die Gottesdienste selbst verändert?
Ja, sie sind vielfältiger geworden. Es gibt Gottesdienste ohne Predigt, meditative Gebetsfeiern und allgemein sinnlichere Gottesdienste. Zudem gibt es verstärkt das Bedürfnis, mit anderen Gemeinden zusammen zu feiern. Das kann zum Beispiel eine Migrationsgemeinde aus Afrika sein. Die Liturgie hilft dabei, verschiedene Traditionen zusammenzubringen.
Die neue Liturgie will besonders schutzbedürftige Menschen in den Mittelpunkt stellen. Was heisst das?
Das können Menschen mit Handicap, Opfer von Gewalt oder Personen mit einer anderen sexuellen Orientierung sein. Wir haben versucht, achtsam und inklusiv zu sein – auch in der Sprache. Neu gibt es zum Beispiel eine Feier für trans Personen, die ihre Identität segnen lassen wollen. Diese Segnung wurde am deutschen Kirchentag erprobt. Sie wurde mit Tränen und grosser Dankbarkeit aufgenommen.
Catherine McMillan ist Beauftragte der Zürcher Landeskirche für Internationale Beziehungen und Pfarrstellvertreterin in Wiesendangen ZH.
Davor war sie Pfarrerin in Dübendorf-Schwerzenbach, Botschafterin für das Reformationsjubiläum und Sprecherin beim Wort zum Sonntag.
In der Schweiz gibt es bereits verschiedene Handbücher. Warum ist die deutsche Liturgie auch für Schweizer Pfarrpersonen relevant?
Die Bedürfnisse und Entwicklungen sind in beiden Ländern ähnlich. Gottesdienste werden heute zunehmend in Teams vorbereitet. Dafür braucht es Leitlinien. In der neuen Liturgie gibt es zudem über 100 sorgfältig formulierte Gebete, die auch für uns in der Schweiz wertvoll sind. Wunderschön sind der Segnungsgottesdienst für interprofessionelle Teams und die ökumenischen Gottesdienste. Zudem glaube ich, dass wir Schweizer Reformierten auch etwas lernen können.
Was meinen Sie?
Bei den Reformierten in Deutschland stehen die biblischen Texte im Gottesdienst stärker im Zentrum. Die zehn Gebote oder biblische Mahnungen sind öfter zu hören. Man spricht auch öfter ein Bekenntnis. Von dieser Achtsamkeit im Umgang mit biblischen Texten können wir etwas lernen. Der Blick nach Deutschland kann uns helfen, zu unseren eigenen Wurzeln zurückzufinden.
Gab es in der Arbeitsgruppe auch kontroverse Debatten?
Manchmal gab es Diskussionen über inhaltliche Fragen. Der assistierte Suizid war so ein Thema. In der Schweiz haben wir Erfahrung mit der Beerdigung von Menschen, die mit einer Sterbehilfeorganisation aus dem Leben geschieden sind. In Deutschland fehlen diese Erfahrungen. Suizid war lange schuldbehaftet und machte die Menschen sprachlos. Ich habe deshalb gegen bestimmte Formulierungen in der Liturgie Einspruch erhoben, weil sie mir zu richtend und zu wenig verständnisvoll erschienen.
Viele Menschen haben sich von der Kirche entfremdet. Enthält das Buch auch Ideen, wie man diese Menschen erreicht?
Dazu gibt es zum Beispiel Ideen, die von den Iona-Liturgien der christlichen Gemeinschaft auf der schottischen Insel Iona inspiriert sind. Im Buch findet man auch eine Schöpfungs- und eine Friedensliturgie, Morgen- und Abendgebete sowie Feiern für die Adventszeit, Gründonnerstag und Ostern. Wichtig war uns eine frische, nicht vereinnahmende Sprache, die Raum für Stille und zum Weiterdenken lässt.
«Reformierte Liturgie». Luther-Verlag, Bielefeld 2026; 648 Seiten; 72 Franken. Ab Frühling 2027 ist der Band auch online verfügbar auf der Seite www.reformierter-bund.de