Fernsehen

«Nemo hat die heftigsten Reaktionen ausgelöst»

20 Jahre lang war Pfarrerin Cornelia Camichel Bromeis das Gesicht des «Pled sin via» – nun hat sie ihre letzte Sendung aufgezeichnet. Ein Gespräch über das Loslassen, die Suche nach einer verständlichen Sprache und den Aufreger Nonbinarität.
Cornelia Camichel Bromeis ist heute Pfarrerin am St. Peter in Zürich. (Bild: RTR)

Frau Camichel Bromeis, wie hat es sich angefühlt, nach 20 Jahren die letzte Sendung aufzunehmen?
Die Aufnahme im Studio war wie immer. Ich habe den Entscheid, aufzuhören, selbst getroffen – bei der ersten Ausstrahlung war ich in Erwartung unseres Jüngsten, heute ist er 20 Jahre alt. Eine schöne Zahl. Wie es mir persönlich damit ergehen wird, kann ich noch nicht sagen. Die Sendung war für mich so etwas wie eine ständige Begleiterin.

Was waren die grössten Herausforderungen?
«Pled sin via» wurde jeweils an Feiertagen ausgestrahlt. Thematisch waren die Sendungen also ein Stück weit vorgegeben. Mit der Zeit entdeckte ich aber, welche Tiefe in den Feiertagen steckt. Eine Herausforderung war auch, eine passende Sprache zu finden.

«Christliche Inhalte haben immer eine politische Komponente.»
Cornelia Camichel Bromeis

Inwiefern?
Das Publikum von «Pled sin via» unterscheidet sich vom Publikum einer Predigt in der Gemeinde. Daher musste ich eine Sprache finden, die auch von Menschen verstanden wird, die nicht kirchlich sozialisiert sind. Und gleichzeitig wollte ich nicht banal sein. Diese Gratwanderung fand ich spannend.

Zur Person

Cornelia Camichel Bromeis war von 2005 bis 2025 Sprecherin des rätoromanischen «Pled sin via» von Radiotelevisiun Svizra Rumantscha  (RTR). Im Wechsel mit katholischen Sprecherinnen und Sprechern gestaltete sie über 40 Sendungen.

Camichel Bromeis wuchs zweisprachig im bündnerischen Tiefencastel auf. Sie arbeitete als Pfarrerin in Chur und Davos Platz. Von 2014 bis 2021 war sie Dekanin der Evangelisch-reformierten Landeskirche Graubünden sowie Vizepräsidentin des Kirchenrats. Seit 2021 ist Camichel Bromeis Pfarrerin am St. Peter in Zürich. Sie ist verheiratet und Mutter von drei Kindern. (no)

Sind Sie mit den Jahren politischer geworden?
Christliche Inhalte haben meines Erachtens immer eine politische Komponente. Mit den Jahren haben sich die Themen aber etwas verändert. In den ersten Jahren ging es zum ersten August um Heimat, Dankbarkeit oder Integration, später wurde für mich das Demokratieverständnis wichtiger. Insofern bin ich politischer geworden, aber immer vom christlichen Gedankengut her.

Kirche und Politik ist ein kontroverses Thema. Sind Sie mit der Sendung auch angeeckt?
Es gab auch kritische Reaktionen – zum Beispiel, als ich an Weihnachten einmal die Lichtverschmutzung thematisierte. Am meisten Resonanz hatte ich, als ich vor Pfingsten über Nemo und Nonbinarität sprach. Das hat bei konservativeren Kreisen heftige Reaktionen ausgelöst – gleichzeitig gab es von anderer Seite viel Zustimmung.

Was bedeutet «Pled sin via» für die rätoromanische Identität?
Ich hatte immer das Gefühl, dass die Sendung in der Rumantschia einen hohen Stellenwert hat. Gerade im dreisprachigen Kanton Graubünden wurde es geschätzt, dass ich als Vertreterin der Kantonalkirche auch Rumantsch sprach. Auch im katholischen Oberland ist das gut angekommen. Heute lebe ich in Zürich, die Sprache verbindet mich nach wie vor mit dem Herkunftskanton.

«Wenn es um Werte wie Menschenwürde, Zusammenhalt oder Gerechtigkeit geht, haben Religionen einiges zu bieten.»
Cornelia Camichel Bromeis

An welche Momente erinnern Sie sich besonders gern?
Für mich war das Schönste, dass über die Jahre so etwas wie eine eigene Gemeinde durch die Sendung entstanden ist. Und natürlich gab es viele besondere Momente. Etwa als ich vor Aufnahme der ersten Sendung in der Cafeteria im Leutschenbach alle die bekannten Gesichter aus dem Fernsehen sah. Es war aufregend, Fernsehluft schnuppern zu dürfen.

Sparmassnahmen bei SRF haben in den vergangenen Jahren gerade auch die Religionssendungen betroffen. Haben religiöse Formate wie «Pled sin via» eine Zukunft?
Ich glaube schon, dass sie eine Zukunft haben – vielleicht auch mit neuen Stimmen aus anderen Religionsgemeinschaften. Denn wenn es um Werte wie Menschenwürde, Zusammenhalt oder Gerechtigkeit geht, haben Religionen einiges zu bieten.

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