«Nachdenken über die Auferstehung geht an die Substanz»

«Einwurf Locher»: Einmal im Monat wirft Gottfried Locher, Präsident des Kirchenbundes, auf ref.ch Gedanken ein zu theologischen und auch ganz anderen Themen. Im März zum Thema «Ostern für Dummies».

(Bild: SEK/ref.ch)

Herr Locher, wir reden über «Ostern für Dummies». Finden Sie das eine gute Idee?
Es passt jedenfalls, ich bin auch ein Dummy, wenn es um Ostern geht. Ostern überfordert meinen Verstand.

 

Sind Sie einverstanden, dass Ostern, zumal die Auferstehung, für rationale Zeitgenossen eher erklärungsbedürftig ist?
Nicht nur für Zeitgenossen, schon Weggefährten Jesu konnten das nicht glauben – der «ungläubige Thomas», zum Beispiel. Ostern «erklären»… ich wüsste nicht wie. Sollen wir das überhaupt? Auferstehung kann man vielleicht erleben, aber wohl nicht erklären.

 

Wie würden Sie denn einem «Dummy», also einem Anfänger, Ostern erklären?
Gar nicht. Ich würde ihm die Ostergeschichte vorlesen und ihn dann in einen Ostergottesdienst mitnehmen oder noch besser in eine Osternacht. Da wird etwas spürbar vom Geheimnis der Auferstehung. Ostern ist ein Fest, keine Vorlesung.

 

Im Buch «Gottfried Locher» von Josef Hochstrasser haben Sie gesagt, Sie hätten ab den Wundern und dem Irrationalen in der Bibel auch «theologische Kopfschmerzen». Bereiten Ihnen Ostern solche Schmerzen?
Wunder sind so etwas wie ein Frontalangriff auf die Vernunft; Wunder sind unmöglich – sonst wären sie ja keine. An Ostern geschah also das Unmögliche. Dieses Unmögliche denkend auszuhalten, das fällt mir nicht leicht. Aber auch das Gegenteil wäre ein Affront für die Vernunft: dass ein allmächtiger Gott nicht in der Lage sein soll, Wunder zu bewirken. Man könnte auch fragen: Warum sollte Gott keine Wunder tun? Wenn es Gott gibt, sind Wunder immer möglich.

 

Ostern ist zentral fürs Christentum. Aber müssten im Christentum nicht eher die humanen Handlungen und Gleichnisse Jesu zentral sein?
Was Jesus tut und sagt, das scheint meistens beides gleichzeitig zu sein: Handlungsrichtlinie und Zeichenhandlung, Ethik und Eschatologie in einem. Jesus kündigt seinen Tod an, längst bevor das irgendjemand aus seinem Umfeld begriffen hat. Er hat nichts beschönigt. Die Welt ist, wie sie ist, gut und schrecklich zugleich. Wer das Schreckliche erleidet und dennoch am Guten festhält, kompromisslos, der hat Jesu Botschaft nicht schlecht erfasst. Viel «humaner» geht’s vermutlich nicht.

 

Gibt es im Neuen Testament eigentlich eine Art Hierarchie der Wunder? Also Hauptwunder: Auferstehung. Nebenwunder: Heilung von Kranken?
Ein interessanter Gedanke… Es gibt jedenfalls im Neuen Testament ein «Erst-Wunder», nämlich, dass Gott Mensch wird. Weihnachten ist das erste Wunder in Gottes Menschenleben auf Erden. Alles andere kommt danach. Man könnte auch sagen, alles andere macht das Weihnachtswunder für die Menschen erst zum Erlebnis. Was Jesus tut, zeigt, wer er ist. Hier wirkt einer in der Welt, der schon vor der Welt da war.

 

Paulus sagt im 1. Korintherbrief, ohne den Glauben an die Auferstehung sei der Glaube an Gott und seinen Sohn sinnlos, und wir wären dann alle zu bejammern. Kann man denn ohne den Glauben an die Auferstehung nicht christlich «korrekt» glauben?
Ich weiss nicht so genau, was «korrekt» ist. Aber ich meine zu verstehen, dass Jesus das vorgelebt hat, was Paulus dann in Worte fasst: dass das Reich Gottes auf uns zukommt und dass der Tod darum nicht das letzte Wort hat. Auferstehung ist keine paulinische Erfindung, sondern der Kern der Botschaft Jesu. «Christlich», also so wie Christus, ist die Überzeugung, dass wir auf Gottes Reich zugehen, über dieses irdische Leben hinaus. Am Horizont des Glaubens steht die Auferstehung. Der Tod hat nicht das letzte Wort.

 

Was würde es für Sie persönlich bedeuten, wenn das Grab nicht leer gewesen wäre?
Weiss ich nicht. Das Grab war leer. Das sagen jedenfalls die Evangelisten, und ich fühle mich nicht kompetent, ihnen zu widersprechen.

 

Gewisse Pfarrpersonen vergleichen die Auferstehung ja oft mit dem Frühling: Aufbruch des Lebens aus der Kälte und Finsternis, der Krokus als Sinnbild der Auferstehung. Ist das nicht eine Banalisierung?
Nicht unbedingt, Bilder machen manchmal Schwieriges anschaulicher, und der Frühling ist ja auch alle Jahre wieder ein Wunder. Vielen reformierten Pfarrerinnen und Pfarrern gelingt es ausgezeichnet, Theologie und Leben miteinander in Verbindung zu setzen. Die bleiben aber auch nicht bei banalen Bildern stehen. Auferstehung ist schliesslich noch etwas mehr als ein blühender Krokus, und Blümchentheologie endet bestenfalls mit einem Jöö-Effekt. Nachdenken über die Auferstehung, das geht in jeder Hinsicht an die Substanz.

 

Ist die archaische Erzählung von Kreuzigung und Auferstehung heute noch vermittelbar?
Wenn «archaisch» veraltet meint, täuschen Sie sich, Kreuzigungen sind leider wieder aktuell im Nahen Osten. Das Internet zeugt von diesen Gräueltaten. Wenn schon das Kreuz wieder Tatsache ist: Sollten wir dann nicht auch die Auferstehung wieder mutiger verkündigen?

 

Aber ist es nicht fatal, dass die Kreuzigung keinen Wunderglauben benötigt, die Auferstehung aber schon? Das Martialisch-Schreckliche ist unbestritten, das Transzendent-Wunderbare aber schon?
Das stimmt auch nur halb. Das Transzendent-Wunderbare ist sehr wohl diesseitig-wirklich geworden – dem sagen wir: Gott ward Mensch. Er hat konkrete, erkennbare Spuren hinterlassen. Auch das Wunderbare prägt unsere Welt, nicht nur das Schreckliche.

 

Konnten und können Sie Ihren Kindern den Sinn von Ostern vermitteln?
Dazu müsste ich diesen angeblichen «Sinn» zuerst selber in gute Worte fassen können. Aber Ostern ist ein Geheimnis, und ich habe Hemmungen, ihm meine Deutung überzustülpen. Lieber bleibe ich dabei: Ostern wird es im Gottesdienst, nicht in der Vorlesung. En famille sind wir manches Jahr miteinander in den Ostergottesdienst gegangen. Dieses Jahr singen wir im Berner Münster im Chor mit, alle fünf. Ich glaube, Ostern hat für unsere Teenager schon eine Bedeutung. Welche, ist ihre Sache.

Gottfried Locher ist seit 2011 Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK. Von 1994 bis 1999 war er Pfarrer der Schweizer Kirche in London. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Bern.