«Das ganze Leben ist ein Advent»

«Einwurf Locher»: Einmal im Monat wirft Gottfried Locher, Präsident des Kirchenbundes, auf ref.ch Gedanken ein zu theologischen und auch ganz anderen Themen. Im Dezember zu Weihnachten und Advent. Die Fragen stellte Matthias Böhni.

Gottfried Locher, Ratspräsident des Kirchenbundes.
(Bild: SEK/ref.ch)

Herr Locher, kürzlich sagte mir jemand: Nur schon für die Weihnachtsbeleuchtung an der Zürcher Bahnhofstrasse und das Weihnachtsgeschäft hat sich ja die Sache mit Jesus gelohnt. Ihr Kommentar?
Die «Sache mit Jesus» hat vermutlich weniger mit der Bahnhofstrasse etwas zu tun, da würde ich zuerst mal an der Langstrasse und im Kreis Cheib suchen gehen. Im Evangelium lesen wir, Jesus sei zu den Menschen am Rand der Gesellschaft gegangen, dorthin, wo das Leben hart ist. Das ist ja wohl nicht die Bahnhofstrasse – hier glitzert und funkelt die Welt der Reichen und Mächtigen. Aber ein paar tausend teure Design-Lampenbirnen machen halt noch keinen Stern von Bethlehem.

 

Weihnachten ist ja christlich gesehen nicht das wichtigste Fest. Jesus wurde geboren, einverstanden. Aber alle Menschen werden geboren. Ist das theologisch denn auffällig?
Eine Geburt ist an sich schon ein Wunder, das durfte ich zusammen mit meiner Frau auch erleben. Aber die Geburt Jesu ist noch eine ganz andere Sache, hier geschieht etwas Einmaliges. «Euch wurde heute der Retter geboren, der Gesalbte, der Herr, in der Stadt Davids», verkünden Engel vom Himmel. Christinnen und Christen glauben an das Einmalige, das sich in dieser einen Geburt zugetragen hat. Gott wird Mensch: Das geschieht nur an Weihnachten.

 

Am Ostersonntag geschieht doch das wirklich Mysteriöse.
Dass Gott Mensch geworden ist, «geboren von der Jungfrau Maria», ist ja nicht weniger mysteriös. Mysterion, Geheimnis ist beides: die Menschwerdung Gottes und die Auferstehung des Gekreuzigten.

 

Weihnachten ist bei uns vollständig unter den Kommerzhammer geraten und für spirituell Interessierte ein Ärgernis. Einverstanden?
Wer will, kann sehr wohl Kitsch-arme Weihnachten feiern, geistlich und auch gesellschaftlich. Geistlich, indem man am Leben der Kirchgemeinde teilnimmt. Pfarrerinnen und Pfarrer arbeiten jetzt noch mehr als sonst. Sie sorgen für theologische und liturgische Substanz. Diakoninnen und Gemeindehelfer sorgen dafür, dass den Worten auch Taten folgen, indem sie sich um all jene kümmern, denen Weihnachten ein Gräuel ist. Davon gibt es viele, Einsame, Kranke, Enttäuschte, Verbitterte, all die, die am Heiligabend nichts zu feiern haben. Ich möchte Weihnachten nicht schönreden. Wichtiger ist wohl, dass wir so feiern, dass niemand ausgeschlossen bleibt.

 

Weihnachten ist ein exquisiter Anlass, all die Familienfehden wieder aufleben zu lassen. Kennen Sie das aus Ihrem Umfeld?
Was ich von meiner Familie kenne, ist, dass alle ziemlich erschöpft sind, wenn Weihnachten beginnt. Hinter den Kindern liegt ein sehr langes Schulquartal, hinter uns Eltern eine beruflich strenge Zeit. Das entlädt sich dann zuweilen bei Ferienbeginn. Aber lange bleiben da keine Spannungen – Weihnachten ist viel zu schön.

 

Was soll ein distanzierter Reformierter mit Weihnachten anfangen? Haben Sie eine Gebrauchsanweisung?
Wie wärs mit «Ent-Distanzieren»? Wer möchte, dass es für ihn «weihnachtet», der muss sich auch auf Weihnachten einlassen. Das beginnt schon im Advent: Ich empfehle, mindestens einen von vier Adventsgottesdiensten zu besuchen, denn dort wird Herz und Sinn auf Weihnachten hin ausgerichtet. Weiter sollte man sich Zeit nehmen für Adventslieder, Singen ist gut für Körper und Geist. Man könnte auch ein Lied auswendig lernen und auf dem Weg zur Arbeit still rezitieren, das kann man sogar als sogenannt «Distanzierte(r)» tun… Schön sind etwa «Es kommt ein Schiff, geladen», «Macht hoch die Tür» oder «O Heiland, reiss die Himmel auf». Was aber am wichtigsten ist: Am Heiligabend oder am Weihnachtstag Gottesdienst feiern, am besten in der eigenen Kirchgemeinde. Die Chancen stehen gut, dass man nachher beglückt wieder nach Hause geht.

 

Was soll Weihnachten mit einem Atheisten anfangen?
Vielleicht dasselbe, was Weihnachten mit allen Menschen anfangen möchte: eine Geschichte zwischen Gott und mir.

 

Sind die vier Adventssonntage wie die Quartalsabschlüsse einer Firma? Man rechnet aus, wo man steht?
Der Advent ist Anfang, nicht Abschluss, am ersten Advent beginnt das Kirchenjahr. Es beginnt also jene andere Wirklichkeit, in der wir auch noch stehen in unserem Leben: die Heilsgeschichte, verdichtet im Weg Jesu von der Geburt über den Tod zur Auferstehung. Advent ist damit so ziemlich das Gegenteil einer Firmenbilanz, nicht ein Abrechnen, sondern ein Aufbrechen. Wer den Advent ernst nimmt, der sagt sich und der ganzen Welt: Es kommt noch etwas anderes – etwas Besseres. Was hier gross und mächtig ist, wird dort nicht mehr zählen. Der Advent ist ein stiller Protest gegen selbsternannte Autoritäten aller Art.

 

Was soll man im Advent tun?
Kurz gesagt: aktiv warten. Was vielleicht langweilig tönt, kann anspruchsvoll sein. Im Advent warten wir bewusst auf das, was kommt – «advenire» heisst herankommen, erscheinen. Wir warten auf Weihnachten, das ist die unmittelbare, alljährliche Warte-Übung. Aber sie ist zugleich das Symbol eines viel grösseren Wartens: Wir warten auf eine andere, bessere Welt und Hoffen dabei auf die Wiederkunft des Christus. Klar, wir schauen nicht bloss zu, sondern packen an, überall dort, wo wir selber etwas zu einer besseren Welt beitragen können, im Kleinen und Grossen. Aber nicht alles können wir ändern. Es gibt Gerechtigkeiten, auf die warten wir ein Leben lang. Das ganze Leben ist ein Advent. Jetzt, im Advent, erinnern wir uns besonders daran.

 

Warum gibt es den Advent nicht auch an Ostern? Einfach in umgekehrter Richtung?
Es gibt ihn schon, den Advent vor Ostern, er heisst jedoch anders, nämlich Passionszeit. Advent und Passionszeit haben eine vergleichbare Funktion. Beide Zeiten dienen der Vorbereitung auf die beiden wichtigsten Feste im Kirchenjahr. Ursprünglich waren übrigens beide Zeiten teilweise auch Fastenzeiten. Viele Konfessionen haben dafür eine ganz besondere liturgische Farbe im Gottesdienst, violett.

 

Ist Weihnachten für einen Pfarrer nicht relativ anstrengend?
Gemeindepfarrerinnen und Gemeindepfarrer leisten Grossartiges an Weihnachten. Unsere Kirche verdankt ihnen viel, auch jenen, die in der Spital- und Gefängnisseelsorge wirken. Wir Ordinierten ohne solche Verantwortung sind diesem Druck weniger ausgesetzt. Wir dürfen teilnehmen, und ich tue das, so oft ich nur kann. Wenn ich Zeit hätte, ginge ich im Advent jeden Tag kurz in der Kirche vorbei.

 

Wie feiern Sie Weihnachten?
Dieses Jahr wird alles anders bei uns zuhause: Unser Ältester hat gesagt, jetzt übernehme er die Regie über den Heiligabend. Er kümmert sich um alle Vorbereitungen, inklusive Baumschmücken. Mir solls recht sein, ich koche gerne. Bin ja mal gespannt, wie revolutionär anders Lochers 2014 Weihnachten feiern werden.

Gottfried Locher ist seit 2011 Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK. Von 1994 bis 1999 war er Pfarrer der Schweizer Kirche in London. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Bern.