Herr Locher, sind Sie Mitglied einer Sterbehilfe-Organisation?
Ja, ich bin Mitglied der Kirche. Das ist die älteste, grösste und bewährteste Sterbehilfe-Organisation. Leistet übrigens auch Lebenshilfe.
Die Katholiken und auch die Freikirchen lehnen Suizid-Beihilfe ab, wie sie Sterbehilfe-Organisationen wie Exit oder Dignitas anbieten. Wie lautet die Position des Kirchenbundes?
Die gibt’s unter www.sek.ch, «Das Sterben leben. Entscheidungen am Lebensende aus evangelischer Perspektive». Hier kann ich nur sagen, was ich selber finde: Sterbehilfe muss möglich sein. Sterbehilfe meint ärztliche Tätigkeiten, etwa den Verzicht auf lebensverlängernde Massnahmen im letzten Krankheitsstadium. Sterbehilfe ist Hilfe für den Sterbenden.
Suizidhilfe ist etwas anderes. Suizidhilfe geht nicht nur an Sterbende, sondern an alle, die sie wollen. Suizidhilfe vollbringt jeden Sterbewunsch, unabhängig vom Gesundheitszustand. Suizidhilfe ist Sterbehilfe ohne direkte Lebensbedrohung. Es gibt Gründe dafür, sie zuzulassen. Und es gibt Gründe dagegen.
Es fällt auf, dass in den Sterbehilfe-Organisationen auch Theologen mitwirken. Ein Widerspruch?
Nein. Wir Seelsorger sind dazu da, Menschen beim Leben und beim Sterben zu helfen. Jeder und jede muss selber entscheiden, wie diese Hilfe konkret aussehen soll. Seelsorgerinnen und Seelsorger sind keine Marionetten einer (angeblichen) Kirchenmoral. Aber für mich persönlich kommt eine Mithilfe in Sterbehilfeorganisationen wie Exit oder Dignitas nicht infrage. Ich verstehe christliche Theologie anders. Ich möchte nicht Hand dazu bieten, dass kranke und alte Menschen das Gefühl bekommen, ihr Tod wäre für die Gesellschaft kein Verlust, sondern eine Erlösung. Nicht nur ein gesundes, selbstbestimmtes Leben ist ein lebenswertes Leben. Ich wüsste kein christliches Kriterium, um zu bestimmen, was lebens«unwert» ist.
Wenn ich einen Kaffee trinken will, kann ich das selber entscheiden. Wenn ich mich töten will, kann ich das auch selber entscheiden. Stimmt die Analogie?
Ja, beides entscheiden wir «selber». Aber da hört die Analogie auch schon auf: Mit Freiheit hat das wenig zu tun, wenn ich mich umbringe. Freiwillig geschieht es jedenfalls nicht. «Freitod» ist einer der perserveren Euphemismen, die ich kenne. Ich bringe mich ja nicht um, weil ich frei bin, sondern weil ich Angst habe vor etwas noch Schlimmerem.
Wem gehört mein Leben?
Weiss ich nicht. Mir? Dann könnte ich es ja behalten, kann ich aber nicht. Gott? Dann hätte er es mir ja nicht geschenkt, sondern selber behalten. Das Leben ist vermutlich keine besitzfähige Sache. Das Leben ist eher ein vorübergehender Zustand. Beide Seiten, Gott und ich, können diesen Zustand beenden, von heute auf morgen. Es gibt eben keine Besitzstandgarantie, wenn es um das Leben geht.
Ist das Leben aus reformierter Sicht der höchste Wert? Gibt es höhere Werte?
Das Leben ist nicht der höchste Wert. Auf dem Grabstein meiner Grossmutter steht: «Deine Gnade ist besser als das Leben.» So spricht der Psalmist zu Gott (Ps. 63), und so passt es auch mir. Allerdings gilt das nur für mich selber. Das Leben anderer Menschen ist sehr wohl das höchste Gut, das ich zu schützen habe.
Mord ist verwerflich. Und Selbstmord?
Wenn Sie schon selber die Sache beim Namen nennen, ist die Antwort ja mindestens sprachlich schon klar: Selbst-Mord ist offenbar auch «Mord», einfach ein Spezialfall davon. Weniger moralisch aufgeladen ist «Selbsttötung». Es ist nicht an mir, über anderer Leute Moral zu richten. Schon gar nicht, wenn ein schweres Schicksal dahinter steht.
Darf man sich das Leben nehmen?
Man darf, aber man soll nicht. Dürfen betrifft das Gesetz, und mein Glaube ist keine Gesetzesreligion. Sollen betrifft die Ethik, Richtig und Falsch. Es ist fast immer falsch, sich das Leben zu nehmen. Falsch ist es, weil der Selbstmord lebenswertes Leben verhindert, mein eigenes und dasjenige anderer Leute, zum Beispiel meiner Familie, die nach und mit meinem Suizid weiterexistieren muss. Wer sich das Leben nimmt, verunmöglicht Mögliches. Darunter hätte auch Gutes sein können. Klar, darunter kann auch Schlechtes sein, vielleicht sogar nur noch Schlechtes. Darum sind auch Ausnahmen möglich. Man soll zwar nicht, als Regel, aber man muss selber entscheiden, im konkreten Fall.
Kann ein Bilanzsuizid aus reformierter Sicht legitim sein?
Niemals. Im Ernst: Woran genau soll ich messen, ob die angebliche Bilanz meines Lebens gut genug ist, um noch ein bisschen weiterzuleben oder nicht? Wann gebe ich mir eine 4 für genügend und wann eine 3½ – Exit anrufen? «Bilanz» zieht in meinem Leben nur genau einer, und der bin sicher nicht ich. Auf uns wartet ein gnädiger Richter. Solange er mich noch leben lässt, ist meine Bilanz jedenfalls nicht gemacht. Bis zum letzten Atemzug lebe ich noch ad majorem Dei gloriam – zum höheren Lobe Gottes. Schöner kann man den Sinn des Lebens nicht formulieren: Wir leben, um Gott zu loben. Auch schwach, krank und alt, ob ich etwas tue oder bloss noch bin. Der Zweck meines Lebens besteht nicht aus meiner Leistung, sondern aus Gotteslob. Und das tue ich einzig, in dem ich mich selber bin. Bis zum allerletzten, mühsamsten und schwächsten Atemzug.
Eine Umfrage von «reformiert.» hat ergeben, dass die Schweizer Bevölkerung den Altersuizid befürwortet. Kann ein Alterssuizid legitim sein?
Soll ich mich umbringen aus dem einzigen Grund, dass ich jetzt alt bin? Das würde ja das Wort «Alters»-Suizid bedeuten. Was für eine menschenverachtende Idee: Du bist alt, also bring dich endlich um! Und was für eine Dummheit: Niemand kennt das Leben so gut wie die Alten. Wir brauchen ihre Erfahrung dringend. Aber unsere Gesellschaft hat ein gestörtes Verhältnis zum Alter, wir sehen es nur als Last. Das ist andernorts anders, zum Beispiel in Afrika. Dort bedeutet Alter Respekt und Verehrung. Zudem ist das Altsein ja eine ziemlich relative Angelegenheit. Von wann eigentlich wäre man das, «alt»? Meine drei Teenager zuhause wären sich da nämlich sehr einig. Wenn sie meine Musik hören, zum Beispiel, dann lächeln sie milde: «Dad, du bist alt.» Soll ich mich jetzt umbringen?
Was sagt die Bibel zum Suizid? Kann man eine kohärente Position herauslesen?
Die Bibel berichtet von sieben Suiziden: Abimelech (Richter 9,50-56), Simson (Richter 16,28-31), Saul und sein Waffenträger (1. Samuel 31,4-13), Ahitofel (2. Samuel 17,23), Simri (1. Könige 16,18-20) und Judas (Matthäus 27,5). Moralisiert wird da übrigens nie. Suizid war immer schon ein Grenzfall des Lebens. Die Bibel kennt das Leben. Aber das Neue Testament hält ebenso klar fest: «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.» Da ist eben auch der zweite Teil wichtig: «…wie dich selbst.»
Gottfried Locher ist seit 2011 Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK. Von 1994 bis 1999 war er Pfarrer der Schweizer Kirche in London. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Bern.