Herr Locher, die Medien berichten oft nur negativ über Religionen. Wie denken Sie darüber?
Zum Glück sind die Medien bei uns ziemlich unabhängig, gerade, wenn es um Religion geht. Schreiben, was wahr ist – nicht was angenehm ist, das sollen die Medien. Wenn sie negativ über Religionen schreiben, dann interessiert mich vorab, was sie genau kritisieren. Hören wir eigentlich Medienkritik an der Kirche? Wir sollten sie ernster nehmen, finde ich. Wir sollten den Medienschaffenden dankbar sein, wenn sie jene Dinge beim Namen nennen, die wir ungern selber sagen. Trotzdem, kritisch sollten wir auch den Medien gegenüber bleiben. Es stimmt nicht alles, was in der Zeitung steht – das weiss ich aus eigener Erfahrung. Medien und Religionen: beide bestehen aus Menschen, die Fehler machen.
Die Bibel ist ein antikes, selbstreferenzielles Medien-Kunstwerk. Lassen Sie die Aussage gelten?
Die Bibel ist ein Text aus der Antike, das stimmt. Aber mit «antik» kann hier nicht das gemeint sein, was bei «Antiquität» mitschwingt. In ihren Kernaussagen ist die Bibel zeitlos. Die Auseinandersetzung mit ihr lohnt sich deshalb für die Menschen aller Zeiten. Die Bibel bezieht sich auf Inner- und Ausserbiblisches, ist also nicht nur «selbstreferenziell». Ist die Bibel ein Kunstwerk? In ihren poetischen Teilen bestimmt, zum Beispiel im Hohelied. Trotzdem ist sie eher eine vielstimmige, vielgestaltige Textsammlung als ein einheitliches, geschlossenes (Kunst-)Werk.
Wie sieht Ihr privater Medienkonsum aus?
Radio unter der Dusche, Zeitung beim Morgenkaffee, tagsüber Nachrichtenportale im Internet, abends hie und da Fernsehen im Hotelzimmer.
In letzter Zeit kamen Sie als SEK-Präsident oft in den Medien. Ist das für Sie Last oder Lust?
Manchmal Last, manchmal Lust, manchmal weder noch. Es ist mein Auftrag, die evangelisch-reformierte Kirche nach aussen zu vertreten. Wo es gelingt, freut es mich, wo es nicht gelingt, beunruhigt es mich. Gute Medienarbeit ist sehr anspruchsvoll. Werde ich verstanden? Erhalte ich Zeit und Raum, um die wichtigen Dinge sagen zu können? Werden meine Aussagen verkürzt wiedergegeben, aus dem Kontext genommen? Aber das geschieht selten. Medienschaffende erlebe ich meistens als fair.
Was zeichnet gute Journalisten aus?
Gute Journalisten suchen das, was hinter dem Schein liegt. Sie wollen keine Fassade, sondern Substanz. Darum ist Medienarbeit zuerst eine Frage der eigenen Substanz: Habe ich überhaupt etwas zu sagen? Wenn ja, dann sind die Chancen intakt, dass die Journalistin, der Journalist etwas Lesenswertes daraus macht.
Werden Sie von kirchlichen Journalisten anders behandelt als von nicht-kirchlichen?
Nein, was die Professionalität angeht, sehe ich keinen grundsätzlichen Unterschied. Es gibt bessere und mittelmässigere Medienschaffende innerhalb und ausserhalb der Kirche. Die guten überwiegen. Was mir auffällt: Kirchliche Journalisten begegnen mir kritischer als nicht-kirchliche. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass sie ihren Leserinnen und Lesern beweisen müssen, wie unabhängig sie gegenüber ihrer eigenen Kirche und vor allem gegenüber einem Amtsträger sind. Nicht-kirchliche Medienschaffende haben weniger Berührungsängste mit Repräsentanz oder gar Hierarchie. Dafür sind sie schonungsloser in der Beschreibung von institutionellen Missständen.
Behandeln Sie kirchliche Journalisten anders als nicht-kirchliche?
Nein. Mir liegt bei jedem Vis-à-vis daran, die Dinge so zu sagen, wie ich meine, dass sie sind.
Bemühen Sie sich um Journalisten?
Es gibt einige herausragende Vertreter dieser Zunft. Das sind Frauen und Männer, deren Texte auf mich wie ein Kompass im gesellschaftspolitischen Dschungel wirken. Bei diesen freue ich mich besonders über einen Kontakt, weil ich von ihnen lerne. Aber ich bemühe mich nicht darum, sonst ist der Journalist nicht mehr objektiv. Unabhängigkeit ist ein Grundgebot. Ich bemühe mich darum, Informationen und Beurteilungen zu liefern, von denen die Journalisten sagen: Aha, da kommt etwas von der reformierten Kirche, das ist wichtig, das beziehe ich in meine Überlegungen ein.
Die Reformation ist an eine Medienrevolution gekoppelt – die Erfindung des Buchdrucks. Die nächste Medienrevolution war die Erfindung des Internets. Damit scheinen sich die reformierten Kirchen aber schwer zu tun. Warum wird diese medientechnische Innovation nicht besser zur Verkündigung und auch zum Neustart der Institution genutzt?
Das stimmt doch nur zum Teil, es gibt ja viele und ansprechende kirchliche Medienportale, und auch in den Sozialen Medien ist Kirche und Theologie recht gut vertreten. Das ist eine grosse Chance. Das Internet bringt Menschen, die noch nie in einer Kirche waren, mit dem Evangelium in Kontakt.
Gibt es hier nicht auch Grenzen?
Doch. Die digitale Welt kann physische Gemeinschaft nur ergänzen, nicht ersetzen. Kirche ist im Kern Gottesdienst, und Gottesdienst braucht Menschen, die tatsächlich miteinander leben wollen. Das ist keine virtuelle Welt. Taufen kann man nicht übers Internet. Und Abendmahl besteht aus Brot und Wein, nicht aus Bits und Bytes. Kirche ist eine Bewegung von Menschen aus Leib und Blut. Mein liebstes «social medium» ist darum immer noch eine Flasche Wein und zwei Gläser.
Benützen Sie Social Media?
Kaum, manchmal twittere ich ein wenig, ein Facebook-Konto habe ich nicht. Mir fehlt einfach die nötige Zeit. Allerdings beobachten unsere Mitarbeitenden in der Geschäftsstelle des Kirchenbundes, was sich in den sozialen Medien tut.
Unterdessen twittern Sie aber praktisch nicht mehr.
Stimmt, ich bin kein guter Twitterer, nicht wie seinerzeit Abt Martin aus Einsiedeln. Dabei finde ich die Länge eines Tweets richtig spannend. Je kürzer eine Botschaft sein soll, desto anspruchsvoller scheint mir ihre Entstehung. 140 Zeichen sind ein hoher Anspruch, dafür brauche ich viel Zeit. Aber ich gebe noch nicht auf. #Wasnichtistkannjanochwerden.
Wäre Jesus heute Pfarrer oder Journalist geworden?
Schwer zu sagen, beide suchen nach der Wahrheit, beide stehen in der Öffentlichkeit, beide wollen gehört werden, beide sind Textarbeiter, beide lieben Sprache… Aber Jesus war kein Schreiber, sondern ein Redner. Und auch als Redner war er doch eher ein Maler, ein Sprach-Maler, einer, der mit Wörtern Bilder schafft, Bilder von einem Sämann, von klugen und törichten Jungfrauen, vom Sauerteig, vom Schatz im Acker und vielem mehr. Jedes Wort war ein Pinselstrich, und wer bis zum Schluss zuhört, dem steht dann ein einprägsames Bild vor dem geistigen Auge. So hat Jesus Gleichnisse «gemalt», Gleichnisse vom Sinn und Unsinn im Leben. Wer weiss, das wäre er vielleicht heute geworden, ein Maler.
Gottfried Locher ist seit 2011 Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK. Von 1994 bis 1999 war er Pfarrer der Schweizer Kirche in London. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Bern.