Geschichte
Mick Meaney verbringt 61 Tage vergraben in einem Sarg
Man könnte sagen, es war eine Bieridee, dass sich der eine lebendig begraben lässt und der andere sein Manager wird. Es ist Winter 1968 und zwei Männer unterhalten sich in einem Londoner Pub. Einer ist der Wirt Michael Sugrue, im Viertel berühmt dafür, einmal einen Doppeldeckerbus durch die Strassen Londons gezogen zu haben. Mit den Zähnen. Der andere ist Mick Meaney, Gastarbeiter aus dem südirischen Cork, von Sugrue als Barmann angestellt.
In den USA ist es zu jener Zeit populär, sich lebendig begraben zu lassen, um als Attraktion damit Geld zu verdienen. Ein Mann namens Country Bill White ist der grosse Star, sein Künstlername lautet «The Living Corpse», die lebende Leiche. Seit zwei Jahren ist er mit Lottie verheiratet, auch sie lässt sich für Geld begraben. Lottie nennt sich «Mrs. Living Corpse» – Frau Lebende Leiche. Das Sich-begraben-lassen ist die neuste und makaberste Ausprägung einer Reihe von Dingen, die man seit den 1920er-Jahren für eine lange Zeit am Stück tut: Hungerkünstler sind beliebt oder Menschen, die wochenlang auf einem Pfahl stehen, tagelang Hula-Hoop machen oder im Kreis gehen.
Michael Sugrue, Wirt des «Admiral Nelson Pubs» in London, schlägt vor, das könnte man doch auch in London tun. Mick Meaney soll den Weltrekord aufstellen: 61 Tage lang lebendig begraben sein.
Er entdeckt sein Talent bei einem Arbeitsunfall
Dafür ist Meaney wie gemacht. Er ist ein schlichter Mann, der professioneller Boxer werden wollte, aber nach einer Verletzung einen anderen Job braucht. Deshalb geht er nach London und gräbt mit Pickel und Schaufel in den Tunneln der Stadt. Die Arbeit ist hart und riskant. Einmal bricht die Decke ein und Meaney wird verschüttet. Ein erstes Mal lebendig begraben, merkt der Ire, dass er ruhig bleiben kann, während er auf Rettung wartet. Dann wird er Barmann im «Admiral Nelson».
Ein Mann wie Mick sollte die 61 Tage in einem Sarg locker schaffen, davon ist Sugrue überzeugt. Am 21. Februar lädt er Presse und Zuschauer ein in sein Lokal. Sie sehen den 33-jährigen Mick Meaney in einem weissen Hemd an einem kleinen Tisch mit weissem Tischtuch sitzen. Auf der anderen Seite des Tischchens steht der Sarg. Meaney isst eine reichhaltige Henkersmahlzeit. Dann hebt ihn Sugrue, der Kraftkünstler, wie eine Puppe in den Sarg und zieht ihm einen Pyjama an.
Was es heisst, sich lebendig begraben zu lassen
Im offenen Sarg liegend gibt Meaney ein Fernsehinterview. Er lasse sich begraben, um den Weltrekord aufzustellen und für seine Frau und seine Familie Geld zu verdienen. Dann schliessen die Umstehenden den Sarg, hieven ihn aus einem Fenster des Pubs auf einen Lastwagen und fahren ihn zu einer Baustelle, auf der sie Meaney für zwei Monate begraben können.
Zwei Löcher hat es im Sargdeckel. Auf ihnen werden lange Rohre platziert, bevor man Erde auf den Sarg schaufelt. Durch die Rohre zieht frische Luft in den Sarg, werden Nahrung und Zeitungen hinuntergelassen und: Es verläuft eine Telefonleitung von Meaneys Kiste zu Sugrues Pub. Man kann so mit dem Begrabenen sprechen, wenn man zuvor Manager Sugrue eine Gebühr bezahlt hat. Es kommt eine hübsche Summe zusammen und der Wirt verspricht Meaney eine Welttournee sowie einen Sponsoringvertrag mit der Rasierermarke Gilette.
Was macht Meaney den ganzen Tag im Sarg?
Die Presse interviewt den Begrabenen regelmässig telefonisch. Er erzählt, dass er gut schlafe und jeden Morgen um sieben Uhr aufwache, ein paar Liegestützen mache, frühstücke und dann die Zeitung lese. Seine Toilette ist eine Klappe im Boden des Sargs, die sich zu einer Grube hin öffnet.
Das Leben als vermeintlicher Toter macht Meaney offenbar nichts aus. Noch am Tag, an dem die Kiste wieder ausgegraben wird, sagt er, er wolle am liebsten nochmals 100 Tage unten bleiben. Per Lastwagen wird der Sarg zurück in den «Admiral Nelson» gebracht. Dort öffnet man den Deckel und Meaney sagt den Medien, schwierig sei nur gewesen, so lange von allen weggesperrt zu sein. Der Bestatter, der Meaneys Befreiung überwacht hatte, gibt zu Protokoll: «Es ist das erste Mal in meiner Karriere, dass einer lebendig aus dem Grab zurückkommt.»
Man schreibt den 22. April 1968 und eigentlich sollte Meaney nun beginnen, Profit aus seinem Weltrekord zu machen. Doch das öffentliche Interesse wendet sich in der kommenden Zeit dem Vietnamkrieg zu: Die Tet-Offensive der nordvietnamesischen Armee hat begonnen und die Kämpfe intensivieren sich zunehmend.
Gleichzeitig wird Meaneys Weltrekord nicht anerkannt, weil kein Vertreter des «Guinness Buchs der Rekorde» vor Ort war. Und weder die Welttournee noch der Sponsoringvertrag lassen sich realisieren. Ausserdem behält Manager Sugrue das Geld für die Telefongespräche für sich.
Als wäre das alles nicht genug: Im Frühling 1968 liegt gerade drüben in Kalifornien auch Country Bill White in einem Sarg begraben. Er will sich den Weltrekord von Mick Meaney zurückholen – mit 62 Tagen wird es ihm auch gelingen.
Wie geht Meaneys Leben weiter?
Der glücklose Ire kehrt zu seiner Familie nach Cork zurück. In einem Dokumentarfilm über sein Leben, der 2025 erschienen ist, sagt Meaneys Tochter: «Er kam nur gerade mit dem Geld für eine Flasche Milch nach Hause.»
Der Mann, der Boxer werden wollte, sich dann aber zum Spass der Leute lebendig begraben liess, erlebt, wie sein Rivale Country Bill White 1981 seinen letzten Rekord aufstellt: Die «lebende Leiche» verbringt 140 Tage in einem Grab. Danach schwört White, sich nie mehr begraben zu lassen.
Aus dem Guinness Buch der Rekorde wird die Rubrik 1987 wegen Sicherheitsbedenken gestrichen. Als Geoff Smith sich 1998 für 147 Tage begraben lässt, erkennt die Guinness Rekorde Gesellschaft den neuen Weltrekord nicht an.
Meaney, der mit wenig mehr als einer guten Geschichte aus dem Abenteuer herausgekommen war, stirbt im Jahr 2003 – und liefert eine letzte Pointe. Im Verlauf der Trauerfeier nämlich sagt der Pfarrer: «Ich habe noch nie jemanden begraben, der zuvor bereits einmal begraben war.»
Der irische Dokumentarfilm über Mick Meaneys Weltrekord trägt den Titel «Beo Faoin bhFòd (Buried Alive)» (auf Deutsch: «Lebendig begraben»). Der Film wurde an verschiedenen Festivals gezeigt, lief am irischen TV und ist beim Streamingdienst «Prime» zu sehen – allerdings nicht in der Schweiz. Hier geht es zum Trailer.