Männlichkeit

«Die Manosphere lockt mit der Illusion eines unverwundbaren Lebens»

Muskeln, Geld und Misogynie: Die «Manosphere» bietet jungen Männern einfache Antworten auf den gesellschaftlichen Wandel. Der reformierte Theologe Christoph Walser erklärt, weshalb die Szene so attraktiv scheint, wie sie Verletzlichkeit verdrängt und worin er eine Chance für die Kirche sieht.
Muskeln sind in der Welt der «Manosphere» ein zentraler Bestandteil. Viele junge Männer geraten über Fitnessvideos in den Sog der frauenhassenden Gemeinschaft.
(Symbolfoto: Keystone/ Chromorange/ Ales)

Die «Manosphere», ein Sammelbegriff für Online-Inhalte, in denen eine dominante Männlichkeit vertreten wird, zieht aktuell viele junge Männer in ihren Bann. Die Szene inszeniert körperliche Stärke, emotionale und finanzielle Unabhängigkeit – und Frauenhass.

Oft beginnt der Einstieg über den Zugang zu Fitnessvideos oder Finanztipps, es geht dabei um Selbstoptimierung und Disziplin. Mit der Zeit spielt der Algorithmus dem Nutzer immer extremere, offen frauenfeindliche Inhalte aus.

Seit rund einem Monat ist die Website manosphere.ch online, die über die Codes und Strategien der Szene aufklärt. Betrieben wird sie vom Dachverband der schweizerischen Männer- und Väterorganisationen männer.ch. Mitgründer Christoph Walser, ein reformierter Theologe, spricht im Interview mit ref.ch über das Phänomen und erläutert, wieso es auf fruchtbaren Boden fällt.

Herr Walser, was ist die Manosphere?
Im Vordergrund stehen junge Männer, die auf der Suche nach ihrem Männerbild Orientierung suchen. Die Manosphere inszeniert Männlichkeit in den sozialen Netzwerken machtvoll, definiert durch drei M’s: Muskeln, Money (Geld) und Misogynie (Frauenhass). Das Thema erhält derzeit so viel Gewicht, weil weltweit ein politischer Backlash stattfindet. Sichtbar wurde das etwa bei Donald Trump, der von Influencern der Manosphere massiv unterstützt wurde. Verstärkt wird es durch Tech-Konzerne und ihre Algorithmen. Dahinter stehen politische und wirtschaftliche Interessen.

Die Manosphere-Influencer, Manfluencer genannt, betreiben mit ihren Videos oft Werbung, um den jungen Männern beispielsweise Coachingkurse zu verkaufen.
Ja, sie versprechen finanziellen Erfolg und Unabhängigkeit. Dieses Ideal der totalen Autonomie ist zentral. Dabei verbinden sie kapitalistische Werte mit patriarchalen Rollenbildern. Das funktioniert gut, weil viele junge Männer verunsichert sind und sich fragen, wer von gesellschaftlichen Veränderungen profitiert.

Feministische Anliegen haben in den letzten Jahren mehr Öffentlichkeit erhalten. Wieso verstehen das junge Männer als Angriff, sehen sie ihre eigenen Privilegien nicht?
Da muss man das ganze System anschauen, das die Manfluencer aufgebaut haben. Sie behaupten, dass der junge Mann, der heute in die Gesellschaft hineinwächst, auf dem Verliererposten ist. In ihren Augen ist der Mann nicht privilegiert, sondern benachteiligt. Dafür machen sie die westliche, divers- und gleichstellungsorientierte Gesellschaft verantwortlich.

Wo findet das Anknüpfungspunkte?
Viele junge Männer wachsen in einem Umfeld auf, das stark von Frauen geprägt ist, von der Kita bis zur Primarschule. Dadurch kann der Eindruck entstehen, Frauen hätten das Sagen. Dass dies ein Ausdruck des Patriarchats ist, der die Care-Arbeit an Frauen auslagert, während Männer in Politik und Wirtschaft dominieren, sehen viele nicht. Dazu kommt oft ein abwesender Vater. Vielen Jungen fehlen männliche Vorbilder.

Gleichzeitig sind die Erwartungen widersprüchlich: Männer sollen stark und durchsetzungsfähig, aber auch einfühlsam und fürsorglich sein. Mit diesen Spannungen lassen wir zu viele junge Männer allein. Die Manfluencer besetzen diese Leerstelle.

Einerseits sind Frauen in der Manosphere als Statussymbol wichtig, andererseits werden sie extrem abgewertet.
Ja, die Manosphere will keine Beziehung auf Augenhöhe, aus Angst, von Frauen dominiert zu werden. Auch hier haben sie wohl einen Punkt, der für viele interessant ist. Wenn man zu abhängig von einer Frau wird, ist das nicht gut. Eine gewisse Autonomie muss man sich wahren können. Aber die Manfluencer kehren es einfach um: Du musst die Frau dominieren, um nicht abhängig zu werden.

Eine wichtige Rolle spielen dabei die sogenannten Bros, die Brüder. Sie sind dafür zuständig, dass man regelmässig ins Fitness geht, diszipliniert bleibt, und die Unabhängigkeit von Frauen wahrt. Diesen Bros wird aber nicht eine positive Brüderlichkeit vermittelt. Sie stehen im Konkurrenzkampf zueinander.

Der Frauenhass wird eher verklausuliert übermittelt. Ein Manfluencer wie Andrew Tate hat dazugelernt, jetzt rückt er das Geld in seinen Botschaften in den Vordergrund. Aber, dass der Mann höher steht als die Frau, dieser Wert ist geblieben und wird von der Ideologie her abgesichert. Die einen begründen es mit der Natur, die religiösen Manfluencer mit der Schöpfung.

Zur Person

Der 64-jährige Christoph Walser ist Theologe, Coach, Gründungsmitglied und Co-Leiter der Fachgruppe «Männerarbeit im kirchlichen Kontext» von männer.ch, dem Dachverband Schweizer Männer- und Väterorganisationen. Walser ist seit über dreissig Jahren in der Männerberatung tätig und Vater von zwei Töchtern. (gab)

Geht es im Kern der Manosphere um eine patriarchale Art von Sexualität?
Vordergründig nicht, weil das ein sehr komplexes Gebiet ist, in dem der Mann ebenfalls sehr verletzlich und unsicher ist. Aber wenn der Mann über der Frau steht, kann er sich in der Vorstellung auch sexuell durchsetzen.

Männlichkeit wird als einsamer Krieger, als gefühlsloses Wesen, mystifiziert. Das kann auf Dauer nicht gut gehen, sich emotional so abzukapseln.
Ja, es ist untauglich für eine Beziehung und für die Männer selbst. Man tut sich selbst Gewalt an, um stetig diesen Männlichkeitsanforderungen zu genügen. Immer der Beste, der Stärkste zu sein, da macht man sich kaputt. Das führt zum Burnout. Untersuchungen zeigen, dass das zu einem absolut ungesunden Männerleben führt, in dem man sich total vernachlässigt. So erziehen wir kriegerische Männer, die nichts fühlen, weil ihnen der Selbstbezug fehlt.

Welche Illusion steckt dahinter, die bei den jungen Männern verfängt?
Die Manosphere lockt mit der Illusion eines unverwundbaren Lebens. Die grosse Gemeinsamkeit aller Menschen ist unsere Verletzlichkeit, Sterblichkeit und Vergänglichkeit. Das auszuhalten, braucht viel Mut und eine gewisse Reife, die erst im Laufe des Lebens wächst. Die Manfluencer locken hier mit einer einfachen Lösung: Stell dich über alles, dann bist du ein richtiger Mann. Da ist attraktiv, weil es die Verletzlichkeit ausblendet, die wehtut.

Die Jungen stählen ihre Körper regelrecht – um sich gegen Verletzlichkeit zu panzern?
Ja, sie orientieren sich an der mythologischen Heldenfigur. Dabei kann man sich noch so gut «pumpen», innerlich bleibt man verletzlich.

Wieso sollten Muskeln in einer modernen Gesellschaft Macht bedeuten? Schon früher war das nicht so, die Gladiatoren im alten Rom waren Sklaven.
In der Manosphere werden Muskeln mit Geld verbunden. Dahinter steckt die kapitalistische Vorstellung, allein durch Leistung völlig autonom zu werden. Fitness wird Teil eines asketischen Ideals. Mit dieser Askese verdient man sich die Ekstase, die Lust, man kauft sich etwa schnelle Autos oder Frauen und glaubt, dieser Lebensstil mache glücklich.

Sie haben die Orientierungslosigkeit erwähnt. Wieso hat da die Kirche nichts anzubieten?
Wir neigen dazu, Jesus zu verstecken. Dabei lebt er ein völlig anderes Männerbild vor. Im Zentrum steht bei ihm die Liebe: zu Gott, zum Nächsten und zu sich selbst. Welcher Manfluencer spricht schon von Liebe? Damit schwimmt Jesus gegen den Strom von Kapitalismus und Patriarchat. Es gibt das Zitat von Schriftsteller Peter Bichsel: «Der Kirche wird es nicht gelingen, ihren Gründer über Bord zu werfen.» Das würde ich gerne erweitern: Unser Problem ist, das wir Jesus im Schiffsbug verstecken, wir holen ihn nicht mehr an Deck.

Deshalb wirkt auch unsere Theologie in der Debatte um Männlichkeit schwach. Bei Evangelikalen steht die Männlichkeit zwar im Vordergrund, aber oft im Widerspruch zu Jesus.

Wie geht Mannsein heute?
Es gibt nicht einfach ein, zwei oder drei Bilder, sondern es geht um das Ringen, was Mannsein ist. Das kann und muss ein junger Mann selbst entwickeln, mit Unterstützung von Mentoren. Berührbare Vorbilder sind zentral. Ältere Männer sollten junge Männer begleiten und zeigen, wie sie mit Widersprüchen umgehen. Darin läge eine grosse Chance für die Kirche.

Wie meinen Sie das?
Es gibt wohl kaum mehr eine Institution, die die Menschen von der Geburt bis zum Tod begleitet, ausser der Kirche. Bei uns sind alle Generationen vertreten. Besonders rund um die Konfirmation könnten wir Orientierung bieten. Wir könnten eine Art sozialer Väterlichkeit sicherstellen.

Was meinen Sie damit?
Bei mir war es der Pfadiführer: Den habe ich angehimmelt. Ich fand es toll, wie er lebte. Ich habe alles beobachtet, was er gesagt und wie er sich bewegt hat. Solche berührbaren Vorbilder leben soziale Väterlichkeit. Das können in diesem Alter nicht die Eltern sein, von denen man sich in der Pubertät lösen will.

Sollten sich Männer also mehr untereinander austauschen? „Boys Clubs“ stehen ja oft unter dem Verdacht des Patriarchalen.
Orte, an denen Missbrauch geschieht, entstehen vor allem dort, wo Macht im Spiel ist. Meiner Meinung nach haben wir Männer in der westlichen Gesellschaft eine positive Kultur der geschlechtsspezifischen Räume verloren. Dabei gibt es ein tiefes Bedürfnis nach guter Bruderschaft. Frauen pflegen das viel öfter. Sie stärken sich gegenseitig. Bei den Männern ist es komplexer: Wie machen wir das, damit wir nicht wieder in Verdacht geraten, dass es etwas Männerbündlerisches, Restriktives, Rückwärtsorientiertes ist?

Was kann man dem entgegensetzen?
In der Männerarbeit versuchen wir, Männerkreise aufzubauen, die progressiv sind und ein ethisches Männerbild vertreten. Dieses Bedürfnis ist stark verankert und da müssen wir Möglichkeiten schaffen, dass auch Männer dies mit guten Gefühlen pflegen dürfen.

Wie funktioniert die Männerarbeit in den Kirchen heute?
Aktuell läuft viel über das Digitale. Beispielsweise über Vaterwelten.ch oder niudad.ch wo es auch eine reale Vernetzung in den Quartieren gibt. Interessanterweise funktioniert das vor allem über die Vaterrolle. Für viele jüngere Männer, die progressiv orientiert sind, ist das Stichwort männlich eher negativ besetzt. Sie über das Mannsein abzuholen funktioniert nicht mehr so gut. Aber jetzt kippt da ein bisschen etwas, weil Themen wie die Manosphere auch politisch geprägt sind und viele herausfordern.

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