Interview

«Autoritäten haben keine Informationshoheit mehr»

Die Digitalisierung spielt auch in der Kirche eine wichtige Rolle. Wie Kirchgemeinden digitale Instrumente erfolgreich nutzen können, weiss der deutsche Experte Hanno Terbuyken. Sicher ist: Es gehört weit mehr dazu, als bloss ein Facebook-Konto zu haben.

Dank der Digitalisierung haben alle überall Zugriff auf Informationen und nicht nur einzelne Autoritäten. Auf dem Bild: Ein Mann fotografierte den Dom in Köln. ( Bild: Stefan Ziese/Keystone/imageBroker/)

Herr Terbuyken, Digitalisierung ist ein Modewort, bei dem man nicht genau weiss, was damit konkret gemeint ist. Was verstehen Sie darunter?
Die Digitalisierung ermöglicht in meinen Augen drei Dinge: Sie baut räumliche und zeitliche Grenzen ab, sie sorgt für eine unbegrenzte Speicherkapazität von Informationen und führt dazu, dass Hierarchien verschwinden. Mit dem letzten Punkt dürften wohl die meisten Kirchen Mühe haben.

Warum?
Weil man sich in der Kirchgemeinde oder in der Landeskirche neu in Netzwerken und nicht mehr in hierarchischen Strukturen organisieren muss. Zum Beispiel: In einer digitalisierten Kirchgemeinde können alle Zugriff auf den digitalen Kalender haben und nicht nur der Pfarrer. Alle dürfen wissen, welche Termine die Pfarrerin hat, sofern das Seelsorgegeheimnis dadurch nicht verletzt wird. Das klingt banal, ist es aber nicht. Autoritäten müssen lernen, nicht mehr die Informationshoheit zu haben. 

Wieso ist das in der Praxis schwieriger als gedacht?
Weil man nicht neue digitale Tools über alte Strukturen stülpen kann. Die Menschen in einer Kirchgemeinde müssen sich folgende Fragen stellen: Was wollen wir mit unserer Digitalisierung erreichen? Wen wollen wir ansprechen? Und dann sollten sie sich kundig machen, wer in der Gemeinde welche Kompetenzen hat, um die digitalen Kanäle zu bespielen, und das nicht alles auf der Pfarrerin ablegen.

Zur Person

Hanno Terbuyken (40) ist seit 2020 Country Manager bei ChurchDesk. Die Firma hilft Gemeinden, Landeskirchen und Bistümern mit einer eigenen Software-Plattform bei der Digitalisierung ihrer Arbeit. Zuvor war Terbuyken Leiter Digitale Kommunikation im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik in Frankfurt und ab 2012 Portalleiter von evangelisch.de. Nach seinem Journalistik-Studium in Leipzig hatte er ab 2009 als Redaktor das Angebot mit aufgebaut. (bat)

Also twittert nicht mehr die Kommunikationsfachfrau, sondern der Pfarrer selbst?
Mal angenommen, der Jugendarbeiter in der Kirche betreut ein spannendes Projekt. Warum soll nicht er selbst auf den sozialen Medien darüber berichten? Menschen folgen Menschen. Kanäle auf sozialen Medien funktionieren viel besser, wenn eine Person die Beiträge im eigenen Namen und mit dem eigenen Profil pflegt und sie nicht im Namen der Organisation entstehen.

Das Ziel vieler Landeskirchen dürfte sein, möglichst viele Mitglieder mit ihren Botschaften digital zu erreichen. Haben Sie Tipps, wie das gelingt?
Zuerst sollten sie prüfen, wie ihre Website aussieht. Eine gute Website beantwortet folgende Fragen: Wo ist die Kirche zu finden, wie ist sie erreichbar und wann findet was statt? Das klingt einfach, aber viele Kirchen scheitern bereits daran, ihre Homepages sind unübersichtlich. Oft finden sich dort theologische Abhandlungen. Aber das suchen die Menschen nicht. Was man nicht unterschätzen sollte, sind digitale Kontaktformulare und der klassische E-Mail-Newsletter. Wer sich dafür angemeldet hat, möchte explizit Informationen von dieser Kirche erhalten. Selbst ein Gemeindeschaukasten lässt sich «digitalisieren», indem man einen QR-Code aufhängt, der zum Newsletter oder direkt auf die Gemeindewebsite führt. 

«Die allerwenigsten Institutionen benötigen eine eigene Social-Media-Präsenz – dazu gehören auch Gemeinden.»

Sie sprechen von Informationen, aber was ist mit den Inhalten? Braucht jede Kirchgemeinde heutzutage einen Instagram-Account, Facebook, sogar TikTok, um die Menschen anzusprechen?
Überhaupt nicht. Wer einen Instagram-Account betreiben will, muss zuerst gute Bilder haben. Sind in einer Gemeinde alle Mitglieder über 40 Jahre alt, braucht es keinen TikTok-Account. Und wenn niemand Lust hat zu twittern, braucht es keinen Twitter-Account. Ich glaube, die allerwenigsten Institutionen benötigen eine eigene Social-Media-Präsenz – dazu gehören auch Gemeinden. Wichtiger ist, dass sich erkennbare Personen auf den Kanälen umtreiben, denen andere Menschen folgen. So entstehen Netzwerke.

Ist Deutschland bei der Digitalisierung in der Kirche weiter als die Schweiz?
Um ehrlich zu sein, glaube ich, dass die Differenz zwischen einzelnen Kirchgemeinden grösser ist als die zwischen Deutschland und der Schweiz. Sind da engagierte Menschen, die interessante Angebote machen, zu denen Menschen digital oder physisch kommen? Zeigen sie sich selbst und ihre Ideen auf den Kanälen, an denen sie Spass haben? Dafür ist völlig egal, ob ich nördlich oder südlich vom Bodensee Kirche bin.

«In der Digitalisierung werden die Grenzen der Kirchgemeinde infrage gestellt.»

Sie haben gesagt, mit der Digitalisierung würden auch örtliche und zeitliche Grenzen verschwinden. Wie meinen Sie das?
Wir müssen nicht mehr alle zur gleichen Zeit am gleichen Ort arbeiten. Wir können auf Informationen von überall auf der Welt zugreifen. Das verändert die Arbeitsweise massiv, Stichwort Homeoffice. Zudem werden in der Digitalisierung die Grenzen der Kirchgemeinde infrage gestellt. Heute kann ich im Internet Gleichgesinnte finden, die nicht in meiner Kirchgemeinde wohnen, aber mit mir durch gemeinsame Interessen verbunden sind – oder dadurch, dass wir die gleichen Menschen auf Instagram mögen. Das schafft einen ganz neuen Gemeinschaftsraum. Die Kirche muss sich also damit auseinandersetzen, dass sich Gemeinschaft dadurch verändert: Nur weil wir alle im gleichen Ort wohnen, sind wir nicht automatisch eine Gemeinde. Entscheidend ist, wo ich Menschen und Ereignisse finde, die ich interessant finde. Die Kirche vor Ort steht in Konkurrenz mit dem ganzen Rest der Welt!

Ein neuer gemeinsamer Raum ist in der Corona-Krise entstanden: Viele Kirchgemeinden haben mit ihren Streaming-Gottesdiensten auch Menschen ausserhalb der Kerngemeinschaft erreicht. Hat die Pandemie den Streaming-Gottesdiensten Schub verliehen?
Da bin ich mir nicht sicher. Zumindest in Deutschland haben viele Kirchgemeinden das Streaming aufgegeben, sobald man sich wieder treffen durfte. Klar ist für mich, dass die neu dazugewonnenen Streamingzuschauer nun nicht in der Kirche sitzen. Das sind zwei unterschiedliche Zielgruppen. Sobald man mit dem Streaming aufhört, hat man die eine Gruppe wieder verloren. 

Wenn Sie in die Zukunft blicken, wohin führt die digitale Reise?
Im August 2022 hat der Spieledesigner Jason Allen mit einem vom Algorithmus «Midjourney» erzeugten Bild einen Kunstpreis für digitale Kunst gewonnen. Werkzeuge wie dem Programm DALL-E, das Bilder mithilfe von künstlicher Intelligenz generiert, oder selbstfahrende Autos stellen uns jetzt schon vor die Frage: Was muss der Mensch noch selbst tun? Nach der Automatisierung von mechanischen Aufgaben kommt jetzt die Automatisierung von Denkaufgaben. Wie können wir das nutzen? Und was wollen wir uns nicht abnehmen lassen, gerade wenn wir als Kirche für andere Menschen arbeiten? Das wird für die Kirchen eine Herausforderung werden.