Literatur

Auch mit 80 Jahren bleibt er der «Vorleser»

Der Autor Bernhard Schlink wird 80 Jahre alt. Der Theologensohn ist Juraprofessor – doch vor allem bekannt für den fast 30 Jahre alten Roman «Der Vorleser», der noch immer in den Schulen gelesen wird.

Der schreibende Jus-Professor Bernhard Schlink ist bis heute ein Autor, den junge Menschen lesen (müssen). Diese Woche feiert er seinen 80. Geburtstag. (Bild: Gaby Gester/ Keystone)

Der in über 50 Sprachen übersetzte «Vorleser» machte Bernhard Schlink weltberühmt. Der Roman erschien 1995 und handelt von der Liebe zwischen dem 15-jährigen Gymnasiasten Michael Berg und der 36-jährigen Strassenbahnschaffnerin Hanna Schmitz, die Analphabetin ist. Er liest ihr Romane vor. Plötzlich und spurlos verschwindet Schmitz und taucht Jahre später in einem Gerichtsprozess wieder auf, dem Berg als Jurastudent beiwohnt. Dort wird sie als ehemalige KZ-Aufseherin enttarnt.

Schlink wurde für den Roman viel gelobt, aber setzte sich wegen der menschlichen Sicht auf eine NS-Täterin auch dem Vorwurf der Verharmlosung aus. Der Autor selbst betonte stets, die Welt sei nicht in Gut und Böse zu teilen. «Wenn Täter immer Monster wären, wäre die Welt einfach», sagte er 2009 der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung».

Als ein Holocaust-Buch wollte Schlink den Roman dabei nie verstanden wissen: «Ich habe ein Buch über meine Generation im Verhältnis zur Elterngeneration und zu dem, was die Elterngeneration gemacht hat, geschrieben», sagte er in dem Interview.

Geboren wurde Schlink am 6. Juli 1944 in eine protestantische Familie. Seine Mutter stammte aus der Schweiz und war Theologin, sein Vater Theologieprofessor. Schlinks Tante Basilea gründete 1947 die evangelische Kommunität der Marienschwestern in Darmstadt.

Er wuchs in Heidelberg auf, studierte Jura, promovierte über Verfassungsrecht, habilitierte und war von 1990 bis 2009 Juraprofessor an Humboldt-Universität in Berlin. Daneben war Schlink zwischen 1987 und 2006 Richter am Verfassungsgerichtshof in Münster.

Vom Fachautor zum Literaten

Nachdem sich Schlink bereits als juristischer Autor einen Namen gemacht hatte, folgte 1987 sein Schritt in die Literatur. Mit einem Freund veröffentlichte er den Kriminalroman «Selbs Justiz», in dem sich ein Detektiv mit seiner NS-Vergangenheit konfrontiert sieht.

Nach weiteren Kriminalromanen erschien 1995 schliesslich der «Vorleser». Das Buch machte Schlink auch in den USA bekann, wo es mehr als eine Million Leserinnen und Leser fand. Die Verfilmung mit der britischen Schauspielerin Kate Winslet in der Rolle von Schmitz von 2008 wurde in mehreren Kategorien für den Oscar nominiert.

Beim Schreiben glücklich

Schlink zeichnet sich durch seine klare und genaue Sprache aus. Sein Werk erscheint im Zürcher Diogenes Verlag und belegt regelmässig die vorderen Ränge auf den Bestsellerlisten der Deutschschweiz. Gelegentlich halten ihm Kritiker Kitsch und Klischees vor. Zuletzt erschien 2023 der Roman «Das späte Leben», der unter anderem als «stiller, grosser und wichtiger Text» gelobt wurde. Der Roman erzählt von einem 76-jährigen Mann, der eine ernste Diagnose erhält und nur noch wenige Monate zu leben hat. Er fragt sich, was aus seiner jungen Frau und seinem sechsjährigen Sohn werden wird.

Schlink selbst betonte immer, er fühle sich beim Schreiben glücklich. «Schreiben ist für mich ein Fluchtort, weil ich nirgendwo so bei mir bin, wie beim Schreiben», sagte er unlängst im Norddeutschen Rundfunk. Privat pendelt Schlink zwischen New York und Berlin. Er hat eine Lebensgefährtin aus den USA und einen erwachsenen Sohn aus geschiedener Ehe. (epd/ dst)