«Letzte Hilfe»-Kurs vermittelt Grundwissen zur Sterbebegleitung

Wer einen Angehörigen an dessen Lebensende begleiten will, wird mit Ängsten und Unsicherheiten konfrontiert. Wie Betroffene mit dem Sterben besser umgehen, zeigt ein Kurs der Landeskirche Zürich – er wurde zur Erfolgsgeschichte.

Die Begleitung von Schwerkranken und Sterbenden fällt Angehörigen oft schwer. (Bild: Keystone/Daniel Reinhardt)

Naht der Tod eines Angehörigen, fühlen sich viele Menschen hilflos. Während fast jeder über Grundwissen in Erster Hilfe verfügt, wissen nur die wenigsten, wie Sterbende würdevoll begleitet werden.

Wie können Begleitpersonen das Leiden einer Schwerkranken lindern? Was bedeutet es, wenn jemand aufhört, Nahrung zu sich zu nehmen? Und an wen können sich Angehörige wenden, wenn sie professionelle Unterstützung benötigen? Auf diese und andere Fragen rund ums Sterben will der Kurs «Letzte Hilfe» der Zürcher Landeskirche Antworten geben.

Bereits achtzehn Mal ist der Kurs im vergangenen Jahr in Zürcher Kirchgemeinden durchgeführt worden. Insgesamt über 500 Personen haben sich auf diese Weise grundlegendes Wissen über das Sterben und die Sterbebegleitung angeeignet.

Verlorenes Wissen

Viele Menschen möchten heute mehr darüber erfahren, wie sie ihre Angehörigen im Sterben begleiten können, sagt Matthias Fischer. Der Seelsorger ist bei der Zürcher Landeskirche zuständig für den Fachbereich Palliative Care. Gemeinsam mit Eva Niedermann, Fachmitarbeiterin für Alter und Generationen, organisiert er die Letzte Hilfe-Kurse. Fischer nimmt in der Gesellschaft ein wachsendes Interesse an den Themen Sterben und Sterbebegleitung wahr. «Eigentlich ist das Sterbegeleit ja uraltes Wissen», sagt er. «In den letzten Jahrzehnten wurde das Sterben aber an die Spitäler und Pflegeheime delegiert. So ist ein grosser Erfahrungsschatz verloren gegangen.»

An einem halben Tag soll der Letzte Hilfe-Kurs helfen, diese Lücke zu schliessen – als eine Art Intensivkurs gegen die Ungewissheiten am Lebensende. Themen wie «Sterben als Teil des Lebens», «Vorsorgen und Entscheiden», «Leiden lindern» und «Abschied nehmen» kommen dabei zur Sprache. Ein anspruchsvolles Programm, wie auch Matthias Fischer findet. Allerdings sei der Kurs nicht als berufliche Weiterbildung gedacht. «Was wir vermitteln wollen, ist sozusagen das Einmaleins der Sterbebegleitung analog zu den Erste Hilfe-Kursen.»

Eine Erfolgsgeschichte

Entwickelt wurde der Kompaktkurs bereits vor über zehn Jahren. Der Kopf dahinter war der deutsche Palliativmediziner Georg Bollig. Seine Idee: Das Wissen um Palliative Care, also die Versorgung von Schwerkranken und Sterbenden, sollte in der ganzen Bevölkerung verbreitet werden. Die ersten Kurse fanden 2014 in Norwegen statt, es folgten Deutschland und Dänemark. Schliesslich übernahm die Zürcher Landeskirche das Konzept im vergangenen Jahr für die Schweiz.

Mit Erfolg, denn inzwischen interessieren sich auch andere Kantonalkirchen dafür. In Graubünden zum Beispiel ist der Kurs bereits zweimal durchgeführt worden, acht weitere Folgen sind geplant.

Dort hat die Spitalseelsorgerin Susanna Meyer Kunz zusammen mit Kolleginnen die Kurse geleitet. Spannend fand sie, wie durchmischt die Teilnehmergruppen gewesen seien. «Es kamen ältere Frauen, die ihre dementen Männer pflegen, aber zum Beispiel auch Konfirmanden.» Dass darunter auch Kirchenferne waren, hat sie gefreut. «Eine unserer Teilnehmerinnen war eine aus der Kirche ausgetretene Psychiaterin.»

Hilfreiche Tipps für Angehörige

Den Stoff in vier Stunden zu vermitteln, sei zwar anspruchsvoll, sagt Meyer Kunz. Gleichzeitig bringe fast jeder ein gewisses Vorwissen mit. «An diese persönlichen Erfahrungen können wir anknüpfen.»

Neben Informationen werden im Kurs ganz praktische Tipps gegeben. Zum Beispiel lernen die Teilnehmenden etwas über die Mundpflege bei Schwerkranken. Es sei sehr wohltuend für die Kranken, wenn ihr Mund mit einer feuchten Wattekugel abgetupft werde, sagt Meyer Kunz. Speziell, wenn diese mit einem geliebten Geschmack benetzt sei, beispielsweise Cola oder Tee. Im Kurs testen die Teilnehmenden diese Technik an sich oder ihrer Begleitung aus.

Guter Umgang mit dem Sterben

Anklang findet das Angebot inzwischen auch bei nicht-kirchlichen Organisationen. «Palliativ Vaude», eine Sektion der Schweizerischen Gesellschaft für Palliative Care, hat den Kurs kürzlich ins Französische übersetzen lassen. Mit anderen Sektionen sei man im Gespräch, sagt Matthias Fischer von der Zürcher Landeskirche.

Aufgrund der Nachfrage müssen laufend neue Kursleiterinnen und -leiter ausgebildet werden. Die Leitung der Kurse teilen sich eine Fachperson aus der Pflege und eine Person aus der Seelsorge oder dem therapeutischen Bereich. Für die Teilnehmenden sind die Kurse kostenlos. Ziel sei es, den Teilnehmenden eine palliative Grundhaltung zu vermitteln, wie sie die englische Ärztin Cicely Saunders als Begründerin der Hospizbewegung entwickelt habe, sagt Fischer.

Schliesslich gehe es nicht darum, dass die Teilnehmer ihr neu erworbenes Wissen beruflich anwenden könnten. Das Angebot sei vielmehr niederschwellig und richte sich an alle, die erfahren wollten, was sie für ihre Angehörigen und Freunde am Lebensende tun könnten. «Unser Ziel ist letztlich ganz konkret. Wir wollen den Menschen zu einem guten Umgang mit dem Sterben verhelfen.»