Filmtipp

Das Kunstwerk, das nicht sein darf

Der Maler Michael Triegel hat den Cranach-Altar im Naumburger Dom vervollständigt. Ein Dokumentarfilm zeigt die Entstehung des Werkes. Aber das Drama ereignet sich nach dem Abspann.
Jahrelang arbeitete Michael Triegel an seiner Interpretation des Mittelbildes des Cranach-Altars. (Bild: Pietro De Cristofaro/ AP/Keystone)

Das erste Unglück ereilte den Cranach-Altar 1541. Von Lucas Cranach dem Älteren zwischen 1517 und 1519 gemalt und im Naumburger Dom aufgestellt, zerstörten Reformatoren die mittlere Bildtafel. Darauf war – so vermutet es die Forschung – die Jungfrau Maria dargestellt. Dem evangelischen Superintendenten Nikolaus Medler war das damals zu viel Heiligenverehrung.

Das zweite Unglück traf den Altar 2022, gerade als der deutsche Maler Michael Triegel ein Bild im Auftrag der Vereinigten Domstifter vollendet hatte. Rund drei Jahre lang hatte Triegel an dem Werk gearbeitet. Es sollte den Cranach-Altar wieder vervollständigen. Natürlich musste es wieder eine Darstellung von Maria mit dem Kind sein. Ein Filmteam begleitete Triegel durch das Auf und Ab des Schaffensprozesses.

Triegel wird der Neuen Leipziger Schule zugeordnet. Er malt in einem realistischen Stil, seine Bilder passen in ihrer Erscheinung in eine Reihe mit den Werken der Renaissance-Maler. Doch seine Motive sind aktuell. So portraitierte Triegel beispielsweise den deutschen Papst Benedikt XVI.

Einblicke in den Schaffensprozess

Dank des Films erfährt man, wie langsam der Arbeitsprozess Triegels ist. Er malt mit Ölfarben, arbeitet sich Pinselstrich für Pinselstrich voran. Malt Gesichter, von denen man meint, sie zwinkerten einem zu oder würden gleich anheben zu sprechen. Wie es seine Vorbilder in der Renaissance taten, bedient sich Triegel auch realer Vorlagen für die Figuren seiner Bilder. Für das Gesicht Marias sitzt seine Tochter Modell, und für Marias Mutter Anna orientiert er sich an den Zügen seiner Frau.

Das Bild bevölkern noch weitere Figuren, die im Hintergrund stehen. Neben Petrus und Paulus steht da auch der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer. Nach langer Zeit mit dem Pinsel in der Hand vergoldet Triegel den Himmel des Bildes und gibt das Werk ab. Die Vereinigten Domstifter lassen es in den Cranach-Altar einsetzen und feiern, dass der Triptychon wieder vollständig ist.

Einspruch der Unesco

Doch nun das Unglück: Es meldet sich die Unesco und droht, dem Naumburger Dom den Status als Welterbe zu entziehen. Die Auszeichnung ist an zwölf Steinfiguren aus dem Mittelalter geknüpft. Die Unesco sagt, der vervollständigte Cranach-Altar störe den Blick auf die Figuren. Sie fordert, dass der Altar entfernt wird. Damit endet der Dokumentarfilm.

Nun bahnt sich das dritte Unglück an: Wohin mit dem Altar? Denn Unesco-Welterbe soll der Dom ja bleiben. Erst wird das Kunstwerk auf Ausstellungstournee geschickt. Nach einem Jahr es ist zurück in Naumburg. Dort bleibt es etwas mehr als ein Jahr, bis der Altar im Herbst 2025 wieder abgebaut wird – die Kontroverse mit der Unesco ist noch nicht beigelegt. Der Altar wird eingelagert und man sucht nach einem neuen Standort.

Alle Wege führen nach Rom

Zur Hilfe kommt – der Vatikan. Der Altar wird in einen Lastwagen verladen und von Deutschland nach Rom gebracht. Seit Anfang November 2025 befindet sich das Kunstwerk direkt neben dem Petersdom in der Kirche Campo Santo Teutonico. Hier kann es für insgesamt zwei Jahre bleiben.

Und was sagt Michael Triegel dazu? Den «Vatican News» sagt er, wie glücklich er ist, dass eines seiner Werke in der Stadt stehe, die für sein Leben und seine Kunst die wichtigste gewesen sei. «Natürlich hätte ich gerne auf den Umzug verzichtet», meint er weiter. An der Kontroverse um sein Bild habe ihn gestört, dass niemand über dessen ökumenische Botschaft gesprochen habe, «sondern nur noch über den Ausstellungsort».

Der Film «Triegel trifft Cranach – Malen im Widerstreit der Zeiten» ist noch bis Ende April im SRF Player zu sehen.

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