Amanda Gorman

«Kunst ist immer auch politisch»

Mit ihrem Gedicht zur Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden brachte sie die Lyrik ins Rampenlicht. Mittlerweile hat Amanda Gorman Fans in der ganzen Welt. Ihr Prestige nutzt sie geschickt, um sich gegen Rassismus und für Frauenrechte zu engagieren.

Grosse Gesten, starke Ausstrahlung: Amanda Gorman bei der Inauguration von Joe Biden. (Bild: Keystone / AP Photo / Patrick Semansky)

Es war nur ein kurzer Auftritt, doch er machte sie über Nacht zum Star: In ihrem ganz eigenen Rhythmus, mit vielen Gesten und grossen Charisma rezitierte Amanda Gorman ihr Gedicht «The Hill We Climb» bei der Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden am 20. Januar. Danach setzte ein Hype um die 23-jährige schwarze US-Amerikanerin ein, der bemerkenswert ist für eine junge Schriftstellerin – und noch viel ungewöhnlicher für eine Lyrikerin.

Ihr Auftritt bei der Amtseinführung wurde bei Youtube mehrere Millionen Mal angesehen. Sie unterschrieb einen Model-Vertrag und war auf dem Cover des «Time Magazine». Für die Titelgeschichte wurde sie von Michelle Obama interviewt. Das renommierte Magazin kürte Gorman ausserdem zu einer der 100 künftig einflussreichsten Persönlichkeiten weltweit.

Ihr Gedicht «The Hill We Climb» erscheint am 30. März in Buchform, auch auf Deutsch. Ein Gedichtband und ein Kinderbuch sollen im September folgen. Der deutsche Verlag entschied sich für ein Übersetzerinnentrio mit Kübra Gümüsay, Uda Strätling und der schwarzen Journalistin Hadija Haruna-Oelker.

Lyrik als Aktivismus

Mittlerweile hat Gorman auf Instagram 3,7 Millionen und bei Twitter 1,5 Millionen Follower sowie mehrere Fanclubs. Sie selbst nutzte soziale Medien erst spät. Denn ihre alleinerziehende Mutter, eine Lehrerin, war streng. Um TV-Sendungen wie «America's Next Top Model» mit ihrer Zwillingsschwester sehen zu dürfen, habe sie zuerst genau begründen müssen, warum dies für ihre Persönlichkeitsentwicklung wichtig sei. Da habe sie nur ein paar Minuten herausschlagen können, wie sie kürzlich in einem Interview mit Hillary Clinton erzählte.

Gorman hat gelernt, Stellung zu beziehen. Mittlerweile nutzt sie diese Fähigkeit für politische Themen: Ob Klimawandel, Abtreibungsrecht oder «Black Lives Matter»-Bewegung, die Lyrikerin, die 2017 zur ersten «National Youth Poet Laureate» (nationale Jugendpoetin) gekürt wurde, äussert sich so kritisch wie pointiert. In ihrem Gedicht «Earthrise» beispielsweise bezeichnet sie den Klimawandel als grösste Herausforderung.

«Kunst ist immer auch politisch», erklärt Gorman, die an der Eliteuniversität Harvard Soziologie studiert hat. Sie sieht sich als politische Aktivistin wie Greta Thunberg oder die pakistanische Kinderrechtsaktivistin Malala. Von sich selbst spricht sie als einem «dünnen schwarzen Mädchen, dessen Vorfahren Sklaven waren» und das einen Sprachfehler mit viel Üben überwunden hat.

Hohe Erwartungen

Seit der sechsten Klasse hat sie nach eigenen Angaben ihr Ziel genau vor Augen: Sie möchte 2036 für die US-Präsidentschaft kandidieren. Dabei achtet sie sorgfältig auf ihr Image: «Ich bin vorsichtig, welche Bilder von mir da draussen sind» – eine Erklärung warum sie nur selten auf Selfies mit Freunden zu sehen ist.

Es gebe besonders an schwarze Frauen eine hohe Erwartung, was Kleidung, Make-up und Haare betreffe. «All das hat eine politische Bedeutung», sagte Gorman in einem Interview. Nicht umsonst seien die schwarzen Bürgerrechtler der Fünfziger- und Sechzigerjahre in ihrer Sonntagskleidung auf die Strasse gegangen. Für die Amtseinführung entschied sie sich für einen knallgelben Mantel und ein rotes Haarband von Prada.

Wie wichtig die Präsentation für Amanda Gorman ist, hat auch die Heidelberger Literaturwissenschaftlerin Caitlin Smith beobachtet. Nicht nur der «sehr präzise Redestil», auch die Gesten, die Intonation, der Rhythmus und die Körpersprache spielten dabei eine Rolle, sagte Smith dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Anleihen bei der Bergpredigt

Gormans Gedicht «Der Hügel, den wir erklimmen» sei eine perfekte Metapher für Amerika, das noch auf dem Weg nach oben ist. In ihrem Gedicht verwende die Katholikin, die Mitglied der St. Brigid Church in Los Angeles ist, immer wieder auch religiöse Bilder und Symbole etwa aus der Bergpredigt. Dabei wandle Gorman laut Smith geschickt zwischen der dominierenden weissen Kultur und ihrem afroamerikanischen Wurzeln. Sie mische «sehr zugänglich und gleichzeitig sehr kontrolliert» traditionelle afroamerikanische Elemente wie den Rhythmus des Hip-Hop mit weisser Standardsprache, erläutert Smith.

Lange Zeit sei Lyrik nur als hohe Schreibkunst «toter weisser alter Männer» verstanden und in Schulen gelehrt worden, kritisiert Gorman. Auch Literaturwissenschaftlerin Smith betont, dass Dichtkunst schon immer im Alltag eine Rolle gespielt habe, auch wenn sie nicht so wahrgenommen werde: «Lyrik ist überall um uns, als Rap auf den Schulhöfen und auch in den Strassen.» (epd)