Konflikt um Kirchenleitbild in Kreuzlingen

Die Kirchenvorsteherschaft in Kreuzlingen im Kanton Thurgau hat einen Teil des neuen theologischen Leitbilds gestrichen. Darin geht es um den Umgang mit Homosexualität. Das befeuert den Wahlkampf ums Präsidium.

Die evangelische Kirche Kreuzlingen diskutiert über Änderungen am theologischen Leitbild.

Die evangelische Kirchgemeinde Kreuzlingen wollte sich ein neues theologisches Leitbild geben. Dafür arbeitete das Pfarrteam Grundsätze aus, die von den Mitarbeitenden und der Kirchenvorsteherschaft genehmigt und schliesslich im August 2019 veröffentlicht wurden. Doch nun meldete die Kirchenvorsteherschaft im Kirchenboten, dass sie das Leitbild im Nachhinein angepasst habe.

Kirchenmitglieder haben sich beschwert

Dabei betont sie einerseits, dass das Leitbild ein theologisches Papier sei und kein Gemeindeleitbild. Andererseits habe die Vorsteherschaft den Teilsatz «Wir anerkennen das Recht auf sexuelle Selbstfindung» gestrichen. Denn es habe Kirchbürgerinnen und -bürger gegeben, die sich damit nicht hätten identifizieren können. Weil dann ein neu gewähltes Mitglied der Kirchenvorsteherschaft auf den Punkt zurückkam und erneut diskutiert wurde, entschied man sich laut dem Präsidenten Thomas Leuch schliesslich für die rückwirkende Anpassung.

Damian Brot, der das Leitbild mitgestaltet hat, führt auf Nachfrage aus, dass gewisse Kirchenmitglieder Homosexualität als Widerspruch zur Bibel betrachten würden. Deshalb sei der Teilsatz für sie stossend, da er in ihrer Auffassung Homosexualität befürworte oder sogar fördere. Zudem hätten Kritiker eingewandt, dass man damit auch Pädophilie rechtfertigen könne.

«Emotional getroffen»

In Absprache mit den Theologen wurde der betreffende Abschnitt dann gestrichen. Brot steht zwar weiterhin hinter der Formulierung, hält aber fest: «Für mich ändert sich durch die Streichung nichts.» Der zweite Teil des Satzes sei beibehalten worden. Darin wenden sich die Verfasser «gegen jede Art von Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung oder geschlechtlicher Identität in Kirche und Gesellschaft». Er lege das so aus, dass weiterhin alle Menschen in der Kirche willkommen seien und auch Homosexuelle ein Recht auf eine Segung ihrer Partnerschaft oder vielleicht schon bald auf eine kirchliche Trauung hätten.

Auch der amtierende Präsident Thomas Leuch findet, dass dieser zweite Teil doch ein sehr klares Statement sei. Man müsse betonen, was noch im Leitbild stehe. Diese Punkte seien sehr zentral und würden in den Hintergrund geraten. Jetzt liege der Fokus nur auf einem Teilsatz, der missverständlich gewesen sei.

Ganz anders sieht das Susanne Dschulnigg. Sie tritt bei den Wahlen im März gegen Thomas Leuch an. Selbst lesbisch, treffe sie die Anpassung des Leitbildes sehr, sagt sie auf Nachfrage. So gestehe man den Menschen keine Selbstfindung ihrer Sexualität mehr zu, sondern gehe davon aus, dass es eine einzige «richtige» Art der Sexualität gebe. Homosexualität werde damit als heilbar betrachtet.

Gibt es eine Richtungswahl?

Susanne Dschulnigg kritisiert den Entscheid der Kirchenvorsteherschaft aber noch auf einer anderen Ebene. Es sei für sie schwer verständlich, warum das Leitbild bereits genehmigt und dann wieder zurückgezogen worden sei. Dschulnigg hatte bereits zuvor den Führungsstil des Präsidenten kritisiert und sieht sich nun darin bestätigt. Jetzt werde die Wahl des Präsidiums zu einer Richtungswahl. Die Wählerinnen in Kreuzlingen müssten entscheiden, ob sie sich eine progressive oder eine konservative Kirche wünschten.

Der amtierende Präsident Thomas Leuch findet diese Einteilung in zwei Lager vorschnell. Er kann die Kritik nicht verstehen. Der Entscheid, den betreffenden Abschnitt zu streichen, sei demokratisch gefällt worden, von der Kirchenvorsteherschaft und den Theologen. Dies sei gerade eine Stärke seiner Behörde – dass nicht einfach er entscheide, sondern flache Hierarchien bestünden. Leuch bedauert, «dass über Spitzfindigkeiten diskutiert wird, während das Wesentliche aus dem Fokus gerät».

Fairer Umgang – trotz Meinungsverschiedenheiten

Für Susanne Dschulnigg hingegen ist der gestrichene Teilsatz zum «Recht auf Selbstfindung» keine Spitzfindigkeit. Sie will Position beziehen, denn meist umgehe man das Thema Homosexualität in der Thurgauer Kirche lieber. Deshalb hätten sie die klaren Worte im Kreuzlinger Leitbild auch so positiv überrascht – und umso grösser sei nun die Enttäuschung.

Die Kandidatin fürs Präsidium betont aber, dass man in der Thurgauer Kirche grundsätzlich um einen fairen Umgang bemüht sei in der Diskussion um Homosexualität. Und auch Thomas Leuch, der persönlich einer Trauung homosexueller Paare skeptisch gegenübersteht, hält fest, dass er andere Meinungen gut stehenlassen könne. «Man muss in der Kirche einen Weg finden, mit diesen Unterschieden umzugehen. Das gehört zu uns Reformierten.»