Der Unterschied von Zürcher und Aargauer Konfirmanden

Professor Thomas Schlag von der Universität Zürich leitet die Studie zur Konfirmationsarbeit in der Schweiz. Im Interview mit ref.ch erläutert er, was der Unterschied zwischen Konfirmanden im Aargau und Zürich ist - und was Konfirmationsverantwortliche noch besser machen können.

Studienleiter Thomas Schlag von der Universität Zürich findet, dass sich die einzelnen Kirchgemeinden bei der Konfirmationsarbeit noch besser vernetzen sollten: «Es muss nicht jede Gemeinde das Rad neu erfinden.» (Bild: RP/Gion Pfander)

Herr Schlag, Sie haben vergangene Woche Resultate aus ihrer grossangelegten Konfirmations-Studie präsentiert, die sich auf den Kanton Thurgau beziehen. Die Konfirmanden im Ostschweizer Kanton sollen Spitzenreiter sein, was das Beten betrifft. Warum ausgerechnet der Kanton Thurgau?

Das ist wohl auf verschiedene Faktoren zurückzuführen. Einerseits ist der Kanton ländlich und historisch reformiert geprägt. Das trifft aber auch auf andere Kantone zu. Ein weiterer Grund könnte bei den kirchlichen Mitarbeitenden liegen. Vielleicht vermitteln diese Glaubensfragen in einer «frommeren» oder überzeugungsstärkeren Art, als dies in anderen Kantonen der Fall ist. Auch bei den Mitarbeitenden fallen die Thurgauer Antworten auf die Gebetsfrage im schweizweiten Vergleich am höchsten aus. Die Ergebnisse zeigen, dass die Sensibilität für Glaubensfragen bei Thurgauer Jugendlichen etwas höher ist als in anderen Kantonen.

 

Stichwort Stadt-Land-Gefälle: Was sind die Unterschiede zwischen Konfirmanden aus ländlichen Kantonen und aus Kantonen wie Zürich oder Basel-Stadt?

Erstaunlicherweise sind die Unterschiede nicht so, dass man von einem eigentlichen Stadt-Land-Gefälle sprechen könnte. So haben beispielsweise 19 Prozent der Konfirmanden im Thurgau angegeben, dass sie «sehr oft» beten, im Kanton Zürich waren es 12 Prozent. Das ist zwar ein Unterschied und möglicherweise ein Hinweis darauf, dass die Säkularisierung in Kantonen mit grossen Ballungszentren weiter fortgeschritten ist. Dennoch sind das keine wesentlichen Unterschiede. Dafür haben sich andernorts nennenswerte Unterschiede gezeigt: So konnten von den für die Studie angefragten Jugendliche im Kanton Zürich rund 50 bis 60 Prozent für eine Teilnahme gewonnen werden, im Kanton Aargau waren es mit 80 bis 90 Prozent weitaus mehr.

 

Was schliessen Sie daraus?

Dass es in Kantonen wie dem Aargau eine höhere Verbindlichkeit und wohl auch traditionellere familiäre Verankerung zur Kirche oder zur Konfirmation gibt.

 

Was hat Sie überrascht an den Resultaten?

Überrascht hat mich doch, dass selbst in der heutigen Zeit die schweizweite Zufriedenheitsquote mit der Konfirmationszeit im Schnitt bei hohen 80 Prozent liegt – und zwar bei den Jugendlichen wie bei den verantwortlichen Erwachenen. Es zeigt, dass der oftmals genannte und sicherlich da und dort auch eingetretene Bedeutungsverlust der Kirchen den Erfolg von konkreten kirchlichen Angeboten keineswegs ausschliesst.

 

Das heisst, dass sich die Verantwortlichen auf die Schultern klopfen können und weitermachen wie bisher?

Ja und Nein. Das wirklich gute daran ist: Die Konf-Arbeit ist in der gesamten Schweiz nicht in der Krise. Aber wir sollten uns hüten davor zu glauben, dass auf das Angebot auch in zehn Jahren noch fraglos und mit dieser Selbstverständlichkeit zurückgegriffen wird. Erfolgreiche Konfirmationsarbeit ist kein Selbstläufer.

 

Wo orten Sie Verbesserungspotential? Schliesslich haben im Thurgau satte 100 Prozent der Thurgauer Pfarrpersonen geantwortet, dass sie ihre Kompetenz für die Konfirmationsarbeit als gut beurteilen.

Dieser absolute Wert hat mich auch zum Schmunzeln gebracht. Nun gut, eigentlich ist es ja gut, wenn Pfarrpersonen über ein hohes Selbstvertrauen verfügen. Dennoch glaube ich, sollten die einzelnen Gemeinden sich noch stärker mit anderen vernetzen und voneinander profitieren, was die Konfirmationsarbeit betrifft. Denn es finden unglaublich gute Angebote statt – und nicht jede Kirchgemeinde muss das Rad neu erfinden. Dann glaube ich auch, dass eine gute Jugendarbeit dazu beiträgt, dass Konfirmanden eine Anschlussmöglichkeit finden, um sich weiterhin in der Kirche zu engagieren. Und zu guter Letzt: Aus- und Weiterbildung. An der Aufgabe, mit Themen der Konfirmation an Heranwachsende heranzutreten, sind schon manche gescheitert. Das ist sehr anspruchsvoll und setzt Wissen, aber auch pädagogische Kompetenz voraus.

 

Wie geht es weiter mit der Studie?

Diesen Sommer werden wir nochmals die Konfirmanden befragen, die vor zwei Jahren konfirmiert wurden. Also: Was ist ihnen geblieben aus dieser Zeit, wie stehen sie heute zur Kirche. Diese Ergebnisse werten wir bis Ende des Jahres aus. Dann werden wir im Frühjahr 2016 einen Band herausgeben mit allen Resultaten aus der Schweiz. Im gleichen Jahr wird es auch zu einer internationalen Tagung in Zürich kommen, bei der die Ergebnisse der Schweiz mit jenen aus Ländern wie Dänemark, Deutschland oder Österreich verglichen werden.

 

 

Thomas Schlag ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Zürich. Er leitet die grossangelegte Studie zur Konfirmationsarbeit in der Schweiz. Dabei wurden im Konfirmandenjahrgang 2012/2013 schweizweit in allen Kantonalkirchen rund 7000 Konfirmandinnen und Konfirmanden sowie rund 900 Mitarbeitende aus insgesamt knapp 500 Kirchgemeinden befragt.