Thurgaus Konfirmanden sind im Beten Schweizermeister

Eine grossangelegte Studie der Universität Zürich untersucht die Konfirmationsarbeit in der Schweiz. Nun haben die Verantwortlichen in der Kartause Ittingen die ersten Resultate für den Kanton Thurgau präsentiert - und die haben es in sich.

Sie wollen wissen, was Konfirmanden in der Schweiz denken: Professor Schlag und Theologin Koch von der Universität Zürich im Gespräch mit dem Pfarrer Paul Wellauer (rechts). (Bild: zVg)

742 Jugendliche die im Jahr 2013 in 50 Thurgauer Kirchgemeinden konfirmiert wurden, beantworteten zu Beginn ihres Konfirmandenunterrichts und kurz vor ihrer Konfirmation anonym rund 130 Fragen. Die schweizerische Studie zur Konfirmationsarbeit wird von der Universität Zürich unter Leitung von Professor Thomas Schlag und Theologin Muriel Koch im Rahmen einer europäischen Studie durchgeführt. Schweizweit beteiligen sich 477 Kirchgemeinden aus allen 25 Kantonalkirchen, 7’232 Konfirmanden und 905 Unterrichtende an der Studie. Die Auswertung erlaubt den Vergleich unter den neun europäischen Ländern: Dänemark, Deutschland Finnland, Norwegen, Polen Österreich, Schweden, Schweiz und Ungarn.

Thurgau mit grossen Abweichungen

Die Resultate der Konfirmandenstudie für den Kanton Thurgau wurden am Samstag, 17. Januar in der Kartause Ittingen vorgestellt. Wie die Evangelische Landeskirche des Kantons Thurgau in einer Mitteilung schreibt, schlage der Kanton dabei sowohl im Schweizer wie im europäischen Vergleich gleich mehrfach oben aus: So entfallen die grössten Abweichungen zum gesamtschweizerischen Durchschnitt auf den Kanton Thurgau. Als extrem hoch bezeichnete Professor Schlag die Thurgauer Beteiligung, entsprechend repräsentativ sei das Resultat. 50 von 66 Kirchgemeinden der Evangelischen Landeskirche im Kanton haben freiwillig an der Befragung teilgenommen.

Zwang und Zufriedenheit

Obwohl sich 79 Prozent der Jugendlichen zur Teilnahme am Konfirmationsunterricht gezwungen sahen, bemerkten kurz vor ihrer Konfirmation doch überraschend viele, dass sie insgesamt mit ihrer Konfirmandenzeit (71 Prozent) und den hauptverantwortlichen Bezugspersonen (73 Prozent) zufrieden waren. 81 Prozent erlebte gute Gemeinschaft in der Gruppe. Zwei Drittel der Jugendlichen äusserten den Wunsch nach jugendgemässen Gottesdiensten und 54 Prozent sahen diesen Wunsch auch erfüllt. Zu denken gibt allerdings die unterschiedliche Wahrnehmung zwischen Konfirmanden und Mitarbeitenden, was unter jugendgemässer Gottesdienst zu verstehen ist. Denn im Unterschied zu gut der Hälfte der Jugendlichen gaben fast drei Viertel der Mitarbeitenden an, jugendgemässe Gottesdienste erlebt zu haben.

Konfirmanden im Thurgau beten fleissig

War zu Beginn des Unterrichts erwartungsgemäss das Thema Freundschaft absoluter Spitzenreiter der Interessenskala, fällt auf, dass sich mit Ende der Konfirmandenzeit das Interesse vermehrt Richtung Glaubensthemen verschoben hat. «Die Sensibilität für Glaubensfragen scheint bei Thurgauer Jugendlichen höher zu sein, als in anderen Kantonen», stellt Muriel Koch fest. Jeder fünfte Konfirmand betet oft bis sehr oft, im Landesdurchschnitt knapp jede achte. Besser als in der übrigen Schweiz schneidet auch die positive Einstellung der Thurgauer Konfirmandinnen und Konfirmanden zu Glaube und Kirche ab. 67 (CH-Durchschnitt: 60) Prozent bewerten den christlichen Glauben und die evangelische Kirche insgesamt als positiv (CH-Durschnitt: 55). 62 Prozent (CH-Durschschnitt: 51) glauben an Gott.

Jugendliche sollten nicht «abgeholt» werden – denn sie warten gar nicht

Die grosse Herausforderung sei es, das eine Drittel zu erreichen, das irgendwo nur mitläuft und kein grosses Interesse an Glaubensfragen zeigt. Schlag bekundet jedoch Mühe wenn Kirche Jugendliche «abholen» möchte: «Die stehen nicht irgendwo und warten, sie gehen ihren Weg. Was es braucht ist Begleitung». So fällt auf, dass frühe Einbindung im Freiwilligenbereich und hohe eigenverantwortliche Mitgestaltung die grundsätzliche Bereitschaft zur aktiven Partizipation erhöht. Jeder zweite Konfirmand kann sich vorstellen, später ein Ehrenamt zu übernehmen, jeder vierte sogar im kirchlichen Bereich.

Mangelnde Motivation für Konfirmationsarbeit

«Das ist europaweit einmalig!» Mit diesem Kommentar erntete Schlag Gelächter unter den anwesenden Pfarrerinnen und Pfarrern. Die Feststellung galt nämlich den satten 100 Prozent der Thurgauer Pfarrpersonen, die ihre theologische Kompetenz für die Konfirmationsarbeit als gut beurteilten, schweizweit sehen sich 95 Prozent als kompetent. Diskussionsstoff bot, dass im Thurgau allerdings nur knapp 70 Prozent der Befragten gerne Konfirmationsarbeit leisten – das sind 20 Prozent weniger als im Schweizer Schnitt.

Ihre Glaubenshaltung verbinden die Jugendlichen auch klar mit der Hoffnung auf authentisches Handeln. Gegen Ende der Konfirmandenzeit erwarten 61 Prozent, dass gläubige Menschen, auch vorbildlich handeln, das sind 9 Prozent mehr als zu Beginn ihres Konfirmationsunterrichts. Drei Viertel der Thurgauer Konfirmanden erwarten von ihrer Kirche, dass sie sich mutiger für Menschenrechte einsetzen soll. Schlag wertet diese Einstellung als «Beweis, dass Kirche im kulturellen Konsens mit Menschenrechten verknüpft wird. Das ist ein hohes Gut».

Tagung in Zürich geplant

Aufschluss über die Nachhaltigkeit vom «Konf-Unti» soll ein letzter Fragenkomplex «Rückblick auf die Konf-Zeit» ergeben, der in den kommenden Wochen gestartet wird. Ebenfalls entsprechend befragt wurden die am Unterricht beteiligten Pfarrpersonen sowie Jugend- und ehrenamtlich Mitarbeitende. Die Erkenntnisse aus der zweiten europäischen Konfirmandenstudie – die erste Befragung fand in den Jahren 2007 und 2008 statt – sollen im Jahr 2016 an einer internationalen Tagung in Zürich diskutiert werden.