Klimaschutz

Aktivisten planen erste kirchliche Volksinitiative

Klimaschützer wollen Zürcher Kirchgemeinden zu Netto-Null verpflichten. Bringen sie die notwendigen Unterschriften zusammen, wäre dies ein Novum für die Zürcher Landeskirche.

Nun wollen Klimaaktivisten auch die Kirche in die Pflicht nehmen: Klimademo vom 9. April in Zürich, hier am Paradeplatz. (Bild: Michael Buholzer / Keystone)

Die Schweiz ist das Land der Volksinitiativen. Mehrmals jährlich stimmen Bürger über Ideen aus der Bevölkerung ab – sie sind das Aushängeschild der direkten Demokratie. In der Kirche hingegen haben Volksinitiativen keine Tradition – bislang.  

Kirchliche Klimaaktivisten wollen das nun ändern. Sie planen eine Volksinitiative, die alle Kirchgemeinden des Kantons Zürich dazu verpflichten soll, klimaneutral zu werden. Das sagt Tobias Adam, einer der Initiatoren, im Gespräch mit ref.ch.

Ob im Vorstoss Netto-Null bis 2040 oder gar schon bis 2035 gefordert werden soll, sei noch offen. «Wenn die reformierte Kirche den Erhalt der Schöpfung glaubhaft verkünden möchte, dann muss sie zuallererst im eigenen Garten Verantwortung übernehmen», begründet Adam die Initiative.

Diese verlangt in erster Linie, dass alle Gebäude der Kirchgemeinden im Kanton Zürich mit nachhaltiger Energie betrieben werden. Es geht also um klimafreundliche Heizungen und Strom.

« Es geht um die Frage, wie viel wert uns das ist. »
Tobias Adam, Zürcher Synodaler und Klimaaktivist

Damit fokussiert die Initiative auf die Vermeidung direkter Emissionen und klammert indirekte Emissionen (etwa graue Energie) aus. «Es ist ein pragmatischer Vorschlag», sagt Adam. Der Umstieg auf klimafreundliche Heizungen und grüne Energie sei machbar, da die Technologien bereits vorhanden sind. Es gehe einzig und allein ums Geld – und den Willen. «Also um die Frage, wie viel wert uns das ist.»

Klimaerwärmung in Gottesdiensten thematisieren

Darüber hinaus will die Initiative das kirchliche Leben verändern. Die Landeskirche soll innovative, klimafreundliche Projekte ins Leben rufen oder zumindest finanziell unterstützen. Ausserdem macht die Initiative Handlungsempfehlungen im Bereich Kommunikation und Bildung – beispielsweise soll in Schulungen oder Gottesdiensten die Klimaerwärmung thematisiert werden. «Es braucht auch einen kulturell-spirituellen Wandel», sagt Adam.

Kirchliche Volksinitiativen: Unbekanntes Recht

Volksinitiativen in der evangelisch-reformierten Landeskirche sind äusserst selten. Im Kanton Zürich kam bis heute noch keine zustande. Gemäss Martin Röhl, Jurist bei der Zürcher Landeskirche, gab es seit 1967 nur einen Anlauf für eine Initiative. 2018 wollten Initianten eine neue Kirchenmauer des Kloster Kappels verhindern, verpassten aber die Frist für die Eingabe der Unterschriften.

Auch schweizweit sind Cla Famos, Titularprofessor an der Universität Zürich und auf evangelisches Kirchenrecht spezialisiert, keine Volksinitiativen aus der evangelisch-reformierten Landeskirche bekannt. Solche seien grundsätzlich in allen Kantonalkirchen möglich, Regelungen und Bezeichnungen würden sich jedoch erheblich unterscheiden. (eba)

Die Initianten feilen derzeit am Entwurf für eine Änderung der Kirchenordnung. Sobald die Volksinitiative beim Kirchenrat eingereicht ist, haben sie ein halbes Jahr Zeit, um 1000 Unterschriften zu sammeln. Geplant ist, diese ab Anfang nächsten Jahres im Rahmen kirchlicher Anlässe sowie in kirchlichen Netzwerken zusammen zu bekommen, erläutert Adam. Klappt das, kommt die Initiative in die Synode und allenfalls auch vors Volk.

Umweg in Kauf genommen

Die Initianten hätten es sich allerdings auch einfacher machen können: Als Mitglied der Zürcher Kirchensynode könnte Adam direkt einen entsprechenden Vorstoss im Kirchenparlament einreichen. Dafür würden ihm die Unterschriften eines Drittels aller Mitglieder der Synode genügen – ein machbares Unterfangen.

« Einzelne Kirchgemeinden sollen sich nicht freikaufen können. »
Tobias Adam, Zürcher Synodaler und Klimaaktivist

Adam nimmt den zusätzlichen Aufwand in Kauf und begründet den Umweg über die Volksinitiative damit, dass es von Anfang an eine breite Diskussion brauche, da alle Kirchgemeinden im ganzen Kanton betroffen seien. Ausserdem hoffe man, dass das Beispiel der Volksinitiative in der Kirche Schule mache. «Wir sind stolz darauf, dass die reformierte Kirche demokratisch organisiert ist. Da sollten wir auch das partizipative Instrument der Volksinitiative pflegen.»

Was aber wäre, wenn die Initiative angenommen würde? Müsste dann jede noch so kleine Zürcher Kirchgemeinde klimaneutral werden? Tobias Adam betont, dass letztlich der Kirchenrat für die Umsetzung mittels Verordnung verantwortlich sein wird. Der Initiativtext sehe vor, dass alle kantonalen Kirchgemeinden zusammen im Durchschnitt Netto-Null erreichen müssten.

Allerdings sollten Emissionen nicht kompensiert werden können. Das heisst, dass Kirchgemeinden nicht weiterhin einen Überschuss an Treibhausgas-Emissionen produzieren und dafür einen Ablass zahlen können. «Wir wollen nicht, dass sich einzelne Kirchgemeinden freikaufen können», sagt er.