Umweltpolitik
Kirchgemeinden sollen zu mehr Klimaschutz gezwungen werden
Im Herbst 2023 sorgten gut 1400 Reformierte aus dem Kanton Zürich für eine nationale Premiere: Sie trugen dazu bei, dass erstmals überhaupt eine kirchliche Volksinitiative erfolgreich eingereicht wurde (ref.ch berichtete). Das Hauptziel der «Schöpfungsinitiative»: Die reformierten Zürcher Kirchgemeinden sollen auf fossile Energieträger verzichten und ihre Treibhausgasemissionen bis 2035 auf Netto Null senken.
Nun ist klar, wie die Initiative umgesetzt werden soll. Erstmals sollen Kirchgemeinden auf ein verbindliches Ziel bei den Emissionen verpflichtet werden. So steht es im Gegenvorschlag zur Initiative, den der Kirchenrat ausgearbeitet hat und der voraussichtlich im Herbst vor die Synode kommt (siehe Kasten unten). Bislang hatte die Landeskirche auf Freiwilligkeit gesetzt.
Zertifikat soll Pflicht werden
Konkret soll unter anderem der Verzicht auf fossile Brennstoffe in der Kirchenordnung festgeschrieben werden. In einem weiteren Punkt setzt die Landeskirche neuerdings auf Zwang: Sie will den Kirchgemeinden vorschreiben, sich bis 2032 mit dem Grünen Güggel «oder einem äquivalenten Umweltmanagementsystem» zertifizieren zu lassen.
Die Zertifikatspflicht betrifft alle Gemeinden. Per Ende letzten Jahres waren erst 29 von ihnen ausgezeichnet. Die grosse Mehrheit, nämlich knapp 80 Kirchgemeinden, sind noch ohne Label.
Neben der Pflicht zu einem Klima-Zertifikat sieht der Vorschlag des Kirchenrats ausserdem vor, dass Landeskirche und Kirchgemeinden die CO2-Emissionen ihrer Gebäude bis 2035 auf Netto-Null senken. Konkret geht es um den Ersatz von fossil betriebenen Heizungen. Derzeit wird rund die Hälfte der Heizungen in den Zürcher Kirchgemeinden mit Gas oder Öl betrieben. Von einem vorzeitigen Ersatz betroffen sind gemäss Kirchenrat etwa 5 Prozent der Heizungen. Wo dies für die Kirchgemeinde nicht finanzierbar ist, will die Landeskirche unterstützen.
Des weiteren soll ein neuer Grundsatzartikel zur Bewahrung der Schöpfung in die Kirchenordnung Einzug finden. Dieser hält das Vermeiden von Treibhausgasemissionen und den Verzicht auf fossile Energieträger explizit fest, ebenso die «Behandlung ökologischer Themen in Bildung und Spiritualität» sowie die «Förderung einer ökologisch nachhaltigen Gesellschaft.»
Die Initianten sind mit dem Gegenvorschlag einverstanden. Sie haben angekündigt, die Initiative bei Annahme zurückzuziehen. Nur falls danach ein Referendum ergriffen wird, kommt es zu einer Volksabstimmung. Die Synode wird voraussichtlich im Herbst über Initiative und Gegenvorschlag entscheiden. (eba)
«Voll und ganz» zufrieden mit dem Umsetzungsvorschlag des Kirchenrats ist Tobias Adam, Mitinitiant der Schöpfungsinitiative. Der Gegenvorschlag nehme das Kernanliegen der Initiative auf und beginne gleich mit der Umsetzung der Ziele. «Er stösst verbindliche Prozesse an, damit Kirchgemeinden verantwortungsvoller handeln und wirkt auch über den Raum der Kirche hinaus», sagt er.
Man werde die Initiative zu Gunsten des Gegenvorschlags zurückziehen, sofern dieser durch die Synode angenommen und nicht noch ein Referendum dagegen ergriffen wird.
Kritiker gegen erzwungenen Klimaschutz
Doch längst nicht alle sind erfreut über den Vorschlag aus Zürich. Vorbehalte gegenüber dem Zwang zum Klimaschutz gibt es seit längerem aus Kirchgemeinden und auch aus der Kirchenpolitik. Offen kritisieren mag derzeit kaum einer die Pläne des Kirchenrats.
Fabian Wildenauer, Martin Breitenstein (beide Liberale Fraktion) und Willi Honegger (Evangelisch-kirchliche Fraktion) wollten sich nicht äussern oder reagierten nicht auf eine Anfrage. Breitenstein hatte die Schöpfungsinitiative einst als «technokratisch» und deren Wirkung als «gering» bezeichnet. Nun halte er sich zurück, da er Teil der vorberatenden Kommission der Synode ist.
Dafür bezieht Bruno Bader Position. Er arbeitet als reformierter Pfarrer im Berner Oberland und präsidiert den Verein «Église à venir». Dieser hat sich explizit auf die Fahnen geschrieben, kritische Stimmen in den öffentlichen Diskurs zu tragen.
Auf Anfrage schreibt Bader, dass die Bewahrung der Schöpfung für die Landeskirchen schon immer ein bedeutsames Thema gewesen sei. «Und zwar lange bevor der Klimaschutz in Teilen der Gesellschaft zum Lifestyle und Religionsersatz wurde.» Schon jetzt sei eine grosse Anzahl von Kirchgemeinden in dieser Sache zu Recht überaus engagiert.
Bader ist dennoch gegen einen Zwang zum Klimaschutz. Verpflichtungen durch übergeordnete Behörden sind aus seiner Sicht «nicht vereinbar mit der demokratischen Verfassung der reformierten Kirche, vertragen sich nicht mit der Selbstbestimmung der einzelnen Kirchgemeinden und passen nicht zur Mündigkeit des Christenmenschen.»
Zertifikatsstelle oeku: «Vorbildlich»
Als «vorbildlich» bezeichnet dagegen oeku das Vorgehen der Zürcher Landeskirche. Der Verein ist für die Vergabe des Labels Grüner Güggel verantwortlich. Fachstellenleiterin Milena Hartmann schreibt auf Anfrage: «Das Umweltmanagementsystem Grüner Güggel ist das weitest gehende Instrument, um als Kirche an der ökologischen Transformation teilzunehmen.»
Ob andere Landeskirchen denselben Schritt machten, liege in deren Ermessen. «Es gibt sehr viele Möglichkeiten für Landeskirchen, sich für Nachhaltigkeit und Umweltethik einzusetzen.» Neben dem Zertifikat könne das auch eine Aufnahme der Schöpfungszeit ins Kirchenjahr sein oder die Empfehlung an die Kirchgemeinden, eine Energiebuchhaltung zu führen.