Männerseelsorgesprache muss anders sein

Der Paartherapeut David Kuratle, der emeritierte Praktologe Christoph Morgenthaler und Männerarbeitsexperte Andreas Borter erläutern im Gespräch mit Susanne Leuenberger, warum die Kirche ihr Seelsorgeangebot männergerechter gestalten muss. Anlass ist ein neu erschienenes Buch zum Thema.

Genderfachmann Andreas Borter diskutiert mit den Buchautoren David Kuratle und Christoph Morgenthaler über die Zukunft der Männerseelsorge. (v.l.n.r.) (Bild: RP)

Herr Morgenthaler, Herr Kuratle, Ihr Buch trägt den Titel «Männerseelsorge». Das klingt, als ob Männer in der Seelsorge ein Sonderfall, etwas Exotisches wären.

Morgenthaler: Nicht exotisch, aber anders. Und wir postulieren, dass sie ein Recht haben, anders zu sein und anders zu werden. Tatsächlich sind ein Drittel der Personen, die eine seelsorgerliche Beratung beanspruchen, Männer. Im Gefängnis, im Spital und in der Armee sind sie gar in der Überzahl.

Kuratle: Trotzdem ist es aber so, dass Frauen öfter von sich aus seelsorgerliche Angebote wahrnehmen. Männer sprechen weniger auf Seelsorge an. Als Paarberater erlebe ich die Frauen als initiativer und offener, was psychologische Beratung angeht.


Woran liegt das?

Morgenthaler: Gefühle zu zeigen, eine Krise zu haben, gilt in unserer Kultur als «unmännlich». Viele Männer haben nur schlecht gelernt, sich einem Gegenüber zu öffnen. Aus Angst, als «schwach» zu gelten. Und: Sie suchen Sinn ausserhalb der Kirchen. Deshalb kommen sie oft gar nicht auf den Gedanken, dass Seelsorge etwas für sie sein könnte.

Kuratle: Dennoch ist es wichtig, Männer nicht als emotional defizitäre Wesen anzuschauen. Es wäre falsch, sie an bestehende Seelsorgekonzepte anpassen zu wollen. Vielmehr soll die Seelsorge sich der Lebenswirklichkeit der Männer anpassen. Zurzeit finden sich viele Männer nicht in den seelsorgerlichen Angeboten der Kirche wieder.

Borter: Männer sind heute in der Seelsorge ein blinder Fleck. Dabei hat gerade die Seelsorgebewegung seit den 1970er Jahren durch den Feminismus eine Sensibilisierung für Geschlechterfragen erfahren. Aber bis heute denken wir bei «Gender» an Frauenfragen. Dabei braucht es dringend kirchliche Männerarbeit.


Vielleicht brauchen Männer einfach keine Seelsorge?

Kuratle: Das glaube ich nicht. Studien zeigen, dass Männer in Krisensituationen gefährdeter sind, mit destruktivem Verhalten zu reagieren. Männer sind häufiger von Sucht, Gewalt oder Suizid betroffen als Frauen. Vielen Männern fehlt die richtige Sprache, um ein Problem anzugehen.

Borter: Oder eben anders herum: Es gibt noch zu wenige therapeutische, aber auch kirchliche Angebote, die Männer erreichen.


Wie könnte den Männern geholfen werden?

Borter: In der Männerarbeit machen wir gute Erfahrungen mit Konzepten wie «walk and talk». Hier sind der Ratsuchende und der Ratgebende miteinander unterwegs. Sie gehen Schulter an Schulter. Es fällt Männern oft leichter, sich in einer solchen Form auf ein seelsorgerliches Gespräch einzulassen.

Kuratle: Wir nennen das in unserem Buch «side by side statt face to face.» Das innere Bild ist: Man schaut zusammen auf ein Problem, das vor einem liegt, und löst es zusammen. Viele Männer haben Mühe mit der Vorstellung, bevormundet zu werden. Sie sehen ihren Therapeuten lieber als Coach.


Zwei Drittel der Seelsorge wird von Frauen angeboten. Akzeptieren Männer Frauen als Beraterinnen?

Kuratle: Ja, es ist sogar bekannt, dass viele Männer eher bei Frauen Rat suchen und sich ihnen gegenüber leichter öffnen können. Das hängt wohl mit der Vorstellung der mütterlichen, fürsorglichen Frau zusammen.


Aber es gibt doch auch die Vorstellung vom Seelsorger als dem «guten Hirten»?

Kuratle: Das Väterliche, Fürsorgliche ist vielen Männern weniger vertraut. Konkurrenz und Rivalität stehen vielen Mann-zu-Mann-Beziehungen im Weg.

Morgenthaler: Dabei ist bekannt, dass gerade Männer, die den Pfarrberuf wählen und Seelsorger sind, eher «untypische» Männer sind. Es sind eher «weiche», «gefühlsbetonte» Männer.


Warum, glauben Sie, fühlen sich eher gefühlsorientierte Männer vom Pfarrberuf angezogen?

Morgenthaler: Das hat wohl mit der Entwicklung der Seelsorge zu tun. Diese entstand so, wie wir sie heute kennen, im Pietismus, der grossen Wert auf das geistige Innenleben legte; Schleiermacher betonte später die Emotionalität des Glaubens. In den letzten Jahrzehnten kam dazu der Einfluss der Psychoanalyse und anderer Richtungen der Psychotherapie und dann jener des Feminismus. Das hat die Sprache kirchlicher Begleitung eingefärbt.


Da wären wir ja beim Stichwort. Gibt es eine Feminisierung der Kirche?

Borter: Ein Reizthema. Aber ich glaube, Gottfried Locher hat zu Recht etwas zum Thema gemacht, was bisher zu wenig zur Sprache kam. Auch wenn die Führungsstrukturen der Kirche noch immer männerdominiert sind, entspricht das Angebot der Kirche mehr denn je den Bedürfnissen der Frauen. Männer erwarten in Sinnfragen kaum noch Antworten und Hilfe von der Kirche.


Die jüngst publizierte Reputationsstudie besagt, dass Seelsorge in den Augen der Befragten ein zentrales Angebot der Kirchen, auch der reformierten, ist. Eben ein Angebot, das Frauen mehr liegt. Ist die Zukunft der Kirche also noch weiblicher?

Kuratle: Nein. Eher liegt hier die Chance, die Begleitungsangebote der Kirche so auszugestalten, dass sich auch Männer davon angesprochen fühlen.

Wie sähe eine männerfreundliche Krisenbegleitung denn aus?

Kuratle: Ich erinnere mich an die Trauerarbeit von Arbeitern einer Baufirma. Ihr Chef war auf einer Reise mit seiner Bikergruppe tödlich verunfallt. Die Männer haben zusammen auf seinem Grabfeld eine Mauer für ihren verstorbenen Freund und Chef gebaut. Zusammen haben die Bikerfreunde einen Kranz getragen und ihn bei der Mauer niedergelegt. Niemand hat geweint. Aber es war ihnen allen wichtig, von ihrem Freund mit diesem gemeinsamen Ritual Abschied zu nehmen.


Ist es nicht schade, wenn Männer nicht weinen können? Es gibt Kulturen, wo Männer auch Gefühle zeigen.

Morgenthaler: Weinen und seine Gefühle zeigen ist tatsächlich eine Frage der Kultur. Da hat sich aber auch bei uns einiges geändert. Trotzdem ist das Reden über Gefühle nicht unbedingt die Lieblingstätigkeit der Männer. Ich denke an den Spruch auf einer Todesanzeige: «Männer verständigen sich nicht. Männer verstehen sich.»


Dabei bietet das Christentum mit Jesus das Modell eines Mannes, der Sanftmut zeigt, der leidet, gedemütigt wird, der ein Opfer auf sich nimmt. Warum diese männliche Härte?

Morgenthaler: Jesus stellte sicher schon in der Antike eine Art Gegenmodell zu etablierten Vorstellungen von Männlichkeit dar. Das muss irritiert haben.

Borter: Jesus ist auch nicht geeignet, als Identifikationsfigur für heutiges Mannsein zu dienen. Aus ihm wurde ja auch weitgehend eine geschlechtslose Figur gemacht. Und so verwundert auch nicht, dass die Kirchen Mühe bekunden, eine positive männliche Sexualität zum Thema zu machen.

Wenn ich Ihnen zuhöre, dann tönt es so, als ob die Bedürfnisse der Männer nicht mit jenen von Frauen vereinbar wären. Die Unterschiede werden also starkgemacht. Anders die Genderarbeit: Diese geht davon aus, dass «Mann» und «Frau» keine naturgegebenen Grössen sind, sondern wandelbar.

Borter: Wir sprechen hier nicht von Biologie, sondern davon, dass die Lebenswirklichkeiten der meisten Männer anders aussehen als die der meisten Frauen. Es geht auch nicht darum zu bewerten, wer nun in seinem Bereich mehr leistet. Tatsache ist einfach, dass Männer in unserem Land nach wie vor den grössten Teil des familiären Erwerbseinkommens erwirtschaften müssen und damit an ihre Grenzen kommen.


Ist es aber nicht gerade Männerarbeit, Vorstellungen von Mannsein und Erwerbsarbeit zu überdenken? Warum müssen Männer mehr – oder besser gesagt – anders arbeiten als Frauen?

Morgenthaler: Sie sollten unser Buch lesen. Wir fordern gerade eine Emanzipation der Männer, wie sie der Feminismus für Frauen gebracht hat. Dass sie ihren individuellen Bedürfnissen besser folgen können. Auch jenseits von Rollenbildern. Männerarbeit – und dazu gehört auch Seelsorge – kann an den Leistungen der Frauenbewegung ansetzen und sie in eigener Art weiterführen.

Kuratle: Die Kirche hat die Chance dort, wo sie mit Männern zu tun hat, Männerrollen zu hinterfragen, Männer in ihrem Mannsein ernst zu nehmen und zum Nachdenken über sich selber herauszufordern. Gerade die Begegnung mit Seelsorgern, die ein eher «untypisches» Männerbild darstellen, bietet die Möglichkeit, andere Formen des Mannseins kennenzulernen.

Andreas Borter ist reformierter Theologe und Geschäftsführer des Schweizerischen Instituts für Männer- und Geschlechterfragen (SIMG) in Burgdorf

 

Buch: David Kuratle, Christoph Morgenthaler: Männerseelsorge. Impulse für eine gendersensible Beratungspraxis. Kohlhammer-Verlag, Stuttgart 2015. 253 Seiten, 27 Franken.

Website Schweizerisches Institut für Männer- und Geschlechterfragen (SIMG)