Kirchgemeinde sucht «Influencer»
Community Manager, Influencer oder Customer Experience Designer – die Digitalisierung hat uns viele neue Berufsfelder beschert. Was hinter den trendigen Bezeichnungen steht, ist aber oft nicht so klar. Und sind diese Berufe überhaupt alle neu?
In der reformierte Kirchgemeinde Langenthal ist man überzeugt: Vieles davon ist ein alter Zopf. «Die Langenthaler Pfarrleute können über den Hype rund um diese angeblich neuen Berufe nur schmunzeln», heisst es in einer Mitteilung vom 19. April. Und weiter: «Denn schon seit Jahrzehnten nehmen sie gewissermassen als ‹Influencer/-innen› Einfluss auf das Denken und Handeln der 7000 Mitglieder starken ‹Community› im Oberaargau.»
In den sozialen Medien und auf ihrer Webseite macht die Kirchgemeinde derzeit mit ungewöhnlichen Stelleninseraten auf sich aufmerksam. Für die Besetzung einer frei gewordenen Pfarrstelle sucht sie «Influencerinnen» oder «Community Manager». Direkt in die Jobinserate integriert ist zudem ein Podcast, in dem Pfarrer Stephan Bösiger die Kirchgemeinde und seinen Arbeitsalltag vorstellt.
«Bewusst auf Printinserat verzichtet»
Ganz ernst gemeint sei die Stellenbezeichnung natürlich nicht, sagt Bösiger gegenüber ref.ch. «Wir sind auf diese Idee gekommen, weil wir uns für unser Pfarrteam eine Kollegin oder einen Kollegen mit Humor und Affinität zu den digitalen Medien wünschen.» Deshalb habe man bewusst auf ein Printinserat verzichtet und stattdessen auf die sozialen Medien und Spotify gesetzt. Der in vielen Kantonalkirchen bestehende Pfarrmangel sei hingegen nicht der Grund für die Aktion gewesen.
Bewerberinnen können in dem rund 18-minütigen Podcast einen Einblick in die Kirchgemeinde und die Aufgaben des dreiköpfigen Pfarrteams gewinnen – zum Beispiel in einer Liveaufnahme aus dem Gottesdienst. Auch der Kirchgemeindepräsident kommt zu Wort. Von ihm ist unter anderem zu hören, dass den künftigen Stelleninhaber neben der spannenden Tätigkeit ein «attraktives Einfamilienhaus» als Wohnsitz erwartet.
Kein gewöhnlicher Auftrag
Realisiert wurde die Stellenausschreibung in Zusammenarbeit mit der auf Personalmarketing spezialisierten Zürcher Agentur Buckmann Gewinnt. Grundsätzlich habe sich der Auftrag für die Kirchgemeinde nicht von anderen Aufträgen unterschieden, sagt Inhaber Jörg Buckmann. Allerdings sei etwas mehr Fingerspitzengefühl nötig gewesen, damit es nicht zu billig wirke. Auffallen sei zwar Teil des Marketings, aber nicht um jeden Preis. «Die Grenzen musste ich noch etwas subtiler ausloten als beispielsweise bei einem Kunden aus der Wirtschaft. Denn der Pfarrberuf ist doch immer noch ein spezieller Beruf», sagt er.
Negative Reaktionen hat das Pfarrteam bislang jedenfalls keine erhalten. «Im Gegenteil, viele Personen in unseren Umfeld fanden unsere Aktion erfrischend», sagt Bösiger. Bis am 15. Mai bleiben die Inserate aufgeschaltet, danach beginnen die Bewerbungsgespräche. Die reformierte ‹Community› in Langenthal darf gespannt sein. (no)