Evangelische Kirche in Deutschland wendet sich an Missbrauchsopfer

Die Evangelische Kirche in Deutschland will sexuelle Missbräuche in den eigenen Reihen aufarbeiten. An der Synode in Würzburg rief Bischöfin Kirsten Fehrs die Opfer dazu auf, sich bei der Kirche zu melden.

Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland beschloss einen 11-Punkte-Plan zur Aufarbeitung sexueller Gewalt. (Bild: KEYSTONE/Daniel Karmann)

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zieht Konsequenzen aus Fällen sexueller Gewalt in den eigenen Reihen. Mit einem Elf-Punkte-Plan will sie unter anderem sicherstellen, dass die Betroffenen gehört und Strukturen verändert werden, die Machtmissbrauch begünstigen. Die dafür nötige Aufarbeitung werde einige Zeit in Anspruch nehmen, sagte die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs am 13. November am Rande der Beratungen der EKD-Synodentagung in Würzburg. Bislang sind der Kirche 479 Missbrauchsfälle bekannt. Viele ereigneten sich laut einer Umfrage in den Landeskirchen zwischen den Jahren 1950 und 1970.

Studie soll Dunkelziffer aufdecken

Zunächst sollen die Landeskirchen in mehreren regionalen Studien die Missbrauchsfälle aufarbeiten. Im zweiten Schritt plant die EKD zwei unabhängige wissenschaftliche Studien. Eine soll aufdecken, wie gross die Dunkelziffer der nicht bekannten Missbrauchsfälle in der Kirche ist. Mit einer zweiten Studie beabsichtigt die EKD, spezielle Risikofaktoren in der evangelischen Kirche aufzuzeigen. Im Januar 2019 wird sich der «Beauftragtenrat zum Schutz vor sexualisierter Gewalt» der EKD mit unabhängigen Wissenschaftlern treffen und die Studienvorhaben besprechen. Betroffenen-Vertreter würdigten die Vorhaben als «klares Bekenntnis zur eigenen Verantwortung», wie es in einer Mitteilung des Betroffenenrates in Berlin hiess.

Anlaufstelle für Betroffene geplant

Fehrs legte als Sprecherin des EKD-Beauftragtenrates der Synode den Elf-Punkte-Plan vor. An erster Stelle in dem Plan kommt die Beteiligung der Betroffenen. Fehrs rief sie dazu auf, sich zu melden und ihre Geschichten zu Gehör zu bringen. Auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, hatte Missbrauchsopfer aufgefordert, sich zu melden, «so dass wir handeln können». Die evangelische Kirche plant zudem, eine zentrale Anlaufstelle für Betroffene einzurichten.

Machtstrukturen in der Kirche

In einer eindringlichen Rede forderte Fehrs Kirchenleitende dazu auf, sich auch emotional der Schuld der ganzen Institution Kirche beim Missbrauch zu stellen. «Eine Kirche, die solcher Gewalt nicht wehrt, ist keine Kirche mehr», sagte sie. Bei sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche werde trotz der Einzigartigkeit jedes Falles ein «evangelisches Muster» erkennbar. Sie verwies auf Machtstrukturen, eine falsch verstandene Reformpädagogik ab den 70er Jahren und eine unscharfe Trennung von dienstlichen und privaten Verhältnissen.

Die viertägige Synodentagung geht am 14. November zu Ende. Schwerpunktthema der Beratungen ist der Glauben junger Menschen. (epd)