Der Kirchenbund will «Kirche» werden

An der Abgeordnetenversammlung des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) vom 6. November begannen die Delegierten im Berner Rathaus mit der Beratung der umfassenden Verfassungsreform. Diese sieht eine strategische Stärkung der Kirchengemeinschaft vor – und einen neuen Namen.


Ratspräsident Gottfried Locher sprach in seinem Begrüssungswort von einem historischen Schritt, so etwas passiere nur «once in a lifetime» – die Rede war von der neuen Verfassung, die sich die Kirchengemeinschaft geben möchte. Zweifelsohne war die Erstlesung des Verfassungsentwurfes das wichtigste Traktandum am Tag eins der zweitägigen Winter-AV des SEK.

Die letzte Fassung der Verfassung ist über 60 Jahre alt. Der neue Entwurf sieht nun vor, den Auftritt der Mitgliedkirchen gegen innen und aussen in sieben definierten Handlungsfeldern zu bündeln und zu koordinieren. Die strategische Rolle der Kirchengemeinschaft würde gegenüber den einzelnen, bisher föderalistisch organisierten Mitgliedkirchen gestärkt.

Dieses neue Verständnis der Kirchengemeinschaft soll in einem neuen Namen zum Ausdruck kommen: aus dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund soll die einheitlichere «Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz» (EKS) werden. So zumindest sieht es der Entwurf vor.

Skepsis gegenüber Zentralismus

Die Delegierten traten auf das Geschäft ein. Die zentralistische Tendenz stiess bei einer ganzen Reihe von Mitgliedkirchen allerdings auf Skepsis und sorgte schon vor den Detailverhandlungen für lange Diskussionen. So vermisste der Bündner Delegierte Andreas Thöny etwa den föderalistischen Geist und den Drang nach Autonomie, der die reformierte Tradition, zumal in Graubünden, auszeichne.

Mit seiner Kritik blieb Thöny nicht alleine. Die politische Stärkung des Kirchenbundes, wie sie der Entwurf vorsieht, geht auch mit einer Neustrukturierung einher. Zur Verfassung gehört eine dreigliedrige Neuorganisation der Kirchengemeinschaft: Synodal, kollegial, personal heisst das neue Konzept. Dem Ratspräsidenten kommt damit eine personalisierte, auch geistlich-episkopal verstandene Führungsrolle zu.

Ratspräsident muss ordinierter Theologe sein

Insbesondere diese Konzentration auf eine einzelne Person wurde kritisch betrachtet. Andreas Zeller, Vertreter der Kirchen Bern-Jura-Solothurn, erinnerte etwa an die anti-hierarchische, demokratische Tradition der Reformierten. Dass künftig nur eine ordinierte Theologin oder ein ordinierter Theologe dieses Amt innehaben könne, sei zutiefst «unreformiert».

Es gab indes auch positive Stimmen. Der Zürcher Delegierte Thomas Plaz begrüsste die Schaffung einer «Corporate Identity», die die neue Verfassung fördere, ohne die grundsätzlich föderale Struktur der kantonal verfassten Landeskirchen anzutasten. Damit folgte Plaz weitestgehend der Position des SEK-Rates.

Auch erste Detailberatungen zum Namen der neuen Kirchengemeinschaft waren von längeren Diskussionen geprägt. Bis zum Ende der Verhandlungen von Tag eins einigten sich die Abgeordneten auf «Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz». Vorschläge für einen anderen respektive für eine Beibehaltung des aktuellen Namens erreichten keine Mehrheit im Plenum.

Am Dienstag, 7. November, fahren die Delegierten mit den Detailverhandlungen fort.

Brot für alle im Fokus

Zu den weiteren Geschäften, die am 6. November behandelt wurden, gehörte auch der Voranschlag 2018. Dieser sieht einen Überschuss von 6’143 Franken sowie Mitgliederbeiträge von 6’063’102 Franken vor und wurde einstimmig gutgeheissen.

Weiter überwiesen die Delegierten eine Motion der Evangelisch- Reformierten Kirche des Kantons St. Gallen. Sie verpflichtet den Rat, den Auftrag von Brot für alle als Sammelwerk der evangelischen Werke zu klären. Im Fokus steht dabei insbesondere der Schlüssel, mit dem Gelder von Brot für alle auf andere Hilfs- und Missionswerke wie etwa Mission 21 oder Heks verteilt werden: Der Verteilschlüssel, der seit 2015 zur Anwendung kommt, habe bei den anderen Werken zu erheblichen Mindereinnahmen geführt, «die insbesondere für die Missionswerke existenzbedrohlich wirken», heisst es in der Begründung der Motionäre. Der Handlungsbedarf war nahezu unbestritten: Der Vorstoss wurde mit 54 zu 4 Stimmen bei 3 Enthaltungen überwiesen. (su/vbu)