Zürich
Kirche will Vorreiterin im Klimaschutz werden
«Setzen Sie ein prophetisches und realistisches Zeichen». Mit diesen Worten adressierte Tobias Adam, Klimaaktivist und Kirchenpolitiker, die Mitglieder des Zürcher Kirchenparlaments. Am Ende wagte es eine knappe Mehrheit der Synode, sich ehrgeizige Klimaziele für die Zukunft zu setzen. Bis 2035 soll die Zürcher Kirche bei Gebäuden klimaneutral werden. Auf fossile Energieträger soll verzichtet werden. Zudem werden Kirchgemeinden dazu verpflichtet, sich mit einem Umweltlabel zertifizieren zu lassen.
Das Vorhaben stiess auf viel Gegenwind, am Ende beschloss das Parlament aber mit 54:45 Stimmen die dafür notwendige Änderung der Kirchenordnung. Sie folgte damit dem Vorschlag des Kirchenrates.
Die Gegner der Vorlage kündigten sogleich an, das Referendum zu ergreifen. «Wir haben die Stimmen bereits zusammen», sagte Peter Schmid von der Evangelisch-Kirchlichen Fraktion am Ende der Sitzung. Somit wird das reformierte Stimmvolk das letzte Wort über die Klimapläne der Zürcher Kirche haben.
Gegner halten Vorschlag für unrealistisch
Dem Entscheid vorausgegangen war eine mehrstündige Debatte mit diversen Wortmeldungen, insbesondere von den Gegnern der Vorlage. Diese empfinden die vorgesehene Zertifizierungspflicht als eine unzulässige Einschränkung der Kirchgemeindeautonomie. Ausserdem halten sie das Ziel, die CO2-Emissionen bei Gebäuden bis 2035 auf netto null zu senken, für unrealistisch. Auch finanzielle Bedenken und eine Überforderung von kleinen Kirchgemeinden wurden ins Spiel gebracht.
Die Gegner scheiterten aber mit ihrem stark abgeschwächten Gegenvorschlag, welcher statt verbindlichen Zielen eine Art Absichtserklärung in die Kirchenordnung schreiben wollte. Demnach hätte sich die Landeskirche «für natürliche Lebensgrundlagen und den schonenden Umgang mit Ressourcen» einsetzen müssen. Ebenso erfolglos war ein Antrag von Andrea Brunner (Liberale Fraktion), die das CO2-Emissionsziel von 2035 auf 2050 verschieben wollte.
«Eine Andacht reicht nicht aus»
Bei der Debatte ging es aber nicht nur um Emissionen und Zertifikate, sondern um Grundsätzliches. Das Vorhaben sei ideologisch und von moralischer Überheblichkeit geprägt, wurde moniert. Die staatliche Gesetzgebung reiche aus und müsse nicht durch kirchliche Normsetzung überdehnt werden. Kirche tauge nicht als Ersatzgesetzgeber.
So verglich etwa Willi Honegger (Evangelisch-kirchliche Fraktion) die Pläne des Kirchenrats mit einem Tempolimit auf Autobahnen. «Als wenn kirchliche Angestellte nur noch 100 fahren dürften und alle anderen 120.» Er spielte damit darauf an, dass die Zürcher Kirche mit den beschlossenen Plänen ehrgeiziger unterwegs ist als die Gesamtbevölkerung: Während sie Klimaneutralität bei Gebäuden bis 2035 anstrebt, plant der Bund mit einem Zeithorizont bis 2050.
Dagegen betonte Renato Pfeffer (Religiös-soziale Fraktion), dass es nicht darum gehe, die Umwelt zu heilen, sondern ihr weniger zu schaden. «Wir tun der Umwelt nichts Gutes, sondern weniger Schlechtes.» Eine Änderung von individuellem Verhalten genüge nicht. «Eine Andacht reicht nicht aus, es braucht gesetzliche Vorgaben.» Seine Fraktion stimmte einstimmig für die Vorlage.
Kosten von einer Million Franken
Auch Kirchenrätin Eva Schwendimann war bemüht, manche gemachten Aussagen gerade zu biegen. Sie betonte etwa, dass die Vorlage vorsieht, dass kleine Kirchgemeinden, die einen Heizungsersatz nicht alleine tragen können, unterstützt werden. 95 Prozent aller Heizungen würden bis 2035 ihre Lebensdauer erreicht haben und müssten daher ohnehin ersetzt werden. Die Zusatzkosen schätzt sie auf weniger als eine Million Franken.
Und die vielfach gehörte Kritik, die Ziele seien unrealistisch oder gar utopisch, konterte sie mit einer Ansage: «Die Vorlage ist sehr wohl umsetzbar und finanzierbar.» Geplant sei, dass sich pro Jahr 16 Kirchgemeinden mit einem Umweltlabel zertifizieren lassen – in den allermeisten Fällen wohl mit dem «Grünen Güggel». Damit wären bis 2032 alle Zürcher Kirchgemeinden zertifiziert. Die Finanzierung sei bis 2028 mit dem bestehenden Rahmenkredit gedeckt, danach wird ein neuer nötig sein, sagte sie weiter.
Den Anstoss für die nun beschlossenen Klimaschutzziele gab die «Schöpfungsinitiative», die erste erfolgreich lancierte Volksinitiative der Zürcher Landeskirche. Rund 1400 Reformierte aus dem Kantons Zürich hatten unterschrieben. Beim Vorschlag des Kirchenrats handelt es sich um einen direkten Gegenvorschlag dazu. Dieser nimmt die wesentlichen Punkte auf und geht nicht weniger weit. Auch die Initiative wurde von der Zürcher Synode behandelt – sie wurde mit 70:29 Stimmen deutlich abgelehnt.
Ob die Zürcher Reformierten nur über den Gegenvorschlag, oder zusätzlich auch über die Initiative abstimmen werden, ist noch unsicher. Es sei noch nicht entschieden, ob man die Initiative zurückziehe, sagte Initiant Tobias Adam auf Anfrage.