75 Jahre Weltkirchenrat

Jubiläum in Zeichen von Krisen und Konflikten

Bei der Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) vor 75 Jahren warf der Kalte Krieg bereits seine Schatten auf die Welt. Heute steht die Kirchengemeinschaft vor nicht minder grossen Herausforderungen.

Im Juni feierte der Weltkirchenrat in der Kathedrale St. Peter in Genf sein 75-Jahr-Jubiläum. Im Bild: Generalsekretär Jerry Pillay begrüsst Gäste und Mitglieder des Zentralausschusses. (Bild Albin Hillert / ÖRK)

75 Jahre nach der Gründung des Weltkirchenrates ist ein damaliges Thema hoch aktuell: Der Ost-West-Konflikt. Dieser warf 1948 ebenfalls seine Schatten auf Europa. Heute ist der ÖRK mit dem Ukraine-Konflikt, dem Klimawandel und der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich konfrontiert. Das waren auch die zentralen Themen auf der inzwischen 11. ÖRK-Vollversammlung im vergangenen Jahr in Karlsruhe mit mehr als 2000 Teilnehmerinnen.

Vor 75 Jahren schlossen sich Christinnen und Christen aus aller Welt nach langer Vorgeschichte zum Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) zusammen. Am 23. August 1948 wurde der Verbund gegründet, eine der nach eigenen Angaben «wohl vielfältigsten Kirchengemeinschaften der Welt».

Auf der ersten Vollversammlung in Amsterdam trafen sich unter dem Leitthema «Die Unordnung der Welt und Gottes Heilsplan» Vertreter aus 147 Kirchen verschiedener Konfessionen. Heute bildet der Weltkirchenrat eine Allianz von 352 Kirchen aus mehr als 120 Ländern, die weltweit knapp 600 Millionen Christen repräsentieren.

Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit

Nach Ansicht des Vorsitzenden des ÖRK-Zentralausschusses, Heinrich Bedford-Strohm, muss sich der globale Kirchenbund noch stärker als «Instrument des Friedens» einsetzen. In einer Welt der Krisen und Konflikte müsse er «Fürsorge für die Welt» tragen, sagte der bayerische Landesbischof und frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im Juni in einer ÖRK-Jubiläumsfeier.

Laut Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), die zu den Gründungsmitgliedern des ÖRK zählt, hat sich dieser neben der katholischen Kirche als repräsentativste Organisation der Christenheit etabliert. «Ihm kommt der Verdienst zu, dass seine Mitgliedkirchen den Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung seit Langem auf ihren Agenden haben», sagt Famos auf Anfrage von ref.ch. Unvergesslich sei zudem sein Beitrag zur Beseitigung der Apartheid in Südafrika.

Famos hebt hervor, dass es die Organisation auch heute noch brauche. «Die eine Kirche Jesu Christi ist in die verschiedensten Kirchen gespalten. Der ÖRK hilft uns, zur theologisch gebotenen Einheit der Kirche hinzustreben». Der Krieg in der Ukraine beschäftige derzeit die orthodoxen Kirchen in der Ukraine und Russland. «Der ÖRK ist die Organisation, die es überhaupt möglich macht, miteinander zu sprechen», sagt Famos.

Eine Herausforderung sei, dass heute in vielen Kirchen die Beschäftigung mit sich selber dominiere. «Entsprechend fehlen dem ÖRK zunehmend die Finanzen, die es für einen wirksamen Dienst braucht», sagt Famos.

Schwindender Einfluss

Nach Meinung des deutschen Ökumene-Experten Kai Funkschmidt hat der Weltkirchenrat viel zum Abbau der Spannungen zwischen den Kirchen beigetragen. «Die ökumenische Bewegung hat grosse Erfolge vorzuweisen», sagte er im Interview mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Im 20. Jahrhundert «lag es in der Luft, dass die Kirchen sich annähern.»

An der Kirchenbasis sei vieles vorhanden, «was wir heute für selbstverständlich nehmen, aber was vor 50 Jahren undenkbar gewesen wäre», fügte Funkschmidt hinzu. Heute sei der Einfluss des ÖRK auf die ökumenische Bewegung allerdings längst nicht mehr so stark wie noch vor rund 40 Jahren, räumte er ein: «Damals ging es dem ÖRK besser als heute, war er wichtiger, hat er vieles bewirkt». Der Weltkirchenrat sei insgesamt mehr wahrgenommen worden.

Klimagerechtigkeit als Schwerpunkt

Aktuell will der Weltkirchenrat im Ukraine-Konflikt vermitteln. Für Oktober ist ein Runder Tisch mit Vertretern der orthodoxen Kirchen aus Russland und der Ukraine in Genf geplant. ÖRK-Generalsekretär Jerry Pillay setzt weiter auf Dialog mit der russisch-orthodoxen Kirche. Diese steht in der Kritik, weil der Moskauer Patriarch Kyrill den russischen Angriffskrieg unterstützt. Auf seiner Vollversammlung im vergangenen Jahr hatte der Weltkirchenrat die russische Aggression klar verurteilt.

Als weitere Zukunftsthemen nannte der Theologe Funkschmidt die Bereiche Ökologie und Klimagerechtigkeit, «weil das alle Kirchen, alle Menschen betreffen wird». Er vermute auch, dass der Konflikt mit der islamischen Welt eher zunimmt. Die Frage sei, was der ÖRK als christliche Vereinigung zu aktuellen Themen beisteuern könne, «was genuin christlich ist und nicht nur eine Wiederholung dessen, was in der politischen Sphäre ohnehin diskutiert wird».