Warum es Frauen nicht an die Spitze schaffen

Frauen in Kirchenleitungen werden immer rarer. Eine prominent besetzte Tagung von ehemaligen und amtierenden Kirchenpräsidentinnen suchte nach den Gründen. Auch heute müssen Frauen in Kirche und Politik mit Vorurteilen und der Doppelbelastung Beruf und Familie kämpfen.

Sie haben es an die Spitze geschafft (v. l.): Rita Famos, Abteilungsleiterin der Zürcher Landeskirche, Manuela Weichelt-Picard, Zuger Regierungsrätin, und Andrea Trümpy, Vizepräsidentin der reformierten Kirche Kanton Glarus. (Bild: Tilman Zuber)

Noch vor ein paar Jahren standen zwölf Frauen einer Kantonalkirche in der Deutschschweiz vor. Heute sind es nur noch drei. Dies in den kleinen Diasporakirchen Uri, Luzern und Solothurn. Eine Entwicklung, die Sorge bereitet, wie die Teilnehmerinnen an der Tagung von PanKS in Zürich erklärten. Der Verein PanKS, in dem amtierende und ehemalige Vize- und Präsidentinnen der Kantonalkirchen sitzen, unterstützt Frauen in kirchlichen Ämtern. Die Schweizer Reformierten seien zwar in Bezug auf die Stellung der Frauen einmalig, erklärte PanKS-Präsidentin Monika Hirt. Seit 50 Jahren stünden den Frauen alle Kirchenämter offen. Die meisten evangelischen Kirchen auf dieser Welt würden keine Präsidentinnen kennen. Trotzdem müsse man sich fragen, warum in der Deutschschweiz so wenige Frauen den Sprung an die Spitze schaffen. Im Theologiestudium bildeten die Studentinnen die Mehrheit. Vermutlich wirke da der sogenannte Leaking-Pipeline-Effekt, so Monika Hirt: «Je länger die Pipeline, um so mehr Frauen fallen heraus.»

Stillende Regierungsrätin erregt Aufsehen

Auf dem Podium berichteten drei Frauen von ihren Erfahrungen in der «Leaking-Pipeline». Manuela Weichelt-Picard wurde mit 40 Jahren Zuger Regierungsrätin und ist die einzige Frau in der männerdominierten Regierung. Sie warnte davor, den Erfolg oder Misserfolg auf die Geschlechterrolle zu schieben. Trotzdem sei es auch heute schwierig, Karriere und Kinder unter einen Hut zu bringen, sagte Weichelt-Picard. Sie selber musste diese Erfahrung machen. Als sie stillte, nahm sie ihr Kind mit zur Arbeit und gab ihm dort die Brust. Das erregte in den Medien und der Öffentlichkeit Aufsehen. Selbst die Fasnachtszeitung griff das Baby im Amtshaus auf: Der Regierungsrat wurde als krabbelnde und spielende Kinderschar abgebildet.

Später wollte eine junge Journalistin von Weichelt-Picard wissen, wie oft sie ihre Kinder sehe. Weichelt-Picard fragte zurück: «Würden Sie dies einen Regierungsrat fragen? Auch dieser hat Kinder.» «Aber Sie sind kein Mann», erwiderte die Journalistin. Solche Reaktionen zeigten, dass Frauen an der Spitze nach wie vor nicht selbstverständlich seien, sagte Manuela Weichelt-Picard. Entsprechend würden sie in den Medien qualifiziert: «Fällt eine Frau einen Personalentscheid, wirft man ihr vor, sie sei herrschsüchtig und machtgierig. Den Mann hingegen lobt man für seine Führungsstärke und Kompetenz. Zeigt eine Frau Gefühle, heisst es, sie sei emotional, beim Mann, er sei leidenschaftlich. Ist eine Frau in ihrem Ressort sattelfest, so wirft man ihr Dossierversessenheit vor. Beim Mann spricht man von dossierfest.»

Frauen scheuen Kaderstellen

Rita Famos schilderte ihre Beobachtung, dass Frauen oftmals Leitungsfunktionen scheuten. Der Abteilungsleiterin der Zürcher Landeskirche unterstehen hundert Mitarbeitende. Zudem war Famos Ratsmitglied des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes. Laut Famos sagen Frauen eher ab, wenn man sie für eine Kaderstelle anfragt. Auch sie selber brauchte jemanden, der sie «ins Amt schubste». Und einen Ehemann, der sie unterstützte.

«Eine Frau hintersinnt sich ständig, ‹kann ich das?›. Ein Mann fragt sich das nie», sagte Andrea Trümpy, ehemalige Gemeindepräsidentin der Stadt Glarus und Vizepräsidentin der reformierten Glarner Kantonalkirche. Auch Manuela Weichelt-Picard erklärte, Frauen brauchten Leute, die sie unterstützten, die hinter ihnen stünden und mit denen sie sich austauschen könnten. Wegen der Doppelbelastung von Beruf und Familie reiche die Kraft für ein Ehrenamt wie in der Kirche oftmals nicht mehr, so die Zuger Regierungsrätin. Hinzu komme, dass den Kirchenämtern heute das Prestige fehle, meinten die Podiums-Teilnehmerinnen.

«Beziehungsstark, aber netzwerkschwach»

Antworten für die Zukunft gab es an der Veranstaltung kaum. Andrea Trümpy rät den Frauen, den direkten Weg in die Politik zu nehmen und nicht wie in der Vergangenheit über die Schul- oder Kirchenbehörde. Davor müssten sich Frauen nicht fürchten: «Auch Männer kochen nur mit Wasser.» Frauen sollten sich stärker vernetzen, sagte dagegen Rita Famos. Gerade in Politik und Wirtschaft liessen Männer oft ihr Netzwerk spielen. «Wir Frauen sind beziehungsstark, aber netzwerkschwach.»

 

Tilmann Zuber/Kirchenbote
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».