Filmtipp
Anhaltende Schmerzen
Die ehemalige St. Joseph‘s Mission im kanadischen British Columbia besteht heute noch aus ein paar verwitterten Holzhäusern. Nur die Gräber auf dem Gelände und die Inschriften in der alten Scheune erinnern an das Leid, das Hunderte von indigenen Kindern an diesem Ort erfahren haben. «73 Tage bis ich nach Hause darf», hat eines der Kinder auf dem Dachboden der Scheune in die Wand geritzt.
Es ist eine Szene aus dem Dokumentarfilm «Sugarcane», in dem Regisseur Julian Brave NoiseCat, selbst Angehöriger der indigenen Sugarcane-Gemeinde, ein düsteres Kapitel der kanadischen Geschichte aufrollt: Zwischen 1894 und 1997 wurden Hunderttausende von indigenen Kindern und Jugendlichen ihrer Gemeinschaft entrissen und in sogenannte «Residential Schools» gesteckt. In den mehrheitlich katholisch geführten Internaten wurden sie gewaltsam ihrer Kultur beraubt, geschlagen, erniedrigt und missbraucht. Rund 139 solcher staatlich finanzierter Umerziehungsanstalten gab es in Kanada.
Bis zur Ohnmacht ausgepeitscht
Um den kulturellen Genozid an der indigenen Bevölkerung legte sich lange eine Mauer des Schweigens. Erst seit den 90er Jahren kamen seine ganze Ausmasse allmählich ans Licht. Wie viele Kinder diesem System zum Opfer fielen, ist aber bis heute ungewiss – denn immer wieder tauchen auf den Friedhöfen von Residential Schools neue Gräber namenlos verscharrter Kinder auf.
Auch auf dem Areal der St. Joseph’s Mission wurden Dutzende Gräber mit Gebeinen entdeckt. Im Film begleitet Regisseur Noisecat die Arbeit der Ermittelnden, vor allem aber begibt er sich auf Spurensuche in der eigenen Familie. Denn das System der Residential Schools verschonte kaum einen in der indigenen Gemeinschaft. Jeweils im September, so berichtet eine Betroffene, tauchte der Viehwagen der Mission in der Gemeinde auf, um die Kinder einzusammeln.
Die Gespräche, die NoiseCat mit Betroffenen führt – unter anderem mit seinem Vater und seiner Grossmutter, die beide in einer Residential School aufwuchsen – bringen erschreckendes Leid zutage. Kinder wurden angebunden und bis zur Ohnmacht ausgepeitscht. Andere wurden nachts aus dem Schlafsaal geholt und sexuell missbraucht. Die Neugeborenen, die aus den missbräuchlichen Beziehungen resultierten, wurden oft auf grausame Weise «entsorgt». Eine Betroffene erzählt, sie habe Nonnen dabei beobachtet, wie sie ein Baby in die Müllverbrennungsanlage warfen. Viele Kinder starben auf der Flucht oder begingen Suizid.
Langsame Heilung
Es sind aber nicht nur diese schockierenden Erinnerungen, die dafür sorgen, dass der Film unter die Haut geht. Vor allem zeigt «Sugarcane» eindrücklich, wie schwer es den Betroffenen bis heute fällt, über ihre Erfahrungen zu sprechen. «Bis heute verursacht die Vergangenheit Schmerzen», sagt der Vater des Regisseurs, der im Alkohol Zuflucht sucht. Andere brauchen Jahrzehnte, um über den erlittenen Missbrauch zu reden – aus Scham oder weil ihnen nie jemand zugehört hat.
In ruhigen, unaufgeregten Bildern berichtet «Sugarcane» davon, welche Zerstörungen das System der Residentials School in der indigenen Bevölkerung hinterlassen hat. Der Film, der mehrfach prämiert und für einen Oscar nominiert wurde, macht deutlich, dass die Mauer des Schweigens erst allmählich einbricht und der Weg zur Heilung noch lang ist.
Dennoch ist «Sugarcane» kein hoffnungsloser Film, sondern auch ein Dokument der Widerstandskraft. Ausschnitte über Volksbräuche, gemeinsame Feiern und Gebete zeigen, dass die indigene Kultur weiter lebendig ist. Im Zusammenhalt, so scheint die Botschaft zu sein, kann das Trauma überwunden werden.
Der Film «Sugarcane – Der Wahrheit auf der Spur» (2024) ist auf Disney+ abrufbar.