Erdrutsch im Misox

«Ich habe selten so viel Solidarität erlebt»

Die reformierte Pfarrerin Susanne Ortmann hat das verheerende Unglück im Misox miterlebt. Sie unterstützt die Menschen mit Seelsorge – nimmt aber auch die Schaufel in die Hand.

Ein durch heftige Regenfälle ausgelöster Murgang hat vor einer Woche im Bündner Tal Misox verheerende Schäden angerichtet. Mindestens zwei Menschen sind dabei ums Leben gekommen, rund 130 Gebäude teilweise massiv beschädigt worden. Im Bild zwei Rettungsarbeiter auf einem Geröllhaufen. (Bild: Michael Buholzer / Keystone)

Frau Ortmann, am Donnerstag wurde in der Moesa eine Frau tot geborgen, eine weitere Person wird vermisst. Wie gross ist die Hoffnung, sie noch lebend zu finden?
Die Hoffnung wird kleiner, aber die Sucharbeiten gehen weiter. Das Problem ist, dass man nicht weiss, wo man genau suchen muss. Die Person könnte unter dem Geröll liegen oder von Fluss weitergetragen worden sein. Bei dem Vermissten handelt es sich um den Ehemann der Frau, die gestern tot geborgen wurde. Die beiden stammen aus Sorte und haben zwei Kinder. Ich hoffe sehr, dass diese bald eine Antwort erhalten.

Sie waren in Grono, wenige Kilometer entfernt, als das Unglück passierte. Wie haben Sie davon erfahren?
Am Freitagabend haben mich Leute aus Sorte angerufen und gesagt, es sei etwas Furchtbares passiert. Eine Frau schilderte mir, dass sie ein starkes Rumpeln gehört habe. Als sie die Jalousien öffnete, sah sie die Geröllmassen. Von anderen erfuhr ich später, dass sie nicht weit vom Unglücksort entfernt gewesen waren und nichts davon mitbekommen hatten. Der Erdrutsch war nicht so laut, dass man ihn ein paar Kilometer weiter gehört hätte.

«Es hat mich erschüttert, was für eine Gewalt die Natur hat.»
Pfarrerin Susanne Ortmann
Gottesdienst in Grono

Susanne Ortmann ist Pfarrerin in der reformierten Kirchgemeinde Mesolcina-Calanca und unter anderem für den am stärksten betroffenen Weiler Sorte südlich von Lostallo zuständig. Sie hält am kommenden Sonntag im reformierten Centro Grono um 10 Uhr einen Solidaritätsgottesdienst. Dabei sollen die Betroffenen des Unglücks die Gelegenheit haben, über das Erlebte zu sprechen. (no)

Wie sind die Tage danach für Sie verlaufen?
Vor allem am nächsten Morgen lief mein Telefon heiss. Die Leute wollten darüber reden, was sie erlebt hatten. Ich bin dann in Gummistiefeln von Dorf zu Dorf und von Haus zu Haus, um mich zu erkundigen, wie es den Leuten ging und ob sie Hilfe brauchten. Ich habe auch selbst mitgeschaufelt und brachte den Helferinnen und Helfern Kuchen als Zeichen der Solidarität.

Am Morgen nach dem Erdrutsch ist eine Frau aus dem Schutt geborgen und ins Spital nach Lugano gebracht worden. Wie geht es ihr?
Es geht ihr inzwischen besser. Ich habe sie in Lugano besucht und sie dabei unterstützt, die Ereignisse zu verarbeiten. Dazu gehörte auch die Trauerarbeit, denn ihr Lebensgefährte konnte am Sonntag nur noch tot geborgen werden.

Zu beklagen ist auch ein riesiger Sachschaden, vier oder fünf Häuser wurden komplett zerstört. Wo sind die Bewohnerinnen und Bewohner derzeit untergebracht?
Viele der Bewohner und der übrigen Evakuierten sind bei ihren Familien oder bei Bekannten oder Arbeitskollegen in den Nachbardörfern untergekommen. Auch die beiden Kinder sind an einem sicheren Ort untergebracht.

«Es ist für mich wie ein Wunder, dass viele Menschen vor Schlimmerem bewahrt wurden.»
Pfarrerin Susanne Ortmann

In den letzten Tagen hat es immer wieder stark geregnet. Wie gross ist die Angst vor einem weiteren Unglück?
Die Menschen gehen sehr unterschiedlich damit um. Von den Einheimischen höre ich oft, dass man in dieser Region mit solchen Gefahren leben müsse. Andere haben mehr Angst. Die gerettete Frau sagte mir, dass sie nicht mehr in dem Tal leben wolle.

Wie gross war Ihre Angst in diesen Tagen?
Natürlich gab es Phasen der Angst. Es hat mich erschüttert, was für eine Gewalt die Natur hat. Aufgebaut hat mich aber die riesige Solidarität der Bevölkerung. Die Menschen sind aufeinander zugegangen und haben sich unterstützt. Und obwohl es sehr traurig ist, dass Menschen ihr Leben verloren haben: Es ist für mich wie ein Wunder, dass viele andere vor Schlimmerem bewahrt wurden.