«Mit der Braut wird einfach gemacht»
Marie-Therese Mäder, Sie forschen zu Hochzeitsritualen in verschiedenen Kulturen. Was sind Ihre Erkenntnisse?
In vielen Religionen gibt es Rituale, welche die Frau dem Mann unterordnen. So schneidet sich in strenggläubigen jüdischen Gemeinden die Frau nach der Hochzeit aus Gründen der Schicklichkeit die Haare ab. An traditionell hinduistischen Hochzeiten sitzt die Braut stark geschmückt und umständlich gekleidet auf einem Stuhl und wird wie ein wertvoller Gegenstand präsentiert. In vielen Hochzeitsritualen nimmt die Frau eine passive Rolle ein: Mit ihr wird einfach «gemacht», sie wird zur Zuschauerin ihrer eigenen Vermählung.
Wie ist das bei christlichen Hochzeitsritualen?
Hier trägt die Braut oft einen Schleier. Traditionell steht dieser für Keuschheit. Er symbolisiert das Unwissen der Frau in Bezug auf sexuelle Erfahrungen. Dieses Ritual zementiert die Vorstellung, dass die Frau bis zur Hochzeit ihre Unschuld bewahrt.
Bei Trauungen in reformierten Kirchen bringt oftmals der Vater die Braut zum Altar. Was steckt hinter diesem Ritual?
Durch die Übergabe an den Bräutigam ändert die Frau ihren Status. Sie wird von der Tochter zur Ehefrau. Dieses patriarchale Ritual betont, dass die Rolle der Frau immer in Bezug zu einem männlichen Pendant verstanden wird. Bezeichnend ist, dass diese «Brautübergabe» auch in nicht-religiösen Zeremonien stattfindet.
Nach der Heirat übernimmt die Frau in vielen Fällen den Nachnamen des Mannes. Sehen Sie auch darin eine Abwertung der Frau?
Ich würde es eher als eine Praxis bezeichnen, die eine Hierarchie der Geschlechter ausdrücken kann. Die Frau gibt einen Teil ihrer Identität ab, in diesem Fall ihren Familiennamen, und nimmt Teil der Identität des Mannes an. Im Hinduismus gibt ihr der Mann bei der Hochzeit sogar einen neuen Vornamen, die Frau wird neu geboren.
Gibt es Religionen, die noch weiter gehen?
Die Verschmelzung des Paares zu einem Körper zeigt sich im in vielen Religionen verbreiteten Ritual, bei dem die Hände zusammengebunden werden. Das Paar formt so eine Einheit auf immer und ewig, bis dass der Tod sie scheidet. Bei dieser Einheit ist der Mann oftmals als Oberhaupt der künftigen Familie dominierend.
Der Schleier, der Gang zum Altar – die meisten Menschen vollziehen solche Rituale, ohne sich deren Bedeutung bewusst zu sein. Ist das denn so schlimm?
Als Wissenschaftlerin frage ich nach den Werten, die solche rituellen Praktiken ausdrücken. Hochzeitsrituale spiegeln oftmals bestehende gesellschaftliche Machtverhältnisse. In vielen Bereichen sind Frauen auch in der westlichen Hemisphäre den Männern nicht gleichgestellt. Frauenspezifische Berufe sind schlechter bezahlt. Frauen arbeiten öfters Teilzeit und leisten deshalb ganz selbstverständlich mehr unbezahlte Arbeit, die wenig Anerkennung findet.
Marie-Therese Mäder ist ausgebildete Theaterschauspielerin. Sie studierte Philosophie, Film- und Religionswissenschaft an der Universität Zürich und promovierte zum Verhältnis zwischen Film und Religion. Danach war sie Assistentin und Oberassistentin am Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik der Universität Zürich. An der Ludwig-Maximilians Universität in München habilitierte sie zu Darstellungen religiöser Gemeinschaften in den Medien. Ausserdem lehrt sie als Privatdozentin Religionswissenschaft und Medienethik. (cla)
Dennoch: Rituale gehören für viele zu einer «richtigen» Hochzeit dazu. Ist die Zeremonie ohne sie nur halb so schön?
Ich kenne Paare, die «anders» heiraten wollten. Sie haben eine Mischung aus traditionellen und selbst gestalteten Ritualen zusammengestellt. Es ist erstaunlich, wie viele Gemeinsamkeiten diese Trauungen hatten. Bei den meisten Hochzeiten wird ein Versprechen gesprochen, nach der Heirat geküsst und Ringe angesteckt. Es gibt «Spielregeln» für eine Hochzeit. Diese muss man, wie bei jedem Spiel, kennen, damit es Sinn und auch Spass macht. Jeder und jede bekommt eine Rolle.
Wie kann man festgefahrene Routinen durchbrechen?
Hochzeitstraditionen gehen wie alle Traditionen mit Veränderungen einher. Manchmal sind sie auffälliger und manchmal weniger. Meghan Markle schritt bei der Hochzeit mit Prinz Harry im vorderen Schiff der St. George Kapelle allein bis zum Chor der Kathedrale. Traditionen müssen sich verändern, sonst sterben sie aus. Die gleichgeschlechtliche Ehe zeigt, dass sich diesbezüglich etwas tut.
Hochzeitsrituale basieren auf klaren Geschlechterrollen. Konservative Kreise reden gar von einer natürlichen, gottgewollten Ordnung zwischen Mann und Frau. Welche Auswirkungen hat das?
Diese Argumentation gründet auf der Annahme, dass die Natur von Gott geschaffen wurde und deswegen gut ist. Doch Geschlechterrollen sind menschgemacht und entstehen in historischen und geographischen Verhandlungsprozessen. Die Gefahr besteht, dass man so rechtfertigt, wieso eine gesellschaftliche Gruppe benachteiligt wird. Man könnte zum Beispiel sagen, dass Frauen Windeln wechseln müssen, weil das halt die Natur ist.
Die Zweiteilung der Geschlechter schafft aber auch eine gesellschaftliche Ordnung.
Es gibt Leute, die davor Angst haben, dass sich die Geschlechterrollen auflösen. Diese Angst ist oftmals damit verbunden, dass sie befürchten, Privilegien zu verlieren. Um die Gleichstellung von Mann und Frau auch ausserhalb gesetzlicher Vorgaben zu erreichen, würde es bestimmt helfen, Männer und Frauen in erster Linie als Menschen zu sehen.
Über Jahrhunderte wurde die Ehe als Bündnis zwischen Mann und Frau gefeiert. Welche Rolle spielt die Religion bei dieser binären Aufteilung der Gesellschaft?
Der Diskurs, der besagt, dass es nur Frauen und Männer gibt, wurde sicher auch von den monotheistischen Religionen geprägt. Das Narrativ von Adam und Eva hat eine heteronormative Aufteilung der Gesellschaft hervorgebracht. Aus diesem Ur-Paar soll die Menschheit entstanden sein. So verbreitete sich die Vorstellung, dass ein Paar aus einem Mann und einer Frau geformt ist, und dass dessen Aufgabe einzig die Fortpflanzung ist.