Hate Speech
Anonyme Beschimpfungen gegen Rita Famos enden mit einer Verurteilung
Eine 69-jährige Frau aus Bern ist wegen mehrfacher Beschimpfung von Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), sowie ihres Mannes und ihres Sohnes verurteilt worden.
Dem Strafbefehl, den ref.ch bei der Staatsanwaltschaft Bern-Mittelland einsehen konnte, gingen acht Briefe voraus, die zwischen Sommer 2023 und Frühling 2024 verschickt wurden. Begriffe wie «Götzendienerin» oder «gesetzlose Kirchengänger» gehören darin noch zu den harmloseren Beleidigungen.
Falschbehauptungen im Internet
In den sozialen Netzwerken wird hingegen behauptet, Famos habe die Pensionärin wegen eines einzigen Briefes angezeigt, in der ihr gesagt worden sei, «wo Gott hockt». Die Richter hätten die Frau zu einer Busse von tausend Franken verurteilt. Wenn sie nicht bezahle, müsse die Frau eine Woche ins Gefängnis. «Die scheinheiligen Frommen», heisst es in einer Nachricht, die ref.ch erreichte.
Tatsächlich verhängte die Staatsanwaltschaft im Sommer 2025 eine bedingte Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu je 60 Franken (1200 Franken). Sie wird nur vollzogen, wenn die Frau während einer Probezeit von zwei Jahren erneut straffällig wird. Bezahlen muss sie jedoch eine Gebühr von tausend Franken. Eine Ersatzfreiheitsstrafe wie sie im Internet beschrieben wird, ist nicht möglich.
Erste Briefe trafen 2018 ein
Im Gespräch mit ref.ch schildert Rita Famos den Fall ausführlicher als es der Strafbefehl erkennen lässt. «Seit 2018 erhielt ich diese anonymen Briefe», sagt Famos. Damals kandidierte sie erstmals für das Präsidium der Schweizer Reformierten. In einer Kampfwahl unterlag sie dem amtierenden Präsidenten Gottfried Locher.
2021 trat sie seine Nachfolge an. Locher war im Frühling 2020 von seinem Amt zurückgetreten, nachdem ihm mehrere Verfehlungen vorgeworfen worden waren. Eine Untersuchungskommission kam 2021 zum Schluss, dass Locher in seiner Funktion als Vorgesetzter eine frühere EKS-Mitarbeiterin in ihrer sexuellen, psychischen sowie spirituellen Integrität verletzt hatte.
Brief an Sohn führt zu Anzeige
Zunächst las Famos die anonymen Briefe noch. «Sie waren äusserst beleidigend, oft vulgär und wirr», sagt sie. Aber da die Briefe keine Morddrohungen enthalten hätten, habe sie nach Rücksprache mit dem Rechtsdienst keine Gefährdung gesehen und sie fortan ungeöffnet geschreddert. Schätzungsweise hundert Briefe habe sie erhalten. «Sie kamen in Wellen, manchmal hörte es auf, dann ging es wieder los.»
Laut Famos hat auch mindestens eine andere Pfarrperson ähnliche Briefe erhalten, nachdem sie sich theologisch zu Homosexualität geäussert hatte.
Die Absenderin begann später den Adressatenkreis auszuweiten, um vor Rita Famos zu «warnen». Zuerst an den Ehemann, der damals Stadtrat von Uster war. Aufgrund der starken Beschimpfungen empfahl die Polizei Anzeige gegen Unbekannt einzureichen. Diesem Ratschlag folgte man, als schliesslich ein wirrer Brief beim Arbeitgeber des Sohnes auftauchte. «Damit war für uns eine Grenze überschritten», sagt Famos.
Die Polizei konnte die Täterin ermitteln. Sie war den Behörden keine Unbekannte. Die Staatsanwaltschaft fragte Famos, ob sie sich als Privatklägerin am Verfahren beteiligen wolle. Dadurch hätte sie Schadenersatzforderungen geltend machen oder Verfahrensentscheide anfechten können. Famos verzichtete darauf.
Dass schlussendlich ein Strafbefehl erlassen wurde, erfährt Famos erst durch die Recherche von ref.ch. Sie hält es für richtig, dass das Strafverfahren den Verleumdungen, die auch Familienangehörige und deren Arbeitgeber betrafen, ein Ende setzen konnte.
Frauen besonders häufig attackiert
Grundsätzlich sei dieser Fall jedoch eine Ausnahme, sagt Famos. Sie erhalte zwar oft Mails oder Briefe mit extremen und zuweilen extremistischen politischen oder theologischen Äusserungen. Etwa im Zusammenhang mit der Covid-Pandemie oder der politischen Ausrichtung der EKS. «Aber ausser dieser Frau gab es niemanden, der mich dauerhaft diffamierte.» Viele Kritiker seien erstaunt, wenn man sachlich und freundlich antworte, und würden sich bedanken.
Der Fall der anonymen Briefe steht aber exemplarisch für ein Phänomen, das Forschende seit Jahren beobachten: Personen in öffentlichen Ämtern sehen sich zunehmend mit persönlichen Angriffen konfrontiert. Laut einer 2025 veröffentlichten Studie der Universität Zürich gehören Beleidigungen, Hassrede und Drohungen für viele Schweizer Parlamentarierinnen und Parlamentarier inzwischen zum politischen Alltag.
Eine weitere Studie der Universität Basel kommt zum Schluss, dass Frauen besonders häufig sexistischen und sexualisierten Angriffen ausgesetzt sind. Solche Erfahrungen führten dazu, dass sich Betroffene aus öffentlichen Debatten zurückziehen oder sich in sozialen Netzwerken weniger äussern.